Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1883)
- Article
- Österreich-Ungarn : Pest [Nachricht]
- Date
- 1883-09-13
- Page
- 648 (sequence 2)
- Language
- German
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648 darauf gefaßt machen, daß die Bewegung noch weitere Dimensionen annimmt. Man glaubte bis jetzt, daß die Tumulte sich auf die Komitalc Zala. Somogy und Eisenburg beschränkten, doch ist man schon vom Gegen-! theil überzeugt, da ans dem diesseits der Theiß ge-! legeuen unmittelbar an Galizwn angrenzenden Zipscr Kreise und aus Siebenbürgen beunruhigende Gerüchte!,ierber gelangen. Man sollte meinen, daß Angesichts solcher Thaisachen die antisemitische Presse endlich ihre Hetzereien aufgeben würde. Doch weit gefehlt. Die journalistischen Aufwiegler haben ja das erreicht, was sie wollten, und der erste Erfolg hat sic übermüthig gemacht. Tic begnügen sich nicht mit den! bis jetzt Errungenen, Man hat ja nun einmal den ersten Schritt zur Vertilgung und Austreibung der ungarischen Inden gethau und ist nun auch gewillt, nicht eher zu ruhen, bis der Letzte gcthan ist — mag darunter nun das Gesamnitwohl leiden, das thut nichts, der Jude wird ja verbrannt, und dieser edle Zweck heiligt gewiß die Mittel- ׳Nur so ist das immer toller werdende Gebühren der autiscinitischen Presse zu erklären, die sich sogar nicht scheut, die Hochgestellten des Staates in schmählichster Leise anzugreifcn. So hat der '״Magyar Korona" den Minister Tisza geradezu beschuldigt, von den Inden gekauft zu sein, um die Freisprechung im Tisza-Eszlarer Prozeß dnrchzusetzcn, und der bekannte V c r h ovay erfrecht sich, in dem von ihm redigirten ״Függetlenseg" gegen den Oberstaatsanwalt von Kozma anläßlich des von demselben ergangenen Erlasses, der ja natürlich den Judcnhassern einen Schlag ins Gesicht versetzt, dieselbe schmähliche Berlänmdimg anszn׳- stoßen. Angesichts dieser traurigen Thaisachen scheint es, als ob die Beslgesinntcn des Landes endlich daran denken, die Sache an der richtigen Stelle anznfassen, d. h. einerseits gegen die eigentlichen Hetzer geharnischt vorzugehcn, andererseits aber, direkt ans die von den ״großen, noblen Herren" erregten Massen bcschwichtigend einzuwirkeu. Uns scheint wenigstens dies das einzigste Mittel zu sein, der Bewegung Herr zu werden.. Denn was nützt es, die ״kleinen Diebe";u hängen, so lange noch die großen frei herumlanfen und wie B. in Gyekenes sich das Vergnügen machen, dem Pöbel beim Judenranbe auf dem Pianofortc eins anszu׳- spielen'? — Wie gesagt, man scheint jetzt den einzig richtigen Leg einschlagen zu wollen, man möge aber auch dabei bleiben. Der Versetzung Verhovay's in den Anklagezusiand von Seiten Kozma's möge auch die des Jstoezh's und aller seiner übrigen Gcitosscn folgen: das Beispiel des Zalaer Regicrungskommissars Ludwig Glawina, welcher am 4. September bei der von ihm berufenen Kongregation nachdrücklich betonte, daß die Ordnung nur dadurch vollständig wieder hergcstcllt werden könne, wenn man dahin wirke, das Volk aufzuklären, und welcher in aller ernstester Weise die Gemeindcvorstände des Komitats mahnt, die Bevölkerung über die Bedeutung des Standrcchts aufzuklären (damit dieselbe nicht etwa den noblen Herren weiter glaubt, die Regierung mache Spaß), die Agitatoren zu verhasten re. :c. möge auch in anderen Komitaten Nachhall sinden. Von welcher Wirkung cs ist, wenn berufene Persönlichkeiten auf die Gemüther der Menge beschwichtigend und ausklärend einzuwirken sich bemühen, hat ntan in Esnrgo gesehen, wo der Kgl. Bezirlsrichter Andorka, der Kreisarzt Bartha und der reformirtc Pfarrer Vertat) durch die Kraft überzeugender Rede die Gemüther zu beruhigen verstanden. Das gleiche gelang den eindringlichen Mahnungen der katholischen Seelsorger in Kanizsa, besonders der zum Frieden und Eintracht mit den Inden ausfordernden Predigt des Guardians der Franziskaner. Ebenso vermochte in Köttsc im Somogycr Koiuitate der frühere Abgeordnete Miklos, als in der Nacht vom 2. ans den 3. September mehrere hundert Bauern eindrangcn und ihn fragten, ob man nunmehr mit den Juden abrcchnen sollte, dltrch eindringliche Hinweise aus das Verderbliche ihres Beginnens, wenigstens einen Theil von seinem Vorhaben abzubringen, während der andere allerdings mit Gewalt verjagt werden mußte. Auch in Tapolesa, wo in Folge eines zitfällig entstandenen Brandes am 2. September heftige Exzesse stattfandcn, ist die Wieder- Herstellung der Ruhe dem überzeugenden Worte des dortigen katholischen Seelsorgers zuznschrciben. — — Indessen dauern die Exzesse nach wie vor fort. Die Details sind schrecklich. Außer in den schon erwähnten Ortschaften kamen noch eine ganze Reihe von Exzessen in allen Theilen des Schauplatzes der Unruhen vor, und was das Schlimmste und Traurigste ist, fast . überall ist nicht die geheime, sondern die offene Hand jener ״noblen Herren" im Spiele, wie dieses sich aus der folgenden Skizzirnng des bis heute Lorgcfallencn ergeben wird. — In Schemnitz rückten in der Nacht vom l. auf den 2. September aus den umliegenden Dörfern, ans Anstiften mehrerer Bürger, die Bauern unter Führung ihres Richters und Hülssnotürs ein. Man stärkte sich zunächst im Lirthshansc durch Lein und Bier und Zuzug von städtischen Gesinnungsgenossen und siel dann in die Jndenhäuser ein. Nur mit Mühe wurde die Ordnung wieder hcrgestellt. — Gräßlich hauste der Pöbel in Szigetvar. Schon niehrere Tage durchschwirrten unheimliche Gerüchte vom Losschlagcn ans die Juden :c. die Stadt, bis endlich am 2. Scp׳ tembcr Abends der Sturm losbrach. Militär war nicht zur Stelle, da der Stuhlrichter sich trotz der Bitten der Schlimmes ahnenden Inden nicht entschließen konnte, solches zu regnirircn. Die Läden wurden aus׳ geplündert. Der Pöbel hauste snrchtbar, da die wenigen