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Jeschurun · 1883-09-06 · Heft 36 (6.9.1883) · p. 621

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 36 (6.9.1883)
Article
Die Verhandlung des Tisza-Eszlarer Prozeß vor dem Gerichtshof in Nyiregyhaza
Date
1883-09-06
Page
621 (sequence 9)
Language
German
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M 36. Heschurutt. 621 uutt nicht zugeben, daß sie vor länger als einem Jahre beim ersten Berhöre dem Untersuchungsrichter angab, (tftl)cr habe ein gelbes Tuch in der Hand gehabt, sie habe immer gesagt, cS sei ein schwarses gewesen. — Vertheidiger Szek.lp: Haben Sie an Esther'ö Fuß ein Zeichen wahrgenommcn? — Zeugin: Ich wußte gar nicht, daß sie von einer Kuh getreten worden nnd habe dies erst hier gehört. Nach halbstündiger Pause kommt der vielgenannte Ortsrichter von Tisza-Eszlar, Gabriel Farkas, zur Vernehmung. Er deponirt auf Befragen des Präsidenten, daß er am 20. Juni in Folge Auftrages des Untersuchungsrichters die nach ESzlar gebrachte und sezirte Leiche begraben ließ unb daß er bei der am 7. Dezember vorgenommenen Gxhumirnng zugegen gewesen sei׳, daß er die Kiste, die als Sarg diente, als dieselbe erkannte, in der die Leiche nach der ersten Sezirung bestattet wurde׳, daß ein Entwenden irgend welcher Lcichentheilc ans der Kiste und dem Grabe unmöglich uni. — Staalsanwal! Szcyfsert: Wann lvnrde Ihnen das Verschwinden Esthers bekannt? — Zeuge: Am 2. April kam ich ins Gemeindehaus und fragte dort den Leon Großbcrg, der mir zum ersten Male von dem Vorfälle erzählte. Am 3. April kam daun die Wirrwe Johann Soll)- mosi zu mir ins Gemeindehaus und erzählte mir die Sache mit der Bitte, das Verschwinden ihres Kindes zur allgemeinen Keitniniß zu bringen; zugleich bat sie mich, eine Durchsuchung deS jüdischen Tempels vornehmen zu wollen, da eS ihr aufgefallen sei, daß der jüdische Tempeldiencr, als sie auf der Suche nach ihrem Kinde dort vorüberging, sie anrcdete nnd mit den Worten trösten wollte, sie solle nur ruhig sein, das Mädchen werde schon zum Vorschein kommen. Dabei erwähnte er auch den Nanaser Fall und daß das Kind dann auf der Wiese gefnnden wurde. Am -1. April, erzählt er, kam dann die Soli)- mosi wieder zu mir und sagte, daß sie keine Ruhe hätte, da auch der kleine Samu Scharf aus der Gänseweide den ungarischeu Mädchen, die dort mit ihm spielten und ihn befragten, ob er die Esther nicht gesehen habe, antwortete: ,,Jetzt sage ich erst recht nicht, rvo die Esther hiiigesomnieu ist." Frau Solymosi sagte mir wcitcrS, daß sie es dlirch Zeugen erweisen könne, in welcher Weise ihr Kind von den Juden beseitigt wurde. Hierauf sagte ich ihr. sie solle sich an den Stuhlrichter wenden, wohin ich sie selbst begleitete. Ter Stuhlrichter nahm mit ihr ein Protokoll auf. StaatSanwalk Szeysfcrt: Haben Sie Kenntniß davon, daß der Trommler Kaposi die Esther an jenem Samstag gesehen, habe? — Zeuge: Gr hat es mir nicht gemeldet. UcbrigenS ha! e ich ihn am folgenden Tage aus dem Dienste entlassen nnd seitdem mit ihm nicht gesprochen. — Verth. Eötvös: Nach der Se-;innig ist die Dadaer Leiche in einem Verschlage bestattet worden. Könnten Sie mir sagen, warum dies nicht in einem Sarge geschah? — Zeuge: Das ist nicht meine Sache gewesen. -- Eötvös: Wer erhielt denn den Auftrag, die Leiche zu bestatten? — Zeuge: Die Bestattung überließ der Herr Untersnchnngsrichter meiner Sorge. — Eötvös: Wer hat den Verschlag zur Verfügung gestellt? — Zeuge: Ich habe den Verschlag hergegeben. — Eötvös: Warum wurde die Leiche auf dem katholischen Friedhöfe bestattet? — Zeuge: Ter Unlcrsuchungsrichter stellte mir dies anheim. — Eötvös: Sic haben in dieser Angclegcnhcit mehrere Protokolle aufgenommen, wer hat Sie dazu berechtigt? — Zeuge: Wenn mau mir etwas anzeigt, bin ich verpflichtet, dies zu Protokoll zu nehmen. — Eötvös: Sie haben sich bemüht, dem Untersuchungsrichter eine Zeugin dafür beizustellen, daß der Ockonom Jakob Lichtmaun mit seinem