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Jeschurun · 1883-10-04 · Heft 40 (4.10.1883) · p. 697

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 40 (4.10.1883)
Article
Der Widerstreit der Pflichten
Date
1883-10-04
Page
697 (sequence 2)
Language
German
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Sohn, den gleichen Weg zum Moriaberge hinan wandelten, — und ermahnte uns zn gleicher Hingebung an den göttlichen Willen. Er erinnerte an die Glaubenstreue der Väter und Großväter des gegenwärtigen GeschlcchtS, die treuer und inniger als wir den! Indenthuine anhingen; auch diesen sollten wir nacheifern. Das jüngere Geschlecht sollte mit dem altern Heimgegangenen die gleiche Bahn ziehen, einträchtig und cinmüthig, dem gleichen Ziele entgegen, welches diesem als ׳das höchste Ideal gegolten, wie Abraham und Isaak einer gemeinsamcn Aufgabe sich gewidmet. Keine Kluft sei zwischen Eltern und Kindern, zwischen Alter und Jugend, daß die junge Weisheit nicht vcrnteine, sich ein anderes Heiligthum schaffen zn können, daß das Kind nicht der Religion der Eltern spotte, daß vielmehr Sohn und Vater, Tochter und Mutter sich vor demselben Gesetze beugen und es vollziehen in heiliger Begeisterung.- Als er geendet, erschallte der Schofar, für welchen der fromme Lehrer seine Gemeinde also würdig vorbcreitet hatte. Unter allen Denen, welche die Räume des Gottes- Hauses umschlossen, fühlte sich vielleicht Niemand so ergriffen, wie ich, damals ein junges Mädchen von achtzehn Jahren. Vor einigen Monaten, nach einer zweijährigen Abwesenheit, ins Elternhaus zurückgetchrt, fühlte ich mich unsäglich unglücklich. Eine Tochter, unglücklich im Hanse geliebter Eltern — wo gäbe eS einen traurigeren Gedanken! Und dieser Gedanke nahm litt gegenwärtigen Augenblicke meine ganze Seele gefangen. Der Widerstreit der Gefühle, die bangen, schrecklichen Zweifel der vcrgangenen Monate traten in erneuerter und verdoppelter Stärke hervor, als Folge des Eindrucks der eben vcrnommcncn Rede, der Weihe des Augenblicks, der Heiligfeit des Tages. Abraham und Isaak gingen zusammen, Mutter und Tochter starben den Märtyrcnod in den Zeiten der Judenverfolgungen des Mittelalters — ich aber, mir ward das schwere Geschick zn Thcil, nicht mit Vater und Mutter Zusammengehen zn können, zusammcugehcn zn dürfen. In dem großelterlichen Hause, in welchem ich die verflossenen beiden Jahre verlebt, war mir die Verpflichtung des ganzen Gesetzes zum ersten Male;11111 Bewußtsein gebracht worden; das Beispiel und die Lehren der Eltern meiner Mutter hatten mich in eine mir völlig neue Welt versetzt. Ich hatte gelernt, waö cS heißt, eine Tochter Israels zu sein, und hatte die Wonne gekostet, ein Leben zu führen, in welchem ein jeglicher Moment sich vollzog nach den Anforderungen des göttlichen Gesetzes. Mein Geist verspürte das heilige Licht, mein Her; die wohlthucude Wärme der geoffenbartcn Lehre Gottes, und in glühender Begeisterung hatte ich den Entschluß gefaßt, fortan in Wahrheit Jüdin zu sein, nicht nur dem Namen nach, sondern in That und Gesinnung. Aber in der Hcimalh fand ich mich allein mit dieser neuen Anschauung; meine Eltern verstanden mich nicht und hielten für überspannte mädchenhafte Schwärmerei, was mir zur festen Ueberzeugung geworden. Sie meinten, die alte Religion fei gut gewesen für die alte Zeit, in der modernen fände sie keine Stelle. Thöricht sei cS, wenn man ängstlich skrupulös auf Küche und Keller achten, wenn man am Sabbath nicht ausfahren oder musizircn wollte 1t. s. w. Als ob Gott mit dergleichen Aeußerlichkciten gedient werden könnte! Durfte ich den geliebten Eltern widersprechen? Verschloß mir nicht die Pflicht der kindlichen Ehrfurcht und Liebe den Mund? Ich bat um Nachsicht und Schonung, und die mich zärtlich liebenden Eltern ließen mich gewähren, lächelnd meinend, ׳ch würde wohl bald von diesen vcralrcten Ansichten zurückkommcn, ivic sic selbst ja auch trotz der altväterlichen Erziehung ״aufgeklärt" geworden. So lebte ich einsam in Mitten meiner Eltern und Geschivister, denen ich fremd geioorden. Ich vcrmied jedes Gespräch, welches aus die Verschiedenheit unserer religiösen Anschauung Bezug nahm, aber ich bemühte mich, die Gesetze zu beobachten, so viel ich cS vermochte. Handelte ich recht, wenn Ich also dem Wunsche meiner Eltern zuwider war? Und handelte ich recht, wenn ich so Manches doch nicht erfüllte, nicht erfüllen konnte im Elternhause? Wie herrlich mußte es sein, mit Vater und Mutter 'in Betreff der ernstesten, heiligsten Angelegenheit, der Religion, in Uebcrcinstiuiinung zn sein, und ich stand im Widerspruch zn ihnen! Wie herrlich, alle Gebote GottcS gewissenhaft bcachten zn können, und ick) mußte doch so viele übertreten! ״D Gott, erhelle Du meinen Geist, zeige Du mir den rechten Weg —-" also flehte ich heiß und innig. Da kam eö wie eine Erleuchtung über mich. Der Rabbiner, der Mann des Wissens, dessen Frömmigkeit und Milde überall gerühmt wurde, er sollte mir rathen. - Mein Herz pochte heftig, als ich am Nachmittage vor dem chrfnrchtgebieteiidcn greisen Manne stand und ihm das Leid meines Iuiicrn enthüllte. Er ließ mich vollends auSsprechcn, ohne mich zu unterbrechen, cr hieß mich setzen, da meine Gefühle mich übcrmanntcn und ich meinen Thräneu nicht mehr zu gebieten vcrmochte. ״Dir ist eine schivere Prüfung anferlegt," begann er endlich, ״aber der Weg Deiner Pflicht ist klar vorgezeichnet. Du wirst ihn wandeln ohne Straucheln,

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