Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1883)
- Article
- Wie erziehen wir unsere Kinder?
- Date
- 1883-10-25
- Page
- 754 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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754 ja, für die Erreichung dieses hohen Ziels seinen Brüdern das Banner deö Gottesgeseyes voranzutragen und durch das Beispiel seines Lebens dasselbe zur lebendigsten Anschauung zu verwirklichen. Nicht in den Tempeln und durch die Choräle seiner Gebete vollbringt er die ihm gewordene Mission, in den jüdischen Hütten und Häusern, in dem jüdischen Familienleben, dort predigt er die Hcilesbotschast an die Menschen, und keine Kirche, kein Episkopat, kein Priester, kein Geistlicher ist der besondere Träger dieser Mission, sondern jeglicher Jude, der Hausircr mit dem Bündel auf dein Nacken, der Handwerker mit seinem Werkzeug, der Kaufmann, der Gelehrte, Jeder auSnahmlos steht als solcher da und hat zu dem gleichen Berufe feine Kinder heranzubitden. Ein jedes Kind ist ein Saatkorn für diese Heileszukunft, welche auf dem Acker der Menschheit reisen soll und unscheinbar und dem Auge der Sterblichen oft verborgen, langsam aber sicher reift. Denn mit jedem jungen Mcnschcusproß, welcher in das Dasein tritt, will der allgütige Schöpfer einen neuen Träger des GottcSgcistcs, einen neuen Kämpfer und Streiter für den heiligen Bund erslehen lassen, in dessen Dienst Er vor Jahrtausenden Abraham berufen, auf daß die er der geistige Vater der zur Höhe des GottesbewußtseinS sich emporringcnden Menschheit werde. Der Macht der Erziehung, der Kraft des Beispiels der Eltern hat Gott die Wiedergeburt der Ihn: cntfrcnldeten Menschheit anvertraut, denn ״Er hat nur deshalb Sein besonderes Augennlcrk auf Abraham gerichtet, bannt er seine Kinder und sein Hans nach sich verpflichte, daß sie den Weg Gottes hüten: Pflicht, Milde und Recht zu üben;" und ״aus dein Munde von Kindern und Säuglingen hat Er eine uriwider- -stehliche Macht gegründet, um Derer willen, die Ihn verdrängen möchten, — Feind und Selbsträcher endlich enden zu lassen." Die Lösung unserer Lebensaufgabe gipfelt deshalb in der rechten Erziehung unserer Kinder, und keine heiligere und erhabenere Pflicht liegt uns ob, als unsere Kinder auf den rechten Pfad zu lenken, daß sie zu treuen ״Hütern des GotteSwcgcö" heranblühen. Diese Blätter möchten einen bescheidenen Beitrag liefern, nur für eine solche Erziehung einige Andeutungen und Winke zu geben, welche vielleicht nicht ganz einer Beachtung unwerth sein dürften. Es ist keine gelehrte Abhandlung, die wir unfern Lesern hier bieten; es sind auch keine neuen Gesichtspunkte, die wir ihnen eröffnen. Nur aus der eigenen Erfahrung geschöpfte schlichte Beobachtungen eines Vaters, dem die Erziehung seiner Kinder als das vornehmlichste Geschäft galt, legen wir hier nieder. Unser Zweck ist vollkommen erreicht, wenn sie hier und dort etwa zum Nachdenken über die Erziehung Veranlassung geben würden. Das erscheint unö schon als ein nicht geringfügiges Werk. ES will uns nämlich bedünken, als ob nur allzu oft die Erziehung der Kinder ohne besonderes und unausgesetztes Nachdenken geübt werde. Derselbe Mann, welcher unaufhörlich bemüht ist, in seinem Erwerbsstreben jede Gelegenheit zur Mehrung seines Besitzes auSzuklügeln, jede veränderte Sachlage zu seinem Nutzen zu erkennen, sei cS, um neue Vortheile wahrzunehmen, sei es, um sich vor Verlust zu schützen, derselbe Mann zeigt öfter eine staunenswcrthe Sorg- und Gedankenlosigkcit in dem ErziehungSgeschäste. Er glaubt, vollauf'ein Genüge gcthan zu haben, wenn er für die erste Kindheit Amme und Arzt ihre Schuldigkeit üben läßt und sich später der Muhe unterzogen hat, sein Kind einer Schule zu übergeben, in welcher eS bis zum Eintritt in das Leben mit den für den Erwerb nothwendigen Kenntnissen ausgerüstet wird. Und doch müßte ihn ein geringes Nachdenken sagen, daß schwieriger als der Gelderwerb die Erziehung sei, daß sie mehr als jede andere Kunst eine besondere Aufmerksamkeit und Ucbung erheische; und so wenig er sein Geschäft dem Zufall überlasse, obgleich ja Manchem das große LooS im Schlafe zu Theil werden könne, so wenig dürfe er bei der Erziehung dem Ungefähr vertrauen, oder der guten natürlichen Anlage, daß sein Kind zu einem wahrhaft sittlichen, zu einem wahrhaft guten Menschen sich entwickele. (Fortsetzung folgt.) Das DreHe» der IOemichl lautet der Titel und bildet den erbaulichen Inhalt einer jener bekannten Predigten, welche der ehrwürdige Herr Stöcker in den Wirthschaftslokalen Berlins zu halten liebt. ES war am 12. Oktober, als dieser Erguß seines frommen und liebevollen GcmüthS der Wett offenbar wurde, unb zwar in der Tivoli-Brauerei. Die ״Nene Preußische Zeitung", welcher wir das Referat darüber verdanken, nicldct, daß die andächtige Zuhörerschaft des Herrn Hofprcdigcr nach Tausenden zählte. Herr Stöcker ist ein fleißiger, uncrlnüblicher Arbeiter, — ob der Weinberg, welchem er feine Sorgfalt zuwendet, der ״Weinberg des Herrn" ist, wollen wir nicht entscheiden — und seine Reden sind sehr zahlreich, so daß es vielleicht überflüssig erscheinen könnte, einer einzelnen derselben eine ganz besondere Beachtung zu widmen. Sie alle bilden ja ein zusammenhängendes Ganzes und gleichen sich sämmtlich an Inhalt, Form und Vortragsweise. Es will uns aber bedünken, als ob es doch nicht ganz unangemessen wäre, von Zeit zu Zeit eine oder die andere kurz zu skizzireu, um dem israelitischen Lesepubtikum, welches ja nicht zu dem Auditorium Stöcker'S gehört, bekannt zu geben, welche Gesinnungen