Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-11-01
- Page
- 776 (sequence 3)
- Language
- German
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hatten längst die Hülse nach ihm gestreckt; auf, zur , Schenke, wo in lnstigem Neigen die frischen Bursche , die schmucken Dirnen schwenkten! — Schon stand er an der Thür imb seine Hand lag auf dein Drücker. Warum zögerte er? — Es war lange, seil er das Wirthshans nicht besucht und die wilde Viift dort gemieden. Leit er mit der Bozena gebrochen und die Marie all sein Linnen und sein Deuten gefangen genommen, hatte er den Tanzplatz nicht besucht, so sehr er chedent den Tan; geliebt. Marie's reinen keuschen Linn hätte er durch den Anblick der ländlichen Orgien nimmer beleidigen mögen nild selbst wenn er cs gewünscht hätte, dorthin wäre sic ihm nicht gefolgt. — lind seitdem er mit der Bozena gebrochen, hatte er auch beinahe mit seinen jämmtlichen Altersgenossen gebrochen, er fand keine Freude mehr an ihren wilden Gelagen und sie fanden den ״Daltiten", der immer und immer an der Schürze seiner blinden Mutter hing, doch allzu lächerlich. Und jetzt wollte er die Gemeinschaft dieser Bursche anssnchen? — ober war es die Gesellschaft der Dorfschönen? Wie ein Ekel übcrkam es ihn, mit einer Gcbcrdc des Ekels zog er sich von der Thür zurück, riß seinen Hut vom Kopf und warf sich abermals in den Nhnsessel seiner Mutter und versank abermals in düsteres Sinnen. Es war am Sonntag; der Tag war heiß und schwül, trotz seiner Unthätigkcit perlten dem jungen Braune dicke Schweißtropfen an der Stirn. Da begann der Donner zu rollen, flammende Blitze zuckten durch die schwere, von Elektrizität geschwängerte i'uft. Träumerisch starrte der Einsame enipor zu dem uächtlich düstern Firmament, das eben wieder sich!heilte und den slannnenden Blitzstrahl hernicdcrgleiten ließ, und fast im selben Moment folgte der Donner, lang anhaltendes, furchtbar lautes "Nöllen, als ob die Erde in ihren Grundfesten erschüttert wäre. Bon draußen her vernahm er das Kreischen furchtsanier Mägde, und spöttisch zuckte es um seinen Mund. Mochten sic fürchten, daß der Blitzstrahl in das Hans einschlage, ihn kümmerte solches nicht. Mochte der Blitzstrahl immerhin Hans und Hof ihm vernichten und die Saaten dazu — was kümmerte cs ihn? — er war der reichste Manu in! Dorf und doch mit feinem schmucken Hans und Hof und mit seinen reichen Saatfeldern vermochte er nicht, eine glückliche Stunde sich zu erkaufen. — Armer, armer Toni! — der Mutter hatte es wohl geahnt. Wie war das vor Kurzem noch so ganz anders gewesen, so ganz und gar anders, als die Mutter hier im Sessel geruht und Marie an ihrer Seite. — Ein sanftes liebevolles Wort der Alten, ein holder Blick an5 Marie's seclenvollcn, azurblauen Augen — mit dem Kaiser auf dein Thron hätte er nicht getauscht^ Und nun? — Die Mutter ruhte tief unter der Erde, sein Sehnen tonnte sie niinmer erwecken — aber Marie, sic, die er liebte mit der vollen Glnth seines leidenschaftlich begehrenden Herzens — sie lebte, sie war nicht gar fern vor! ihm, kaum eine halbe Tagereise trennte sie — und daß sic gleichgültig seine Leidenschaft genährt, daß es ihn! nicht gelungen, ihre Neigung zu erringen — das war es nicht, was er besorgte. Ihr bleiches schmcrzznckendes Antlitz mit dcnt Ausdruck unendlicher Ergebung, wie er es an jenem Abend nach bem Peßachfeste zuletzt gesehen — wachend und träumend stand cs vor seinem inneren Auge — an ihrer!Liebe zweifelte er nicht. — Doch was nützte es ihn!, wenn sie ihn liebte? — ob sie ihn haßte oder liebte, sein nennen konnte er sie nimmer, der stammende Berg Sinai war es, der sie schied. O, wie oft hatte die Mutter, die den Seelenzttstand ihres Sohnes längst durchschaut, wie oft hatte sie ihn hieran gemahnt. — ״Ein Tropfen Wasser auf ihr goldiges Haar und wir sind gleich," hatte er ihr einst crwiedert. Die scharfsichtige Blinde aber halte das Haupt geschüttelt, ״eh' die Marie so'n Tropfen Wasser auf sich duldet, eher laßt der Toni sein Blut um sie." — Und hatte die Verblichene nicht recht, wäre cs ihm nicht Wonne gewesen, sein Herzblnt für die (geliebte zu lassen? Und wie konnte er von einem Mädchen, das schon in den Kinderjahren solch felsenfeste Glanbenstrenc bewiesen, wie konnte er von ihr glauben, daß sic, und wäre es ans Liebe, sich znm Abfall werde verleiten lassen? — Nein, mochte sic ihn hassen oder ihn lieben, für ihn gab cs keine Hoffnung. Er bedeckte das zuckende Antlitz mit beiden Händen und ächzte laut. — Ihm war cs, als trete sie vor ihn, die lieblich holde Gestalt, als höre er ihre liebe, sanfte Stimme und vor seinem Innern zogen sie nochmals vorüber die schönsten Jahre seines Lebens, die, in denen Marie im Seidlcrhof geweilt. Horch! welch furchtbarer Donnerschlag! — Ein solches Gewitter war einst vor nahezu zwei Jahren, in den ersten Wochen, die Marie in seiner Nahe vcrlebt, gewesen. Das Unwetter hatte sie draußen unter dem Apfelbaume überrascht, wo Marie mit der Blinden verweilt. (»Zouscpung folgt.)