Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1883)
- Article
- Österreich-Ungarn : Pest [Nachricht]
- Date
- 1883-09-06
- Page
- 624 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/2932754-2932996-2933032--13491-2954097- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
624 Eindrücke des erlösenden Urtheilsspruches den fluchwürdigen Faiseurs möglich umr, die leicht entzündliche ungarische Bevölkerung, welche seit Jahrhunderten in Frieden mit ihren jüdischen Mitbürgern lebte, zu den in diesen Tagen sich abspielenden Mordbrenner- und Nänbcrthateu aufzustachelu, wie hätten diese Unholde cd verstanden, ein durch Richtcrspruch koustatirtcs blutiges Verbrechen zur Niedermetzclung der Juden zu vcrwcrthen! )nachdem Präsident Koruis; den Floßkuecht Mate! in Eid zu nehmen wagte, hing das i'cbcn aller ungarischen Israeliten nur noch an einem Faden, und die lange Bcrathung und die erregte Stimmung des Herrn von Kornisz wegen der Beeidigung des entarteten Knaben Moriz Scharf beweisen zur Genüge, was dieser (Gerichtspräsident geplant. Preis und Dank den! Allmächtigen, der das?lusmaß des furchtbaren Geschicks von uns fern gehalten! Aber die Unglücklichen, welche um Vcben, Hab und Gut in den Tagen dieser Wochen gebracht sind, sind dennoch oas Opfer des blutdürstigsten Fanatismus geworden. — — — Was an der Theiß mißlungen, sollte au der Donau und Naab aufs Neue in anderer Weise versucht werdet!. Versagten Gesetz und Recht ihre Mitwirkung zur Massakrirung der Juden, nun so lvcrde sic vollführt in offener Auflehnung gegen Recht und Gesetz: Judculeiber und Judenhäuscr brennen auch durch den Geifer der nackten Lüge, der Vüge, welche jeglichen Vorwaudcs entbehrt, um als solche sich zu kennzeichnen. Bevor ich im Folgenden einen gedrängten Bericht der bisher bekannt gewordenen Gräuel zusammeustclle, inöchtc ich noch kurz betonen, daß jeder Versuch, diese Exzesse auf einen anderen Grititd zurückzuführcn, als auf die von den bekannten judeufeiudlichen Kreisen vollführte systematische Aufwiegelnug, ein durchaus verfehlter ist. Weder direkt noch indirekt vermag man auf die Inden and) nur einen geringen Theil der entsetzlichen Schuld abzuwälzen. Wenn einzelne ihr väterliches Erbgut verprassende Magnaten zur Subhaslirung ihrer Ländereien gezwungen wurden und einigen jüdischen Gläubigern dieselben auf diese Weise zusielcn, so mögen hieraus die Hetzereien;tim Theil mir herrührcn, die ja in der That mir von Einzelnen ausgehen, der Bauer aber und der ״kleine Manu", welche zt!r Axt greifen, sind niemals von den Juden benachtheiligt worden. Im Gegenthcil, der Jude war ihnen nützlich und förderlich; und nur die dem unwissenden Pöbel vorgespiegelte Aussicht auf straflose Plünderung hat ihre Raubgier bis zum Aufstand zu entflammen vermocht. Das ist eine unumslößliche Wahrheit, bestätigt durch die Ereignisse der kaum verflossenen Tage. Und auch Ihr vielgepriesenes aufgeklärtes Deutschland hat initgewirkt, deutsche judeufeindliche Schriften sind zu Hunderttauscndcn verbreitet worden. —-Die Komitatc Preßburg, Ocdenbürg. Eisenburg, Zala, Somogy sind von der tollen Wuth ergriffen. In Zala-Egerszcg sind die Juden gänzlich ausgeplünderr und des Ihrigen beraubt. Mit Ackergerät!) und?texten bewaffnet drangen über tausend Mordbrenner aus sie ein. Das zur Niederwerfung des?lufstandcs ausgerückte Militär wird von dem durch von ״höherer" Seite mit Wein muthig gemachten Pöbel angegriffen und hat Todte und Verwundete aufznwcisen. Das Kriegsgeschrci ist ״Eljen Jstoczy!" Die Mord- und Raubgcsclleu sind höchlich erstaunt, als auf eine von! Militär abgegebene Salve eine Anzahl der Ihrigen zu Boden stürzt. Das ist ja wider alle Abrede! Die Herren haben ihnen ja versichert, daß die Regierung den Plünderern und Mördern der Inden nichts zu Leide thitn werde, — die Soldaten würden nur blinde Schüsse abgebcn! lieber diesen ״Verrath" wüthend, schreien sic ״sind wir mit den Juden fertig, dann los auf die Herren!" Die Infanterie erweist sich zu schwach gegen die Ausrührer, zwei Eskadron Dragoner rücken zum Beistand aus Groß-Kanizsa herbei. Die Munizipalbehörden vermögen nichts auszurichten. Vizegespan Soastits appelirt vergeblich an den gesunden Sinn. Inzwischen verlesen einige ״Herren" in den Wirthshäusern aufrührerische Proklamationen. Viele Juden flüchten. Endlich gelingt es, des Aufstandes Herr zu werden. Jetzt ist das Standgericht, ans einem Präsidenten und vier Beisitzern zusammengesetzt, in Thätigkeit. Deren Urtheil kann gegen die Hauptexzedentcn nur auf Tod lauten; dasselbe muß binnen drei Stunden vollzogen werden und ist inappellabel. — Ebenso fanden ähnliche- Tumulte mit Mord und Raub begleitet in Zaln-Lövö, Kaszaha, Esnrgo, Szentgroth. Zalabe, Sucmeg, Türjek. Türk-Szcnt-Peter, Buesu-Szeut-Laszlo, Güekeuyes, Kcszthely, Sataszgroth, Sarhida, Groß-Mageudorf, Boldogfalva, Telenye, Esakvoda, Miava. Verzeuezc, Udvarhely, Legrad, Atad, Körmend, Szepetk, Bezered. Zala, Mindszent. Buesn, Szemler, Pacsa, Kaporuak, Sojtör, Eseb und manchen anderen Orten statt. Ob es hiermit zu Ende ist???luf dem flachen Lande setzen die Agitatoren ihr Treiben fort. J.u Groß- Kanizsa, Kaposvar, Fünfkirchen und -Arad wurden Aufstände versucht, aber konnten bis jetzt keine erhebliche Dimensionen aunehmcn. In Groß-Mageudorf sind vierzig jüdische Häuser gänzlich demolirt und ausgeplüudert, in Esurgo ist fast alles jüdische Besitzthum nebst der Synagoge vernichtet. Mehrere Agitatoren sind bei der?lusübnng ihrer schändlichen Thätigkeit ergriffen und verhaftet worden. Herren in Bauernklciduug nud mit unkenntlich gemachtem Antlitze leiteten vielfach die Erzesse in eigener Person. Viele Juden sind erschlagen. Ein armer alter Mann in Sarhida, Leopold Stern, wurde von dem zur Bestie entarteten