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Jeschurun · 1883-10-10 · Heft 41 (10.10.1883) · p. 723

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 41 (10.10.1883)
Article
Die Verhandlung des Tisza-Eszlarer Prozeß vor dem Gerichtshof in Nyiregyhaza
Date
1883-10-10
Page
723 (sequence 3)
Language
German
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aufiflcgcbcii, welcher befahl, alle Flößer an der Theiß zu verhaften, besonders, wenn sie Juden sind; man fand einen solchen, verhaftete ihn und hier ist er: David Hcrsko. Man verhaftete so 15 Flößer, darunter auch zwei Juden. Der Nyiregyhazacr Gerichtshof verhörte dieselben, und bei dieser Gelegenheit schil. derten alle 15» übereinstimmend die Vorkommnisse aus dieselbe Weise. Sie sagten, wo sie den Leichnam fanden, wie sie ihn begruben. Nach der Sitte der Flößer wird eine aufgcsnndcne Leiche immer begraben,!veil Gott sonst Wind und Sturm gegen sie sendet. Der Stuhlrichter gab den Flößern ein Trinkgeld, und sie gingen tveiter. ohne zu wissen, an welch schrecklicher That sie theilnahmcn. Hieraus folgte die Mythe vom Leichenschmuggel׳, doch dazu gehörten Zeugen und Angeklagte. Da war das Tisza-Loeker Gartenhaus, in welchem der Sicher- Heitö-Kommissär residirtc, und der that seine Schuldigkeit. Der Vertheidiger charaktcrisirt das gegenüber den Zeugen und Angeklagten in Angelegenheit des angeblichen Leichenschmuggels beobachtete Verfahren und fährt dann fort: Mir scheint es, als ob es Leute gab, welche in die Untersuchung cingrissen und die nicht bei Hcrsko, Vogel 11. s. w. die Lösung dieses Räthsels suchten, sondern bis zu den jüdischen Millionärcu gehen wollten, um auch diese ins Unglück zu bringen. Doch die Untersuchung blieb stecken und dies ist hauptsächlich der Ober-Staatsanwaltschaft zu danken. Der Privatklägcr erklärte hier, er wolle jenes Blatt ans der Geschichte Ungarns löschen, welches das Fallenlassen der Anklage in diesem Prozesse verzeichnen wird, und doch trat nur ein einziger Mann in Ungarn gegen die Pressionen und Gcwaltmaßregcln im Laufe der Untersuchung aus, und den Namen dieses Mannes wird die ungarische Geschichte niemals vergessen. Es war der königlichc Ober-Staatsanwalt. Die Ober-Staatsanwaltschaft hat angeordnet, daß, in so lange das Urtheil nicht gesprochen, die Angeklagten nicht verfolgt und ihre Menschenrechte nicht mit Füßen getreten werden sollen. Deshalb muß ich von der Vertheidigerbank aus, welche sonst dem öffentliche Ankläger gegenüber steht, dem Ober'-Slaatsanwaltc und dem Staatsanwaltc HavaS meinen Dank nnsdrücken, weit sic jenem Strome widerstanden, welcher die Ehre Ungarns zu Grunde richten uwlltc. Redner führt aus,, daß Smitovics und Hcrsko weder durch einen objektiven Thatbcstaud, noch durch Zeugenaussagen oder durch ein Geständnis belastet erscheinen, und auch gegen Groß und Klein keine Beweise vorlicgen. Ein Jrrlhnm ist das Ganze, sagt der Vertheidiger, der im Lause der Untersuchung entstanden/ Jrrthümer, Fehler, Versäumnisse und Gesetzwidrigkeilen sind geschehen, und trotzdem ist cs nicht gelungen, Dinge, die niemals geschehen, zu beweisen, ja nicht einmal plausibel zu machen. Wie konnte es geschehen, daß der Prozeß dennoch zu einem solch riesigen wurdet 74 Personen — 57 Inden und 17 Christen — wurden vcrhastct, zahlreiche Individuen unter Polizeiliche Aussicht gestellt, das Hausrecht ivurdc gestört, das Briefgeheimnis; verletzt, cs wurden Versuche gemacht, telegraphische Depeschen zu inhibiren; in ganz Europa wurde der rituelle Mord ausgeschricn, gegen eine Religions-Genossenschaft wurde agitirt und Haß gesät, und elf Angcllagte erleiden seit vierzehn Neonaten die ׳Oualcn der Gejangenschaft, und das Resultat dieses ungeheuren Aufgebotes ist nichts Anderes, als daß der gute Ruf des Landes in den Kolh gezerrt wurde. Den Ausgangspunkt des Prozeßes bildete das Gcschivätz eines vierjährigen Kindes. Ich kann hier nicht umhin, jenem Stuhlrichter meine volle Anerkennung ausznsprechcn, welcher die Sache nicht ernst nahm, auch die Worte der Mutter mit dem gesunden Menschenverstände nicht zu vereinen vermochte und dem Blödsinn nicht das Siegel seines ehrenvollen Namens und Amtes ausdrückte. Einem Üutersuchuugs-Orgaue des