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Jeschurun · 1883-10-25 · Heft 43 (25.10.1883) · p. 755

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 43 (25.10.1883)
Article
Das Brechen der Judenmacht
Date
1883-10-25
Page
755 (sequence 2)
Language
German
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der Liebe und Freundschaft ihm der geistliche Herr und dessen Anhänger cntgcgentragen. Eö wäre ein totales Verkennen der Sachlage, wenn man auch nur im Entferntesten den Gedanken hegen »möchte, durch eine Widerlcgung der von dieser Seite mit einer Unvcrdrossenhcit, welche wahrlich einer besseren Angelegenheit würdig sein würde, in die Welt gesetzten Schmähungen des Judenthums und der Jndcnhcit Herrn Stöcker und seine Gesinnungsgenosse» eines Bessern zu belehren. Dieselben wollen gar nicht eines Irrthums überführt werden, und es dürfte überhaupt sehr zweifelhaft sein, ob in der heutigen antisemitischen Bewegung ein wirklicher Jrrthum zu bekämpfen wäre, ob nicht vielmehr die Leiter und Führer sich sehr wohl der Stellung bewußt sein könnten, welche sie der Wahrheit und Wirklichkeit gegenüber einnehmen. Auf Seiten der Angegrissenen und Geschmähten aber gicbt man sich viel zu sehr einer irrthümlichen Anschauung hin. Man beredet sich nämlich gern, die feindliche und gehässige Gesinnung werde nur von einer kaum zu beachtenden Minorität gethcilt, und im Hinblick aus die allerdings erfreuliche Thatjache, daß in dem gewöhnlichen Verkehr jene Feindschaft nicht allzu oft offenbar zu Tage tritt, wiegt man sich in dem Gefühle einer behaglichen Sicherheit, wähnend, der deutsche Antisemitismus sei im Grunde nunmehr im Absterben begriffen. Das Gcgcntheil scheint uns aber vielmehr der Wirklichkeit näher zu kommen. Gerade in einflußreichen Kreisen und in den höheren Gesellschaftsschichtcn glauben wir eine tief eingewurzelte Animosität und Voreingenommenheit erkennen zu müssen, welche nicht zum Zwecke einer zufällig vorliegenden Aktion, wie Landtags-, Reichstags-, Stadtverordneten- Wahlen u. dergl., benutzt und auSgebeutet werden, sondern die sich ein eigenes bewußtes Ziel gesetzt, das in nichts anderem gipfelt, als die Gleichberechtigung der Juden auf dem Wege der Gesetzgebung aufzuheben. Je mannigfächere Hindernisse sich diesem Ziele entgegcnstellcn, desto eifriger und energischer gilt cs, dahin zu wirken, daß die Vorbereitungen für eine legislatorische Intervention geschaffen werden, daß der Acker urbar gemacht wird, auf welchem demnächst die Ausschließung der Juden von gewissen Rechten als reife Frucht fröhlich einznheimsen ist. Die Juden bieten nun aber keine Veranlassung zu einer Unterdrückung, etwa ans dem Grunde, daß sie mit äußeren Feinden gegen den Bestand des vaterländischen Staatsvcrbandö konspiriren, sie bilden auch kein unter einem frcntbcn Oberhaupte organisch gegliedertes religiöses Gelneinwesen, sie haben auch keine Sonderiuteresseu politischer Natur zu pflegen, geheimnißvolle Orden und Konventikcl sind ihnen fremd. Es muß deshalb eine Handhabe künstlich hcrgestcllt werden, um die Klinke der Gesetzgebung möglichst bald gegen sie in Bewegung zu setzen. Was ist so erfinderisch wie der Haß, was so wenig skrupulös in der Wahl seiner Mittel wie dieser? Tnihit sua quemque voluptas, die Leidenschaft reißt einen Jeden hin, und welche Leidenschaft ist gewaltiger als der Haß? Dieser sicht nur den Gegenstand seines Mißbehagens, und die Phantasie ftaffirt denselben zu einer fratzenhaften Erscheinung aus. Also liebte cS der glaubcnswüthige hispanische Fanatismus, seine Schlachtopfcr in ein mit Teufeln und Flammen bemaltes Gewand zu hüllen und ihnen eine spitze Mütze auf das Haupt zu stülpen, um sie für den Scheiterhaufen des Autodafe vorzubereiten. Einer ähnlichen Vorbereitung werden die Juden unserer Zeit unterworfen, und die Künstler haben von dem Höllmbrneghel die Manier entlehnt. ES überläuft Einem ein Gruseln, wenn man die lieblichen Gemälde betrachtet, welche von den Inden augenblicklich so massenhaft entworfen werden, daß sic überall im deutschen Reiche zu schauen sind; uns selbst überkommt ein Grauen, wenn wir ein solches Konterfei unseres JchS von dem Pinsel eines Marr oder Stöcker vor unS haben. Pechschwarz und zottig, mit Hörnern und Krallen, Huf und Schweif versehen, grinsenden Antlitzes, aus welchem eine furchtbare Habichtsnase hervorspringt, und mit dem wohlbekannten traditionellen satanischen Aroma behaftet, führen diese Künstler dem Volke tagtäglich den Inden auf offenem Markte vor. Die Menschen laufen zusammen, und auch die liebe Jugend bleibt nicht .zurück; und wenn sie in Hellen Haufen das gruselige Bild — je gruseliger, desto schöner — umstehen, dann tritt der Mater hervor und erläutert mit Stentorstimme und gar schauerlich die schauerliche Mähr, so ans der Leinwand höchst lebendig dargestellt ist. Von dem Höllenfürsten, Jud' genannt, und den schlimmen Streichen, so er cmsübt, zur Berückung unschuldiger Seelen, zur Verführung der Tugend, zum Schaden an irdischem Glück und himmlischem Heil. Die wunderschöne Geschichte ist auch fein säuberlich auf grobem Papier mit fetten Lettern ״gedruckt in diesem Jahr" um zween Pfennig zu haben, und wird reißend zur Erinnerung an das herrliche grauenhafte Bild von dem hochverehrten Pnbliko gekauft. Dann rollt der Künstler die Leinwand zusammen und wandert zu einem andern Jahrmarkt mit demselben Ersolg. ״Die Macht des Jndcnthums muß gebrochen werden" — das ist die Moral davon. Dieser ״Moral" war, wie erwähnt, auch die Stöcker'schc Rede vom 12. Oktober in den geweihten Räumen der Berliner Tivoli-Brauerei gewidmet. Herr Stöcker ist der deutsche Eato, des Vaterlandes Wohl geht ihm über Alles und deshalb müssen die Juden vernichtet werden. Herr Stöcker ist die deutsche Kassandra, er weissagt den Untergang des Reichs, er sieht das

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