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Jeschurun · 1883-08-23 · Heft 34 (23.8.1883) · p. 563

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 34 (23.8.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-08-23
Page
563 (sequence 2)
Language
German
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muttzen zu wollen, sie über die Feiertage zu entlassen; doch ich war allzu froh, einen Vorwand gefunden zu haben, mich ihrer Gegenwart entledigen zn können." ״Und Du wirst nun um meinetwillen ihre Arbeit selbst verrichten," klagte Mirjam. ״Wir werden auf einige Stunden das Hans schließen, dann kannst Du mir helfen." ״O, wie gern will ich das." ״Aber nun komm', liebes Herz, setze Dich zu Tisch und iß ein wenig." ״Jetzt noch essen? ich danke Dir, ich habe durchaus kein Verlangen nach Speise." ״Nur einige Löffel Flcischsnppc," bat Nahet, ״es wird Dir gllt thnn." ״Ftcischsnppe — nun, ein paar Löffel will ich nicht vcrschnlähen, eS ist lange, seit ich keine Fleischspeisen genossen." ״Der Bauer hat uns davon erzählt," siel Kohn ein, der inzwischen wieder in's Zimmer getreten war, ״und ich muß Ihnen sagen, liebes Kind, meine Nahe! hat Sie gern und sie hat mir schon früher von Ihnen erzählt, und darum hält' es mich immer gefreut, Sie bei uns zn sehen. Aber jetzt, nachdem, was ich von dem Seidler gehört Hab', da muß ich sagen, so 'ne große Freude ich auch habe, daß Sie bei uns sind, grad' so 'ne Kowed mache ich mir auch d'rans unb meine Frau auch, das können Sic mir glauben. — Ein so braves Kind, unb so jung noch dazu — das ist ein Kidusch Haschen!." — Es tag eine so innige ansrichtige Hochachtung sowohl in den! Ton als in den Worten des wackern Mannes, daß Mirjam, über und über erglühend, den Blick zn. Boden senkte. Nahet schlang ihren Arm um die Freundin. ״Mein lieber Mann hat recht, Mirjam, wir fühlen uns glücklich und geehrt durch Dein Hiersein, aber darum mußt Du Dich doppelt wohl bei uns fühlen. Komm, iß jetzt und dann wollen wir Nacht «lachen. Morgen ist Erew Peßach, da heißt's früh am Platze sein." Und Mirjam ließ sich erbitten, trotz der voraerückten ׳Nachtstunde genoß sie noch die lange entbehrten kräftigen Speisen und erquickte sich sichtlich daran. Und dann ließen ihre freundlichen Gastgeber sie allein, nachdem man sie in herzlichster Weise anfgefordert, sich zur Ruhe zn begeben und -recht wohl zn schlafen. ״Und daß Du nur morgen , nicht zeitig aufstchst," rief Nahet ihr noch von der Thüre aus zu, ״ich bringe das Frühstück Dir vor's Bette und dann frühstücken wir zusannnen; ich müßt' cs sonst allein thnn, weil mein Mann morgen fastet. Nochmals gute 'Nacht!" ״Gute Nacht," erwicdcrtc Mirjam, indem sie der Freundin nochnralS zuwinkte. Aber die Thür war bereits geschlossen und noch immer stand sie davor; wohin blickte sic? — cs war eine kleine Blcchkapsel, die eine kleine Pergamcntrolle umfaßte, an der Thürpfoste durch zwei Nägel befestigt. — Kohn hatte, als er das Zimmer verlassen, mit seiner Hand die Kapsel berührt und dann die Lippen. — Mit überströinenden Angen schaute Mirjam noch iminer darauf hin, und ihre Lippen flüsterten leise jene Worte, die die Kapsel umschloß. — O, wie hatte sie sich gesehnt, wieder in einem Zimmer zu weilen, das, geheiligt durch jene Kapsel, seine Bewohner an ihre Bestimmnng mahnt, und wie hoffte sie so sanft zn ruhen unter der Weihe jener Worte. Nasch entkleidete sie sich und warf sich auf das Bette. Aber der Schlaf kan! nicht so rasch, als sie gehofft, sie schloß die Augen, gegen ihren Willen öffneten sie sich wieder. — 3ic hatte oaS Licht anögelöscht, aber der Mond schien hell, unb trotz der herabgelassenen Vorhänge erfüllte nmdes Dämmerlicht das Geinach. Wie war es doch so traulich und freundlich, und wie herzlich war die Freundin und deren Gatte ihr bcgegnet, wie weich und leicht waren die Betten, in denen sie ruhte — und dennoch, warum floh sie der Schlummer? — warum mußte sie noch öfter als sonst der Mutter und der Brüder gedenken? — und nicht dieser allein, auch jener blinden Alten mußte sie gedenken, die sich jetzt noch nach ihr sehnen mochte — und des jungen Mannes, der sie herbegleitet und dessen Blicke sie noch zu empfinden wähnte. — Sie wollte nicht daran denken, und wider ihren Willen kehrten ihre Gedanken dennoch dorthin zurück. — Endlich, machte aber doch die ermüdete Natur ihre Nechtc geltend, ihre Angen schlossen sich und Schlaf umfing ihre Sinne. Doch es war ihr, als wäre sie gleich daraus wieder erwacht, und dennoch, sie mußte wohl den ganzen folgenden Tag verschlafen haben, denn es war ja bereits Festesabend. Der Tisch mar festlich gedeckt mit schneeweißen! Linnen, über ihm flammte die siebenarmige Lampe, unb auf ihn! prangten kostbare Silbergeräthe, wie die Mutter ehedem sie anfznstellcn pflegte. Und inmitten des Tisches erhob sich die Scdcrschüssel. — Und sie selbst saß an! Tische in! Festeskleide — aber ihr Haar war verhüllt — warum? — ein Glas Nothwein stand vor ihr und ein hebräisches Buch, eine Haggodoh. — Und ihr zur Seite saß derjenige, der den Sedor gab, er hatte gleichfalls ein Glas Wein vor sich und eine Haggodoh — und jetzt streckte er die Hand nach der Sederschüssel und hob sie ein wenig; und sprach laut und in chaldäischer Mundart die üblichen Worte: ״Dies ist das Brod des Elends, das unsere Väter gegessen haben im Lande Mizraim —" | Hcrrgot! war das nicht der Seidler Toni, der! diese Worte gesprochen? —

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