Gazda Andreas Huri bei einer Gelegenheit gcheimnißvoll sprach. Durste denn Jemand, wenn er Jude war, nicht mit seinem Diener so oft und in welcher Weise er wollte, sprechen? — Zeuge: Ich sagte nur, was mir Fr. Hegedüs mittheilte. — Eötvös: Sie haben auch mit der Wittwe Samuel Klein rin Protokoll ausgenommen. Wer hat hat Sic dazu berechtigt? — Zeuge: Diese Frau,kam zur Solymosi und gab sich für eine ungarische Frau aus, sie hatte gar keine Legitimation und war sehr verdächtig. — Eötvös: Wissen Sie nicht, daß cö in Uugarn kein Gesetz giebt, wonach Jemand nur deshalb, weil er sich für einen Ehristeu ausgiebl oder sich nicht!rgikimircil kann, eiugesperrt werden kann? — Zeuge: Ich habe sie nicht arretirt, sondern nur zum Herrn Ltuhirichlcr cskortiren lassen. — Präsident: Vielleicht haben Sie irgend eine Weisung von der administrativen Behörde gehabt, alle Fremden aus ESzlar zu entfcriieu? — Zeuge: Ja wohl, ich habe den Auftrag gehabt- — Eötvös: Es waren doch viele Frcinde damals, in Eszlar, oder bezog sich dies nur auf Juden? — Zeuge: Dieser Befehl bezog sich auf alle Fremden. — Eötvös: Haben Sie Kenntniß von der Zerstörung des Tempels? — Zeuge: Wie und wann dies geschah, kann ich nicht augeben. — Eötvös: In einem von Ihnen verfaßten Protokoll heißt cS, Frau Lolt)1uosi wollte eine Wahrsagerin aufsiicheu, jedoch konnte sie diese Reise nicht ausführen, weil die Juden sich ihr in den Weg stellten. — Präs.: Was für Wichtigkeit mutheien Sie deuu diesem Umstaude bei? — Zeuge: Untersuchungsrichter Bari) befahl mir, ihm Alles mitzuthkilen, was vorgcht. -- Vertheidiger Eötvös: Sic haben also Spioudicuste verrichtet? — Präsident: Wenn er dem Untersuchungsrichter Anzeigen erstattete, hat er keine Spionage geübt. — Vertheidiger Eötvös: Ist es wahr, daß SmilovicS, nachdem er schon geständig war, mit Branntwein und Zigarren traktirt wurde? — Zeuge will hiervon gar nichts wissen. — Vertheidiger Eötvös: Sie haben auch vor Kurzem mit der Frau Esercs ein Protokoll ausgenommen, trotzdem Sie in dieser Angelegenheit schon als Zeuge vorgeladeu waren. Wußten Sie nicht, daß man in einer und derselben Angelegenheit nicht zugleich Richter nnd Zeuge seinkann und keine Protokolle ausnehmen darf, selbst wenn man der Minister-Präsideut ist? — Zeuge: Ich bin viel zu vorsichtig vorgcgangen, als daß ich eine Unregelmäßigkeit begangen hätte. Der Herr Präsident erthcille mir die Erlaubuiß, nach Hause zu gehen, und ich habe jenes Protokoll als Richter 11 nb nicht a!S Zeuge ausgenommen. — Vertheidiger Eötvös: Ist eS wahr, daß Sie, wenn Zeugen hier vor Gericht Ihrer Meinung nach eine den Juden günstige Anssage abgaben, dieselben beschuldigten, vom Ehristenthum abgefallen zu sein und dem Judenlhumc zuzuneigcn? -- Zeuge: Ich bin überhaupt viel zu vorsichtig, als daß ich eine solche gegen das Gesetz verstoßende Aeußcruug gcthan hätte. - Berlhcidiger Eötvös: Mehrere Zeugen, unter andern auch die Julie Vamosy, behaupteten gestern hier au diesem Platze, daß das ganze Dorf über Ihre Aussage aufgebracht war und Sie bedrohte. Viele Ihrer Verwandten sind Zeugen in diesem Prozesse. — Zeuge: Es sind ihrer nicht viele, wenn aber auch, so würde dies nichts in meinem Vorgehen ändern, deuu ich bin viel;11 vorsichtig, als daß ich die Zeugen beeinstußt oder abgerichtet hätte. Zeuge bestreitet ferner, je,die Aeußcruug gethan zu haben, in der zu sezireuden Leiche dürfe ja ums Himmels willen die Esther nicht erkannt werden; er habe auch keine Kenntniß davon, daß zur Sezirung der Dadaer Leiche Juden nicht rugelassen wurden. — Vertheidiger Eötvös: Entweder eü war die Esther oder nicht. Wenn es die Esther war, so war cS ganz recht, daß nur Jene zugelassen wurden, welche die Esther kannten, war es aber nicht die Esther dann hätte ja gerade deshalb alle Welt zugelassen werden wüsien; vielleicht hätte Jcwand die Leiche agnoSzircn können. — Zeuge antwortet ausweichend. (Fortsetzung folgt.,

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