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Jeschurun · 1883-09-13 · Heft 37 (13.9.1883) · p. 634

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 37 (13.9.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-09-13
Page
634 (sequence 2)
Language
German
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634 Innern zu übcrtänbcn, doch versucht hatte er dieses! Volk, ob Ihr allein geht oder nicht, und ob Ihr Euer bisher noch nicht. : Weib todt geärgert habt oder nicht. — Wcr'S glauben Er stand inmitten seiner Felder, wie ermüdet lehnte will, mag's glauben; Euch kümmcrt'S nicht— aber ich . er ans seinen Knotcnstock und hob den Blick bald empor : glaub'S nicht und ich Hab' mich auch verwettet, daß zu dem golden schimmernden Himmel, bald ließ er ihn ' Ihr so gut seid, wie nur einer; — was׳? wenn'S einem hcrniedergleitcn über die wogenden Saaten, die der leid ist, daß cinem's Wcib gestorben ist, wegen dessen Abendwind säuselnd sircijte. Doch schwerlich gedachte muß man S gemordet haben? — Das war' schön. — er der Herrlichkeiten, ans denen sein Auge weilte, sein seelenloser Blick war mehr ins Leere gerichtet. Da ertönte plötzlich ein lautes Helles Lachen in seiner unmittelbaren Nähe. Erschreckt fuhr Ehrmann zusammen und wandte sich hastig um. ״Grüß' Gott, Herr Nandar!" rief ein frisches blühendes Bauernmädchen, das, ohne daß er es gewahrt, ihn schon seit einigen Minnten in! Herankommen bcobachtet hatte und nun dicht an seiner Seite stand und mit ihren Hellen blauen Augen übermüthig zu ihm hinüberschaute. Tonlos erwicderte er ihren Gruß und trat zur Seite, dein Mädchen Raum zum Borübcrschrciten gewähren. Dazu schien diese jedoch durchaus nicht geneigt; ohne sich um die abweisende Haltung des ManncS zu kümmern, plauderte sie keck darauf loö. ״Was schaut Ihr mich so glupisch an, Herr Nandar'? und was treibt Ihr um diese Zeit allein hier draußen in den Feldern, wo alle Welt aufm Tanzplatz ist? Ihr seid doch auch ein katholischer Christ und dazu noch kein alter," fügte sic lachend hinzu, ״da wißt Ihr's doch, daß inan auf'm .Kirtag nicht in die Felder geht — kommt hinunter in'S Dorf, 'S ist gar lustig beim Tanz." Sie wollte sich bei diesen Worten seines Armes bemächtigen, er aber zog denselben hastig zurück; doch das Mädchen war so leicht iticht cntmuthigt. ״Na, na, nur nicht so unwirsch! Ihr wollt nicht'? da könnt Ihr's sagen, zwingen thut Euch keiner. Aber mir scheint, 'S wird halt wahr sein, was die Welt von Euch redet; — wollt Ihr's wissen'?" Ehrmann zuckte die Achseln. ״Was wird'S sein —", sagte er nachlässig. ״Hm, viel Gutes justament nicht. Ein jedes meint halt, daß eS nicht mit rechten Dingen zu ging, daß ein frischer Mann, wie Ihr, in den besten Jahren, immer so allein hcrnmgcht, Keine nicht anschant und an nichts keine Freude hat. — Da reden halt die Leute, daß das von daher thät' kommen, daß Ihr was Arges auf der Seel' hättet — sie sagen — den Tod von Eurem Weibe." Der letzte Blutstropfen wich aus Ehrmanns Antlitz, dennoch stieß er ein kurzes gezwungenes Gelächter aus. ״Um was das Volk sich nicht alles kümmert!" ״Iustantcnt daS selbige Hab' ich auch gesagt," entgcgnctc das Mädchen zutraulich, ״was kümmert'S das Iustantcnt 'S Gegcnthcil Hab' ich gesagt, weil er brav zu ihr gewesen ist, wegen dem ist'S ihm so arg, daß sic todt ist — Hab' ich recht'?" Ehrmann'S Lippen bebten. ״Freilich," stammelte er, ״freilich." Das Mädchen trat noef) näher an ihn heran und legte abcrntalS ihren Arm in seinen, er stieß sie dieses Mal nicht zurück. ״Kommt," sprach sie in saust überredendem Ton, ״der Abend ist schön, laßt uns selbander durch die Felder gehen." Langsam schritten sic dahin, das Mädchen plauderte munter drauf loS; er crwiedertc wenig, aber er lauschte mit einem ihm selbst unerklärlichen Interesse ihren Worten oder vielmehr dein Tonsall ihrer schönen leicht vibrirenden Stimme. Die Sonne sank tiefer und tiefer, ihre letzten Strahlen fielen auf das blühende Weib an Ehrmann'S Seite, er widerstrebte nicht länger, willig folgte er ihr zum Tanzplatzc. Der Sommermorgen graute bereits als Chrmann heimkehrtc. Im Hanse schlief Alles; nur die alte Leah vernahm von ihrem Lager aus sein trunkenes Lallen, und namenlose Angst erfaßte der Treuen Herz. Nicht für sich bangte ihr, ihre Zukunft hatte sic in ihrer Art gesichert, aber die armen, armen Kinder! — Zwar hatte sie gleich nach dem Tode ihrer Herrin das Hans deS Getauften verlassen wollen, doch wir waren Zeuge, wie Ehrmann sie znrückgehalten und ihr Vollmacht erthcilt hatte, seinen Haushalt in jeder ihr beliebigen Weise fortzuführcn, und so hatte sic doch Sorge tragen können, daß die Kinder int Hanse den Anforderungen deS jüdischen NitnalgcsctzeS entsprechend lebten, und so lange Ehrmann einsam und verschlossen vor sich hin lebte, glaubte sie, in dieser Beziehung keine Acnderung fürchten zu dürfen. Doch ihn trunken zu wissen —'' trunken — nie im Leben hatte sic ihn so gesehen. Doch hatte er nur ein einziges Mal den vollen Nciz eines derartigen Zustandes gekostet, so würde sich derselbe wiederholen, dessen hielt sic sich sicher. Mit seltsam richtigem Verständnis; bcurtheilte die einfache Alte ihren Herrn; sie hielt sich überzeugt, daß . nur die völlige Sclbstvergessenheit, die den Trunkenen umfangen hält, den größten Reiz für ihn enthielt; denn bei all seiner Roheit war er von Natur aus nüchtern, Völlcrci war ihm fremd. Doch Selbstvergessen-

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