Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-10-25
- Page
- 759 (sequence 2)
- Language
- German
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759 Händlers während der Halbfcicrtage ausfallend; doch Nahet hatte den danach Fragenden der Wahrheit gemäß mitgethcilt, eine ihrer Freundin nahestehende Schwerkranke habe nach dieser verlangt, und ihr Mann habe das Mädchen nicht allein fahren lassen wollen. Der Abend war vollständig hereingebrochen, als der ersehnte Wagen endlich vor dem Hauses hielt. Froh erregt wollte Nahet hiuauSeilcn, die Heimkchrenden zu begrüßen; doch ihr Mann trat ihr schon in der Zimmerthür entgegen und schloß sie in seine Arme und küßte sie so innig und so lange, als hätte er Monate fern von ihr geweilt. Innig erwiederte sie seine Umarmung, doch bald entwand sie sich seinen Armen, um das junge Mädchen zu begrüßen, das matt und bleich und theilnahmlos an dem, waö sie umgab, dort an dem Sessel lehnte. Leise, fast unmerllich erwiederte sie Rahel'ö Händedruck, und als diese sie an sich zog und ihr zuflüsterte: ״jetzt bleibst Du für immer bei uns," da neigte sie zustimmend das Haupt; doch während des ganzen Abends kam kein lautes Wort über ihre Lippen. Auch am folgenden Tage wandelte sie wie träumend im Hause umher, ihre Augen waren beständig voll Thränen und ihre Sprache leise, oft unhörbar. Wohl bemühte sie sich wie sonst, der Freundin behülflich zu sein, doch keine freundliche Gegenrede, kein Lächeln erwiederte Nahel'S wohlgemeinte Scherzrcden. In der Nacht vom Donnerstag auf Freitag war Kohn, seinem Versprechen gemäß, abermals mit dem jungen Mädchen fortgcfahren und dieses Mal, trotz Rahel'ö dringenden Abmahnens, hatte er selbst die Pferde gelenkt. Bon seinen früheren Reisen her, bei denen er häufig selbst kutschirt hatte, wußte er uüt den Thieren umzugehen; doch Nahe! kam es unglaublich vor, daß ihr Mann, wie sie ihn da vor sich sah, dieses verstehen sollte. Er aber besorgte, durch einen mitfahrenden Fahrknecht das Gcheimniß von Mirjam's bisherigem Aufenthalt im Seidlcrhof Preis zu geben, und zum ersten Male bcharrte er seiner Frau gegenüber bei seiner Ansicht. ״Nahclleben, mein Kind, thu mir den einzigen Gefallen und sorg' Dich nicht. Mirjam,, waö sagen Sie? fürchten Sie sich, zu fahren, wenn ich allein kutschir'?" Mirjam schüttelte verneinend das Haupt. ״Sichst Du, Nahelleben, die Mirjam ist eine gescheidle Person und wenn sie sich nicht ängstigt, hast Du Dich auch nicht zu ängstigen." Ihre Abwesenheit hatte dieses Mat auch nicht überniäßig lange gewährt, schon in den ersten Stunden des Nachmittags waren sie hcimgckchrt. Mirjam hatte nur, ihrer Zusage entsprechend, der Verblichenen das letzte Geleit gegeben und auf einen Moment war ihr Blick dem des trostlosen Sohnes begegnet; doch hatte er sie nicht ausgesucht, und sie war nicht hin zu ihm getreten. Gleich nachdem der Sarg in die Gruft hinabgelassen war und die ersten Schaufeln Erde kollernd darauf gefallen, hatte sie in sich erschauernd sich entfcrnt; unbemerkt hatte sie daS Trauergeleite und den Friedhof verlassen und war zu dem Wagen geschwankt, in dem Kohn unfern des Kirchhofthores ihrer harrte. Er hatte ihr mit aufrichtiger Herzlichkeit gedankt, daß sic sich so sehr beeilt, denn er wußte Rahel besorgt, darum drängte cs ihn heute noch mehr, möglichst rasch hcimzukommcn und außerdem war auch der Sabbath im Anzuge. Kohn lenkte die Zügel aus dem Kutschersitze; Mirjam lehnte im Fond des Wagens; eine Unter- Haltung war daher sehr erschwert und, um auch dem Versuche dazu auszuweichen, schloß Mirjam die Augen. Der freundliche Nosselenkcr wähnte sie schlafend; doch sie schlummerte nicht, sie hatte selbst in den verflossenen Nächten wenig geschlafen. Nahe! war ernstlich besorgt, als sie das bleiche, sichtlich leidende Mädchen erblickte — dennoch glaubte sie, ihr wohtzuthun, wenn sie sie möglichst häufig mn kleine Dienstleistungen ansprach und Mirjam griff auch bereitwillig allerorts zu, doch sie that alles wie abwesend; man sah, ihre Gedanken weilten nicht dort, wo sie sich befand. Nahet beobachtete sie voll Unruhe; wohl wußte sie, daß sie die Verblichene aufrichtig geliebt; doch der Ausdruck eines solch tiefen Schmerzes erschien ihr durch deren Hiutritt nicht gerechtfertigt. Es war ja auch nicht der Schmer; um die Verblichene allein, der das Herz ihr zusammcnzog, er war es vielleicht nicht einmal vorwiegend, sic war sich selber darüber nicht klar, in ihr wogte und tobte cs — unablässig trat das Bild des trostlos verzweifelnden Sohnes vor sie — unablässig war eS ihr, als vernehme sie die letzte Bitte der Sterbenden: tröste ihn! — Wie sollte, wie konnte sie ihn trösten? — Sie zürnte sich selber, daß sie den thcilnehmenden Aufmerksamkeiten der Freunde gegenüber sich so theilnahmlos zeigte — doch sie konnte nicht anders, eS war ihr nicht möglich. So verstrichen die Feiertage. In der zarten, liebevollen Weise, die Beiden eigen war, hatten Ratzel und ihr Mann ihr Möglichstes versucht, die Trauernde zu erheitern — umsonst. * * * DaS Peßachsest war vorüber; Kohn hatte bereits bei einem Glase Bier den Hawdalahsegen gesprochen; Mirjam schickte sich eben an, beim Reinigen und Forträumen des Pcßachgeschirrcs bchnlflich zu sein, als ein lautes Pochen an der Hausthür sie ausschreckte. Sie fuhr mit der Hand nach dem Herzen; es hämiikerte plötzlich so rasch und so laut — unwillkürlich gedachte