Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1883)
- Article
- Der Widerstreit der Pflichten
- Date
- 1883-10-04
- Page
- 698 (sequence 3)
- Language
- German
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698 Gott wird Dir Kraft geben. Das 6)cbot der Elternliebe und Verehrung ist unbedingt, und wärest Du die Tochter des verworfensten MenschcnpaarS, Du hättest i5atcr und Mutter zu ehren und zu lieben, also null cs das göttliche 6)cbot. Du hast den Befehlen Deiner Eltern Gehorsam zu leisten, denn cS heißt: ׳Ehrsurchtct ein Jeder seine Mutter und seinen Vater', aber nnmittelbar daraus führt das GolleSwort fort: 'und meine Sabbathc hütet.' Vater und Mutter stehen gleich dem Kinde unter dem Gebote Gottes, und der göttliche Wille ist heiliger als der menschliche. So Eltern von ihrem Kinde irgend etwas verlangen sollten, was gegen das Gesetz wäre, so darf das Kind nicht gehorchen. Dn, meine Tochter, bist aber schon in dein ׳Alter, in welchem Dt! zur Ersnllnng aller Gebote, die dem weiblichen Geschlechte wie dent männlichen obliegen, verpflichtet bist. Du darjst Dich derselben nicht entziehen. Sprich zn Deinen Eltern in Ernst und schuldiger Ehrerbietung — mtd sic werden Dir gewiß lein Hindcrniß bereiten, damit Du in Allem dem Gesetze Gottes gehorchest. Gelobe ihnen den willigsten Gehorsam in allem Uebrigen, und sei ihnen eine zärtliche Tochter. Wenn sie Dich lieben — und gewiß lieben sic Dich — so werden sie selbst in deit Dingen, welche ihnen eine Thorheit. däncht, Dir zu Willen sein, sobald sie die lleberzcngnng gewinnen, daß sie Dir heilig gelten. — Sollte dieses aber nicht der Hall sein, so wirst 11<£׳■ unter Ertragung von Entbehrungen selbst Gottes Geboten treu bleiben müssen. — Gehe um Gott, meine Tochter, Er wird mit Dir sein und Dich segnen und Dich behüten auf Deinem Lebenswege." — — — Und Preis sei ihm, — Er war mit mir, Er hat ntich den rechten Weg geführt durch Leid zur Freude, durch Kampf zum Frieden. Möge Er also mit meinen Kindern und Enkeln sein, für welche ich diese Zeilen geschrieben, auf daß sic ihnen zur Ermnntcrnng dienen, fest zu stehen in jeder Versuchung und vor feiner noch so schwer erscheinenden Aufgabe zurückznbeben. Gott ist nahe Denen, die sich an Ihn wenden und auf Seine Stimme hören. Korccspöüdeilzcil rmd Nachrichten. Deutschland. : Aus Wcstpreußcn. rFonsetzung.) Dort man nun noch gar häufig solche Gcmeindevcrtreter ihrem Kultnsbeamtcn gegenüber sich äußern: ..Sie müssen als Rabbiner, Prediger oder Religionslehrer das Eine oder das Andere thnn oder unterlassen: tvas eben so viel sagen will, als hätte sonst der betreffende Kultusbeamte eben so wenig religiösen Sinn wie die übrigen Gememdcglicder, nur daß seine Profession ihm gewisse Rücksichten auserlegte, so kann man unmöglich länger sich der Wahrheit voraugcgaugcner Schilderung verschließen, sondern wird cS für geboten halten ntüsscn, mit allem Ernste und aller .Kraft an die Verbesserung unserer religiösen Verhältnisse zn arbeiten. Das sind wir nicht allein unserem überkommenen väterlichen Glauben, der nnS zu allen Zeiten und an allen Orten geschützt und befreit, schuldig; sondern auch, damit wir nicht ganz ללעג ולקלס לעמי העמים werden, wovor nns das gegenwärtige Ncujndenthum wahrlich nicht zu schützen vermag. — Als einst in der Gemeinde W., in welcher der herkömmliche Gottesdienst, gegen welchen fast Niemand in der Gemeinde etwas auSzusctzen hatte, bestand, nach Anstellung eines sogenannten Ncformrabbiners die Gemeindevertretung vo n einem Ncformgelüste angewandelt wurde, berief man eine Rcformkommission aus meist konservativen Mitgliedern, welche sich nur zn sehr wenig GebelSrcformen verstchen wollten. Ein Kommissions- Mitglied fragte den Leiter derselben, was eigentlich die Reform bezwecken solle, da doch der bisherige Gottesdienst Allen genehm sei. Der Vorsitzende antwortete folgendermaßen: Erstens zur Herstellung der guten Ordnung in der Synagoge; dann, um den Gottesdienst zn kürzen; endlich auch, um für die Jugend etwas zu thnn. Sehr treffend rcplizirtc der Fragesteller: Wenn Sie die Ordnung Herstellen wollen, da müffcn Sie nicht mit der Reform der Gebete, welche die Un ordnnng nicht bewirken, sondern mit der Reform der Besnchcr des Gottesdienstes, mit den Menschen, welche die lknordnnngen machen, beginnen. Sind diese erst von dcnr Bewußtsein wahrhaft durchdrungen, daß sie sich im GottcShause befinden und sich demgemäß bcnehmen, dann ersparen Ihnen diese die Reform der Gebete. WaS die Kürzung dcS Gottesdienstes anlangte, so könnte in erster Reihe auf den SabbathgottcSdienst nur Rücksicht genommen werden; dieser aber hat in den mciftcu Fällen nur eine cinslündige Dauer; wenn von dieser Dauer noch Zeitersparnisse gemacht werden sollen, nun, da wird sich Derjenige, dem eö noch einmal im Jahre in den Sinn kommen sollte, in die Synagoge zn gehen, sagen müssen, bevor ich hinkomme, ist der Gottesdienst zu Ende. ES wird also mit dieser Kürzung bewirkt, das; die seltenen Besucher des Gottesdienstes gar nicht mehr auf den Gedanken kommen, einmal am Sabbath den Gottesdienst zn besuchen; Sie stören also durch die Kürzung den Besuch des GottesdicusteS, ohne an diese Schädigung gedacht zu haben. Wenn Sie. nun schließlich etwas für die Jugend thnn wollen, so bedenken Sic doch, daß Sie längst in der Jugend bcu Sinn für öfjenttichcn Gottesdienst gctödtet finden; für diese oder besser gegen diese ist längst von den Eltern alles Mögliche geschehen, um die Kinder dcm^Bcsuche des össcntlichcn Gottesdienstes das ganze