Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-11-01
- Page
- 775 (sequence 2)
- Language
- German
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77 trotz des heftigen Scelcnleidens, das auch aus ihren Zügen sprach. ״Ich möchte Euch danken," sprach sic leise, für Alles danken — aber —" Er preßte ihre Hand wie mit einer Art grausamen Wildheit; sic wähnte die Finger zerschmettert von dem wuchtigen Druck — da ließ er sie plötzlich fahren — und ohne Wort und ohne Gruß verließ er hastigen Schrittes das Zimmer und das Haus — donnernd warf er die Thür hinter sich iu's Schloß und stürmte hinaus in die finstere steruenlose;Nacht. Die Windsbraut heulte, der Regen floß in Strömen; er lachte hell auf, inmitten der Straße stand er stille — die Hände in den Taschen, den Kopf rückwärts geneigt, hielt er die glühende Stirn empor, daß die rasch hinter einander herniederfallenden Regentropfen die brennende Glnth ihm lösche — und abermals lachte er hell auf — so laut, so unheimlich grell, daß ihm graute ob seines eigenen Gelächters. — ״Herrgott!" murmelte er in sich erschauernd, ״lache ich über mich oder über dich? —" Ein Frösteln überfiel ihn, seine Zähne schlugen aneinander. ״Marie! — Marie! — sie war mein guter Engel — Herrgott! verlass' mich nicht! —" Trotz des anhaltenden Unwetters schritt er langsam dem Wirthshansc zu, wo er Wagen und Pferd eingestellt hatte. — Mari suchte ihn zu überreden, das Ende des Unwetters oder wenigstens Tagesanbruch abzmvarteu; er aber bestand auf sofortige Abreife — je finsterer die Nacht, je granser das Wetter, desto besser stimmte es zu der trostlosen Oede in seiner Brust. — Oede war es in seiner Brust, wie daheim in seinem Hof. Hastig zahlte er seine Zeche, spannte sein Pferd ein und fort ging's in die grausige ׳Nacht. — ״Ich muß heim," hatte er den! Wirthe crwiedert, der ihn aufzuhalteu sich bemühte. ״Heim —,'׳ wiederholte er, als er jetzt in seinem Leiterwagen dahinrollte und bis auf die Knochen durchnäßt in sich erschauernd den Kragen in die Höhe zog. — ״Ich muß heim! —" abermals zuckte cs wie ein Hohnlächeln um seine Mundwinkel — ״ich muß heim!" stammelte er Plötzlich schluchzend, uud Thräne auf Throne glitt über seine Wangen. Hier hatte er sich nicht zu schämen, hier sah ihn keines Menschen Auge — hier konnte er weinen, er war allein. — Daheim — wohl war er auch daheim allein — keine freundliche Stimute hieß ihn willkommen, wenn er heim kam, kein theilnchmcndcs Auge schallte nach ihnl ans, wenn er ferublicb — kalte fremde neugierige Blicke warteten seiner daheim — und den tiefen verzwciflungs- 5 vollen Schmerz seilles Herzens mußte er bergen tief in seiner Brust. Am Morgen,!loch bevor die Arbeit begollilen, hatte Scidler seinen Hof erreicht. Aeußerlich war er ruhig, und keiner seiner Leute hatte eine Ahllnng von dcnl Stilrnl, der in der verwichenen ׳)lacht sein Inneres durchtobt. Sein bleiches Aussehen schrieb man der Kälte und dem Unwetter zu, llnd eine der Mägde forderte ihil ulitlcidig auf, die dnrchlläßten Kleider zu wechseln. ״Ach was, 'n bissel Wasser —," eutgegucte er achselznckelld mit echt bäuerischem Lachen, trotzdem befolgte er den wohlgemeinten Rath noch bevor er den Morgenimbiß zu sich nahm. Daun ging's an die Arbeit. * * * Die Arbeit war eine Wohlthat für den Vereinfamten und wie ehedem giilg die Arbeit rüstig von statteil, doch, die Arbeiter hatten einen andern Herrn vor sich. Kein Scherzwort kam je über seine Lippen, kein Lächeln erhellte sein finsteres Angesicht und die geringste Uuachtsanlkcit ahlldetc er mit nuuachsichtlichcr Strenge. — War das der harmlose Menschenfreundliehe Scidler Toni, beffeu Jähzorn sonst mir wirkliche Herzcnsrohheit erweckt? — Der kleinste Fehler, die unbedeutendste Nachlässigkeit seiner Leute konnte jetzt seinen wilden zügellosen Zorn entflammen, und wehe Dem, der ihn entflammt! — Scheu und furchtsam wichen .Knechte und Mägde ihm aus, wo immer sie ihn meiden konnten, und noch nachträglich siel gar manche Dankesthränc auf das Grab der verstorbenen Seidlerbänerin, die, wie cs hieß, bei Lebzeiten den Sohn von seinen gcwaltthätigen Ausschreitungen zurückgehalten hatte. ״Was soll's ihm und was nntzt's ihm?" fragten die Leute einander oft kopfschüttelnd, ״was soll's und was nützl's?" fragte er oft grollend sich selbst, wenn er allein in seinem verödeten Heim in finsterer Nacht oder an Hellen Sonntagen mit sich zu Rathc und zu Gericht ging. Was soll's und was frommt's? was würde die Marie sagen, wenn sie sein wildes Treiben jetzt schauen würde? — Flammende Rothe überzog sein Antlitz. cS war die Röthe der Scham, der Scham über sich selbst. Er warf sich in den Lehnsessel seiner verstorbenen ׳).Natter und preßte zähneknirschend die geballte Faust an die Stirn. — War's denn seine Schuld, daß cS in ihm gührte- und tobte? — was hatte er verbrochen, daß solche Qualen ihm aufcrlcgt? — O diese Oede, diese grenzenlose Oede! — er vermochte sie nicht länger zu ertragen. Entschlossen sprang er auf. Er wollte sic auch nicht länger ertragen! — Wozu auch Oede und Einsamkeit? er war jung und frisch und wohlgestaltet und , der reichste Bauer im Dorfe; die schönsten Mädchen