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Jeschurun · 1883-09-20 · Heft 38 (20.9.1883) · p. 654

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 38 (20.9.1883)
Article
Zur russischen Judenfrage
Date
1883-09-20
Page
654 (sequence 2)
Language
German
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654 religiösen Wissenschaft und Literatur ein entschiedcncr Freund aller Bildung. Diese seine religiöse Wissenschaft und Literatur, ans deren Schooße ja ein so großer Thcil der Gesittung und Bildung der übrigen Welt hcrvorgcgangen, die bei den Juden nicht Eigen thum eines besondern Berufs, zu deren Pflege vielmehr ein jeder Lohn des Judcuthums berufen ist, diese seine religiöse Wissenschaft ist nicht nur eine Freundin jeder wahren geistigen Bildung, sic enthält selbst einen unendlichen Schatz geistiger Erkenntnisse und Wahrheiten und hat von je im Kreise der russischen Inden eine hingcbendc Pflege gefunden. Noch zählt die jetzige russische Bevölkerung eine große Zahl eminenter Geister, die ihre Bildungspflcge au den Brüsten der jüdisch religiösen Wissenschaft gesunden und denen nur das russische Wort fehlt, um auch den russisch-nationalen Schatz geistiger Bildung mit schützcnswcrthen Leistungen zu bereichern. Rußland beeile sich, durch völlig gleichstellende Befreiung seiner jüdischen Uuterthanen diesen wie sich selbst die Pforten einer glücklichen Zukunft zu öffnen, und schaue auf /Spanien hin, das noch die Unheil bringenden Folgen nicht verwunden hat, die es über sich selbst durch Mißhandlung und Vertreibung seiner jüdischen Uuterthanen herbcigeführt hat. Was ist seitdem von Seiten der russischen Negiernng geschehen? Tausende und aber Tausende haben den Wanderstab ergriffen, um in der Ferne den Frieden zu suchen, den die Heimath ihnen versagte. Arm und elend, in Lumpen gehüllt, überschritten sic die Grenzen ihres Vaterlandes, u׳o ihre Vorfahren seit Jahrhunderten ansässig gewesen, rauchende Wohnstätten, vernichtete Güter, gemordete Familienglieder.zurücklassend. Manchen mag es gelungen sein, zu finden, was-sic gesucht; Viele sind utttgekommen in Sorge und Noth; Biele elend und arm, gebrochen und verzweifelnd wieder heimgekehrt zu den Ruinen ihrer Hütten, um an die Seite ihrer Väter sich im Grabe betten zu lassen; — aber nichtsist geschehen zur Sicherung der jüdischen Unterthanen des russischen Reichs, zur Linderung ihrer Noth, zur Besserung ihrer Lage. Der ״Wosschod" schreibt: ..Nichts ist geschehen zur Vertheilnng der hcbräischeu Bevölkerung, zur Aushebung der Quarantäne von dem umfassenden und streng eiugchaltcncn staatlichen Ghetto, welches unter den gegenwärtigen Umstünden die Hauptursachc der Verfolgungen ist. Nichts ist geschehen zur Verbesserung des ökonomischen Daseins der Hebräer, nichts um ihren Händen neue Zweige nützlicher Arbeit zu eröffnen, mit einem Wort, um Koltflikte mit der ״Stammbevölkerung" auf ökonomischen! Gebiet zu vermeiden. Nichts ist geschehen zur Hebung der persönlichen menschlichen Würde der Juden in den Augen der ״Stammbevölkcrung", um dieselbe davon zu überzeugen, daß die Juden nicht nur eben solche Unterthanen — das ist mehrfach erklärt worden — sondern auch eben solche Bürger, Mitglieder des Staates sind, wie alle Uebrigen. Wir sagen Nichts, weil eS in der That unmöglich ist, von der Masse Achtung der Person und Rechte der Juden dort zu erwarten, wo die letzteren durch das Gesetz in eine so unvortheilhafte Ausnahmestellung versetzt sind, wo außer den alten, zahlreichen und strengen Geißeln unserer Gesetze eben erst die neueren, noch viel schärferen Skorpione der ״zeitweiligen Regeln" in Anwendung gebracht sind, wo den Hebräern so viel verboten ist, was allen Ständen und Völkern in Rußland gestattet ist. Versucht einmal, irgend Jeniandem zu verbieten dort zu sitzen, wo Ihr und die Eurigen sitzen, essen, trinken, sich ankleiden können rc. und versucht nachher zu versichern, daß Ihr durchaus keinen Unterschied!nacht zwischen ihn! und Euren Kindern, daß er Euch ebenso theucr ist rc. Es wird das nur ein unziemlicher Hohn gegen den von Euch beleidigten Menschen sein und selbstverständlich die Anderen nicht zwingen, denselben zu achten. Im Gegentheil. Außerdem kommen von verschiedenen Seiten Nachrichten über die fortdauernde Strenge der Administration gegen die Hebräer, eine Strenge, die denselben schon so viel Schaden und Leid gebracht. Immer noch wird mit der alten Unerbittlichkeit das positiv schon vor 15 Jahren aufgehobene Gesetz, daß Juden keine christlichen Dienstboten halten dürfen, angewandt; es wird angeblich auf Grund der Regeln vom 3. Mai das Ucbcrzichen von einem Dorf ins. andere untersagt rc. Wichtiger als die Willkür oder unpassende Strenge der Provinzialbehördcn ist die Besonderheit in der gegenwärtigen Lage der Juden, daß selbst die allgemeinen Gesetze, welche ihre Wirkung auf uns erstrecken, ihren Schutz nicht im selben Maße auf uns ausdchnen. Um nicht beweislos zu sprechen, führen wir ein Beispiel für viele an. Es ist bekannt, daß in Rußland recht strenge Preßgcsetze herrschen, zu denen in den letzten 10 Jahren inuner neue, strengere ״zeitweilige Regeln" hinzngekommen sind, so daß nicht eine einzige Frage, welche die Gesellschaft erregt oder erregen kann, ohne Aufsicht des Gesetzes oder Anordnungen der Administration bleiben kann. Die hebräische Presse, d. h. die Presse, welche die Bestimmnng hat, die Bedürfnisse der Hebräer aufzuhellen und ihre Interessen zu vertreten, ist ebenso wie die Hebräer selbst, besonderen und ausnahmsweise strengen Regeln unterworfen. Sobald cs sich aber um Angriffe gegen die Juden handelt, sind wir wie durch einen Zauberstab nach Aincrika übergcführt, in ein Land, das keinerlei Zcnsnrrcgesn kennt, wo aber wenigstens der öffentliche Anstand und das Pflichtbewusstsein Jeden in den schuldigen Grenzen halten. Hier aber schweigen die strengen Paragraphen des Strafkodex und des Preßgesetzes vor ihren schreiendsten Verletzungen, vor der

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