Gerichts- Hofes blieb es Vorbehalten, in der bekannte» Weise vorzugehcn, Übst solchen Verdachtsmomenten gegenüber, welche seine Aus-! merki'amkeit gerade nach der entgegengesetzten Richtung hätten; lenken sollen. Als am 18. Mai die Anzeige hierher gelangte, i hieß cs in derselben bereits, natürlich ohne die geringste Motivirung, das Mädchen sei entweder in Folge eines sexuellen Gewaltaktes oder entführt durch fremde Hand oder ans dem Wege des Mordes verschwunden. All das war rein erdichtet, aber die Untersuchung wurde trotzdem ans Basis des Raubes oder Mordes cingclcilet; am 22. wurde bereits ein Hanse Menschen aus Grund eines Mordes zu angeblich rirnellein Zwecke verhastet. 'Wer hat dies angegeben? Darüber finden wir nirgcnds Auskunft, sondern cs mischen sich das Parlament und die Presse ein und schassen eine sogenannte össenklichc Meinung, die mit der Sache durchaus nichts zu thnn hat. Tic össcntlichc Meinung darf die Schranken des Gerichtshofes nicht übertreten. Die Justiz muß geachtet werden von Jedermann, vom Thronkaale bis zur Hütte. Aber die Agitation kehrte sich auch nicht gegen die Schächier, sondern gegen die Jndenschast. Mit glühendstem Hasse wurde das Schlagwort ansgcgcbcn: 'Man muß die Inden ausrottcn. Der Privalkläger sagt, halb Europa wurde in Bewegung gesetzt. Ja wohl, cs gab sich ein lebhaftes Interesse ftuib, als eine herzlose Phrase, eine herzlose össentliche Meinung für eine nicht geschehene That die gcsammte Indenschast verantwortlich machte. Es wäre eine Schmach gewesen, wenn die Jndenschast zu dieser Anklage geschwiegen hätte, und cs gereicht ihr zur Ehre, daß sie es nicht gcihan hat; denn sie mußte die Makellosigicit ihrer Vergangcnhcit rein bewahren, jede andere Konfession Härle dasselbe, j: noch mehr gclhan. Die Presse ließ Tag um Tag die schreckliche Anklag.׳ vernehmen, sic stellte den Mcnschenblnttrinkcrn die leidende Mutter gegenüber, und sic that es, als der Gerichtshof noch nicht in der Lage war, sein Urtheil zu sprechen, seine Stimme zu erheben. Sic griff mit gistgetränkten Waffen die Vcrthcidignng an; es gicbt keine heiligere Institution als die der Vertheidignng. Den Priester, den Krieger Gottes; den Arzt, den Diener der Menschheit; den Vertheidiger, den Beschützer der Gefangenen, darf man mit schmutziger Hand nicht angrcifen. Rottel diese Inslitulion ans, und es giebt keine Jnslizpstcgc mehr, sondern nur die Leidenschaft der ansgestachclten Menge, und cs wird dann nicht mehr heißen : Was mein ist, ist mein; was dein ist, ist dein; sondern: Was dein ist, ist mein, und geht cs nicht mit glatter Hand, so geht es mit dem Dolche, mit dem Brandscheit. Es wurde gegen die Vertheidiger die schmachvolle Anklage erhoben, daß sie bestochen seien. Vor jener Picssc gab cs keine Größe, keinen Stern der Wissenschaft, den sie nicht in den Kvth zerrte. Renan, Victor Hugo, Kossnlh und >vie sic alle heißen mögen die Koryphäen, die gegen den Wahnwitz ihre Stimmen erhoben, sie waren von Juden bestochen. Vor der blinden, blöden Leidenschaft gab cs nichts Hciligcs mehr. Das Ziel dieser wülhenden Hetze war, den Terrorismus zu erzeugen, in Eszlar zu plündern, im Lande zu rauben, den Gerichtshof in Furcht zu versetzen. Daß man mit allen Mitteln auf einen rituellen Mord losstcncrte, das bciveist ganz klar die Beilage der Geschichte des Peerer Blntprozesses; aber wohlweislich legte man nicht die gerichtlichen Akten bei, denn diese hätten auch das schmähliche Ende desselben bewiest», sondern die phantastischeu Matrilel-Anszcichnungen eines beschränkten Seelsorgers. Der Untersuchungsrichter erhält ein anonymes Schreiben, in welcher Weise das koschere Mehl, das Opsermrhl mit Jungfern, blnt, zubercitet wird, und er deponirt cs mit der Klausel: ״Wird zur Beachtung den Akten bcigclegt." An anderer Stelle sagt er, es ergebe sich immer mehr, daß die Leiche zerstückelt und theilwcisc vergraben wurde. Woher wußte er cs? Cs stand so in einem Rezepte über den rituellen Mord, das er ebenfalls von anonymer Hand erhielt, uud all diese blöden Ungehencrlichkcitcn geschahen unter der Aegide des damaligen Ober- Slaatsanwalts-Stcttverlrctcrs. Die Untersuchung forschte überall

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