Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-10-25
- Page
- 760 (sequence 3)
- Language
- German
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fic deS verflossenen Jahres, als sie nach AuSgang des Festes auf den Seidler Toni gewartet, der sie hinaus geholt hatte auf den Seidlerhof. Doch horch, waS war daö? — mit wem sprach Kohn da draußen? — Die Thür ging auf, und von dem Hausherrn degleitet, trat der junge Seidler in das Zimmer. Mirjam stieß einen halbnnterdrückten Schrei aus und starrte ihn an, als habe sie ein Gebilde ihrer Phantasie erblickt — fic hatte ja in Wirklichkeit so eben seiner gedacht. — Doch das war nicht der frische, blühend schöne junge Mann, der sie freudestrahlenden Angesichtes im Vorjahre hier ausgesucht. -- Der eben Eingetrctcne war bleich und hohlwangig; sein blaues Auge weit größer als sie eS je gesehen — er trat zu ihr und bot ihr die Hand. ״Grüß' Dich Gott, Marie!" sprach er mit leiser, merklich vibrircnder Stinune. Sie legte ihre bebende Hand in die seine, aber die Sprache versagte' ihr; seinen Gruß vcrmocbte sie nicht zu erwicdern und schweigend standen Beide mehrere Minuten lang einander gegenüber. Kohn war hinaus in die Küche geeilt, seine Frau hcrbeizurusen; der nächtliche Besuch war ihm höchst unwillkommen — aber da kam schon Nahe! und hieß den jungen Mann freundlichst willkonimen, reichte ihm einen Sessel und bat ihn, sich niederzulassen. Seidler ließ die Hand des jungen Mädchens, die er bisher noch gehalten, fahren und warf sich wie erschöpft in den Sessel. . ״Dank schön," murmelte er, .,die Kniee sind mir wie abgehackt." ״Da müßt Ihr gleich ein Seidel Wein trinken," rief Kohn und eilte hinaus, das Erwähnte zu besorgen, indem er durch einen Wink seine Frau ausfordcrte, daö Zimmer nicht zu verlassen. Rahel verstand seinen Wink und obgleich sie seine Besorguiß nicht theilte, entsprach sie dennoch seinem Wunsche, setzte sich dem jungen Manne gegenüber und richtete einige thcilnehmende Worte an ihn. ״Ich dank- Ihnen," versetzte er, ״ich dank'Ihnen — ich weiß, Sic meinen'ü gut — aber — Marie —," wandte er sich an diese und seine Stimme war mit einem Mal so heiser, so gänzlich verändert, daß man hatte wahnen können, ein Anderer habe gesprochen. ״Marie — bist fertig? —" Sie blickte ihn fragend an, sie hatte cS in Wirklichkeit nicht verstanden. Rahel aber wußte, was er meinte. ״Lieber Freund," sprach sie sanft, ״Sie dürfen es uns nicht verübeln, aber jetzt — jetzt, wo — wir können Mirjam nicht mehr mit Ihnen fortlassm." Cr sah sie an, in seinem bleichen Angesichte zuckte eS; dann seufzte er schmerzlich, und sein Haupt neigte sich tief über seine Brust. Rahel enipfand aufrichtiges Mitleidcn mit ihm. ״Sie werden eS selbst einsehen —fuhr sie in demselben freundlich mildem Tone fort, ״Sie werden cs selbst einsehen — Sie haben zwar Knechte und Mägde auf Ihrem Hof — aber die Herrin fehlt — und Sic sind ein junger Mann — und Mirjam ist ein junges Mädchen — nicht wahr, Sie sehen eS ein, daß es nicht geht —" Sein Haupt neigte sich noch tiefer. ״Versteh' schon," murmelte er, ״versteh — die Mutter hat's eh gesagt — 0! — 0! — armer Toni! hat sie gesagt — armer Toni! — o, so arm! —" Er schlug die Hände vor daö Angesicht, man vernahm keinen Laut; aber die heftigen konvulsivischen Bewegungen seines Oberkörpers ließen errathen, daß er innerlich schluchzte — Mirjam, wie von einer plötzlichen Beängstigung ergriffen, hatte hastig das Fenster geöffnet und lehnte mit ihrem thräncnüberströmten Antlitze weit hinaus. Rahel aber fuhr fort, in mildüberzeugenden Worten dem furchtbar Erregten Trost und Hoffnung znzusprcchen, während Kohn an der entgegengesetzten Seite des Zimmers, die Arme aus dem Rücken krcuzweis übereiuandergetegt, auf und niederwandelte und durch sein Kopfnicken den Worten seiner Frau seine Zustimmung geben zu wollen schien. Endlich gelang es auch dem jungen Manne, sich zu fassen. ״Ich dank' Ihnen." sagte er wiederholt, ״ich dank' Ihnen — Sic sind gut und Sie meinen'S gut — und recht haben's auch — wcun'S Gottes Willen ist — die Mutter hat auch allemal gesagt — waS Gott einem aufcrlcgt, das nruß man tragen — ohne Murren. — Aber was werden'S von mir denken — so soll ein Mann sich zeigen — wie 'n Waschweib —" Rahel versicherte, daß der Trauer um den Verlust einer Mutter kein Sohn sich zu schämen habe, und daß sein heftiger Schrnerz ihn in ihren Augen nur achtungswcrther erscheinen lasse. Da aber loderte es wild auf in den Augen des jungen MauneS. ״Sie meinen, ich war' besser als ich bin," flüsterte er hastig, ״'S ist ja nicht das allein — nein —״ Aber Rahel winkte ihm abwchrcnd und deutete auf das junge Mädchen, daö noch im Fenster lehnte. Doch Seidler, ob er sie nicht verstehen wollte oder ob er sich nicht mäßigen konnte? — ״Nein, Sie sollen nicht meinen, ich war' besser —" (Fortsetzung folgt.)