Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1883)
- Article
- Die Verhandlung des Tisza-Eszlarer Prozeß vor dem Gerichtshof in Nyiregyhaza
- Date
- 1883-08-30
- Page
- 589 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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M 35, Jeschnrnn. 589 Die Verhandlung desTiSza-Eszlarer Prozeß vor dem Gerichtshof in Nyiregyhäza. (Fortsetzung der Verhandlung vom 11. Juli/׳ Präsident ־. Vielleicht werden Sie noch einige Fragen des Staatsanwalts unv der Vcrthcidiger beantworten. — Scheut- Hauer: Es wäre wohl besser, wenn ich jetzt in tfuinn ans die Aeußernngcn des Dr. 5iiss erwidern wurde. Der Präsident nickt znstimlneud. Nach einer längeren Diskussion, deren Reproduktion hier unmöglich erscheint, führt Schenlhauer folgendermaßen fort: Die Ansicht Dr. KisS', daß ein Schnitt in die externe Halsvene durch Eindringen der Lust ins Herz den sofortigen Tod nach sich zieht, imtjj ich für einen Irrthnm halten, denn wenn diese Vene an irgend einem Punkte durchschnitten wird, so muß dort eine Blutung eintreten. lieber die Anämie der Person, welche in Dada als Leiche gesnnden wurde, haben wir in nnserm Gutachten gesprochen. Diesbezüglich führe ich noch den Ausspruch Professor Hoffmann's an, daß eS keine einzige TodeSarl giebt, bei der sich eine solche Blutarmnth zeigen würde, wie bei den Wasserleichen. - An dieser Leiche zeigte sich nach Ausspruch der Herren Doktoren eine solche Blutarmnth, daß, wenn das^Jndividnum im Leben auch nur halb so blutarm gewesen wäre, eS sofort hätte zu Grunde gehen müssen. Dann haben Traitler und Kiss gesagt — und das ist eine sehr wichtige Sache — daß sie nicht glanben, daß durch Fäulniß eine so starke Blutarmnth eintreten könne; sie haben vergessen, daß eS in diesem Falle nicht wirklicheö Blut, sondern zersetztes Blut ist; je länger .die Agonie dauert, desto mehr Blut zersetzt sich im Herzen, und je flüssiger das Blut ist, desto rascher tritt der Tod ein. Dr. Kiss wollte auch mit freiem Auge die tnalpighischen Häute erkannt haben; das kann nicht richtig sein, denn dazu müßte er ein sehr geübler Fach.nanu bei mikroskopischen Untersuchungen sein. Bezüglich der Locker Leiche, von der Kiss behauptet, daß sie fünfzehn Tage im Wasser lag, während der Vertheidiger Eötvös nachweist, daß sie mehr als .! Monate im Wasser lag, nehme ich einen Irrthnm an, da Kiss nicht bedachte, daß im Wasser, namentlich im Winter, die Fäulnis; langsamer vorschreitet. Kisö erwähnte noch des künstlichen Mittels zur Entfernung des Haarwuchses (Auripigmentes ist aber nach unseren Untersnchnngen auch dies, völlig ausgeschlossen. Denn dasselbe ruft in den Haarzcllen eine Zersetzung hervor, welche wir bei unseren mikroskopischen Untersuchungen nicht fanden. Einen andern Ausspruch Kiss', wonach Runzeln von Wasserleichen, wenn sie -'kl.; Stunden der Lust und Sonne»wärme ausgc׳etzt sind, sich glätten, muß ich nach meinen Erfahrungen als unrichtig bezeichnen. Wenn er ferner behauptet, daß er in dein sehr miltclmäßigen Kompendium Hauschka'ö gelesen, daß sich die Weisheitszähne erst im 1M. Lebensjahre entwickeln, so hat er sich bezüglich der Zahl sicher geirrt, denn dort sieht im siebzehnten, und es ist auch nicht das Entwickeln dieser .kühne gemeint, welches, wenn ich mich gut erinnere, schon im elften Jahre beginnt. Außerdem hat Kiss und haben auch Andere wiederholt erwähnt, daß die Zähne der Dadaer Leiche größer waren und weit von einander abslanden, als bei der Esther; das kann nicht anders erklärt werden, als daß Jemand einen Druck auf das Zahnfleisch ausgeübt habe, wie es auch behufs leichterer AgnoSzirung geschehen ist, daß die Kinnlade hinausgeschoben und die Nase gerade gerichtet wurde. Uebrigens kann dies auch so erklärt werden, daß das Blut aus dem Zahnfleische geschwunden und dieses dadurch