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Jeschurun · 1883-09-27 · Heft 39 (27.9.1883) · p. 679

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 39 (27.9.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhundert
Date
1883-09-27
Page
679 (sequence 2)
Language
German
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er hier halten soll — alsdann morgen ist keine Zeit mehr, aber wenn Du möchtest, gingen wir jetzt mitsammcn hinaus aufm guten Ort, auf der Mutter selig ihrem Grab." Jakob war einverstanden. Die Alte schloß ihre Truhe, nahm ein Wolltuch um und den Knaben an die Hand. ״Soll ich David rufen, daß er auch mit geht?" ״Wozu das? wenn er Mutter sagt zn der ProchaSka, was soll er draußen?" Der arme Knabe athmcte schwer auf und drückte die Kappe tiefer in die Stirn, daß das Schild die thränennmflortcn Augen beschatte. — Schweigend schritten sie dahin, Hand in Hand; die alte treue Dienerin, die die schönste Zeit ihres Lebens, siebcnundzwanzig Jahre lang ihrer Herrin treu gedient, und der zarte kaum neunjährige Knabe. Keines sprach ein Wort, das Herz war Beiden übervoll. — Die Alte sann und sann, was sie den: Kinde, das fortan vollständig auf sich allein angewiesen sein sollte, noch zu sagen habe. ״Kobi," Hub sie an, ״Du hast vorhin gesagt, Du möchtest wissen, warum der Baron Dich so gern hat. Mir scheint, ich weiß eS. Ich denk' mir nämlich, daß es ihm gar gut gefallt, daß Dn, wenn auch Deine Mutter leider Gottes nicht mehr bei Dir ist, daß Du doch noch immer so thust, wie sic's Dir geheißen hat. Denn Jud' oder Christ — ein Jeder weiß, das Kind ist brav, das thut, was die Mutter ihm geheißen hat." Jakob aber schüttelte den Kopf. ״Nein," sagte er, ״das ist es nicht. Ich weiß cs ja eigentlich wohl, warum er so freundlich mit mir ist, ich versteh' es nur nicht so recht. Im Anfang, weißt Du, als der Kaplan so bös auf ntich war, weil ich nie knicen wollte, das erste Mal hat er ntich in eine dnulle Kammer gesperrt und das zweite Mal aber, da hat er mich am Arm gepackt und hat gesagt, er führt mich auf's Schloß und wird dem Baron sagen, wie schlecht ich bin und der Baron würde mich dann in ein dunkles Gefüngniß unterm Schloß ciusperrcn, und an eine schwere eiserne Kette aufcttcu lassen. Ich habe mich so gefürchtet — Du kannst Dir gar nicht denken wie; unb ich habe geweint und den Kaplan so viel gebeten, daß er mich los lassen möchte. Der hat aber gesagt, er läßt ntich nur los, wenn ich ihm versprechen wollte, daß ich nächsten Sonntag in der Kirche ordentlich knicen will. — Aber das habe ich natürlich nicht wollen und da hat er mich immer fest gehalten und hat mich zum Baron geführt; ich habe dir gezittert — du kannst Dir's gar nicht denken. Und der Baron hat mich zuerst auch bös angeschaut und hat gefragt, was ich Böses gethan hätte, daß ich so zittere. Da hat der Kaplan ihm erzählt, daß ich nie knicen wollte und daß ich auch nicht versprechen wollte, nächsten Sonntag zu knicen und daß er darum den Baron bitte, er möchte ihm erlauben, mich unten in den Zwinger zu werfen. Darauf hat mich der Baron ganz finster ungeschaut und gesprochen: Na. Junge, jetzt hörst Du's, wenn Du nicht folgst,-so wirst Du an eine Kette geschmiedet — also sprich, wirst du knicen? Ich war so voll Schrecken, daß ich zuerst gar nicht habe sprechen können, aber ich habe ganz stark mit dem Kopf geschüttelt. Du willst nicht knicen? hat der Baron wieder gefragt, auch nicht wenn du sonst ins Gefüngniß kommst? Nein, habe ich da cndlich gesagt, und wenn ich auch gar nie wieder herauskontmcn sollte aus'm Gefüngniß, tuieen werde ich doch nicht. Da ist der Kaplan wüthend geworden und hat geschrieen, jetzt fehen's der Herr Baron selber, wie verstockt der Bursche ist. Marsch hinunter ins Loch! und damit hat er ntich wieder anpacken wollen. Da hat aber der Baron mit einem Mal seine Hand auf meine Schulter gelegt und mit der andern hat er mich nnter's Kinn gefaßt und mir den Kopf ein wenig gehoben und hat mir ins -Gesicht gesehen, aber nicht mehr böse. Jakob, hat er gesagt, unten im Zwinger ist cs ganz finster, Ratten und Molche laufen da herum, fürchtest du dich denn gar nicht? Mir hat'S gegraut. Ich fürchte mich sehr, habe ich gesagt, aber knicen werde ich doch nicht. IXub da — denke Dir, Leah — ist der Baron mit einem Mat ganz freundlich geworden, hat seine -Hand auf nteincn Kopf gelegt und mir die Wangen gestreichelt und hat gesagt: Du bist ein echter -Held, wer sich fürchtet, sich aber durch Furcht doch nicht zwingen läßt, der ist weit mehr Held, als Jener, der sich nicht zwingen läßt, weil er sich nicht fürchtet. Jetzt aber brauchst du dich gar nicht mehr zn fürchten, der Herr Kaplan hat es nicht so bös gemeint, er hat dich nur prüfen wollen, ob du Muth hast. Jetzt aber isl'o genug, nur wissen, daß du Mnth hast und ein wackerer .fiuüucbist und ein־־ mal ein wackerer tüchtiger Manu werden wirst. Aber nun geh' da hinein in's Kabinct; ich habe mit dem Herrn Kaplan zu reden. Kannst dir inzwischen die Bilder anschaucn in dem großen Buch, das auf dem Tische liegt, und da hat er mich hinein geführt in ein kleines Zimmer, da war cs so schön! — Der Barou hat gesagt, ich soll mich an den Tisch setzen und auf dem Tische war ein großer silberner Korb mit wunderschönen Trauben und Pfirsichen und der Baron hat gesagt, die sollen alle mir gehören, ich sollte nur gleich davon essen, und er ist wieder in'S große Zimmer gegangen, wo der .Kaplan war. Die Thür hat er wohl zugemacht, aber nicht ganz fest, weißt Du, nur so angelchnt. Aber zuerst habe ich doch nicht gehört, waS sie da drinnen gesprochen haben, denn sie haben leise gesprochen, und ich habe die Trauben gegessen, dir

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