znsaminenschrumpste, so daß die Zähne größer erschienen, als sie an der Lebenden waren. — Aus die Frage Friedmann's nach besonderen Merkmalen des ungarischen Menschenschlages in Bezug ans den Knochenbau antwortet Schenlhauer, daß Italiener und Ungarn die kleinste Statur unter allen Völkern Europas besitzen, daß aber bezüglich des Knochenbaues der Ungarn Daten nicht bekannt sind, und daß eS möglich sei, daß sväterhin nach längeren Beobachtungen die von ihm ausgestellte Lalitude von 1-l - 17 Jahren sich bezüglich des Alters der Dadaer Leiche ans 11 — l'»1/- Jahre verengen könnte. Damit ist die Vernehmung aller Sachverständigen beendigt. — Fricdmann beantragt sodann, da ohnedies nächsten Dienstag in Folge der Sitzung der Komitats-Kongregation eine Verhandlung nicht stattfiuden könnte, die Anordnung der Ansnähme des Lokal-AugenschcineS, und zwar derart, daß die Tcmpcllhür wieder an ihre alte Stelle gebracht wird (dieselbe wird bekanntlich hier anfbewahrtt; den Schlüssel werde er an Ort und Stelle übergeben. Im Falle der Lokal-Augenschein beschlossen werden sollte, bittet Friedmann, Moriz Scharf, der angeblich durch daö Schlüsselloch eine große Szene beobachtet hat, ebenfalls dahin zu führen, damit dort der Gerichtshof sich überzeuge, ob die Angabe» Moriz' möglich sind. — Staatsanwalt: Mit Rücksicht daraus, daß der Lokal-Augenschein zur Klärung der Sache beitragen kann, bin ich nicht dagegen, und bitte nur, falls derselbe beschlossen wird, Moriz ebenfalls dahin zu führen. — Eötvös hätte den Lokal-Angenschein' für überflüssig gehalten, wenn derselbe jedoch angeordnet werden sollte, ersucht er, einen sachkundigen Ingenieur und Augenarzt dahin mitzunehmcn. — Präsident: Der Gerichtshof wird über die Anträge beschließen. Der Präsident läßt sodann einen Bericht des Stuhlrichters Eugen Joriny verlesen, in welchem ihm mitgetheilt wird, daß in Tokai eine Frau die Nachricht verbreite, sie sei von den Juden ausgcsordert worden, in der Tisza-Eszlarer Assaire falsche Zengenschast abznlegen, und sei ihr hierfür der Preis von r»UO fl. von zwei Rakamazer Inden angeboten worden. Der Stnhlrichter habe mit jener Frau und auch einer zweiten, die ebenfalls Bestechungsversuchen von Seiten der Inden ausgesctzt gewesen sein will, ein Protokoll ausgenommen, welches er beiliegend übersendet. — Der Staatsanwalt bcantragt, daß diese Angelegenheit dein Untersuchungsrichter übergeben werden solle, der im Einvernehmen mit der Staatsauwaltschaft die Untersuchung, und zwar völlig getrennt von dem gegenwärtigen Prozesse, zu pflegen haben wird. Eötvös ist derselben Ansicht, und würde keine Bestrafung zu scharf finden, falls cs sich herausstellte, daß wirklich Bestechungen beavsichtigt wurden.. Auch er wünscht deshalb eine strenge Untersuchung der Angelegenheit, bittet aber, indem er sich aus sein Rechtsgefühl beruft, welches in der Entsendung Bary's in dieser Angelegenheit einen neuen Anlaß zur Aufstachelung der Leidenschäften erblicken würde, mit der Untersuchung dieser Angelegenheit nicht diesen, sondern einen andern Richter zu betrauen. — Präsident: Nnn, das gehört schon nicht hierher. Es wird sodann eine Zuschrift des Zentpliner VizegespanS in Betreff der vor zehn Tagen ausgetauchten Historie von der Auffindung einer Flasche mit dem Bekenntnisse eines Selbst- Mörders verlesen; hiernach ist von den Personen, welche in dem Briese genannt sind, keine Spur auszusindcn. Die Verhandlung ivird Montag, H Uhr Früh, fortgesetzt tverden. Die Vornahme des Augenscheines wird betvilligt werden, so daß der Schluß der Verhandlung dadurch neuerdings hinausgeschoben wird. j 10. Juli. Beginn der Verhandlung um halb kl) Uhr. l Im Auditorium haben wieder einige Damen Platz j genommen, nachdem die medizinische Partie des Prozesses ab-! folvirt ist. j Präsident: Das Beweisversahren wird fortgesetzt. Ueber