Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1883)
- Article
- Zur russischen Judenfrage
- Date
- 1883-08-23
- Page
- 559 (sequence 3)
- Language
- German
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559 den Juden die Ansiedelung auf dem flachen Lande zu verbieten, den Gemeinden dagegen das Recht einzuräumen, die schon ansässigen Inden durch einfachen Beschluß zu vertreiben und die Ausweisung der auf Gutslündcrcien bereits hcimathbercchtigt gewordenen Juden von den Behörden zu verlangen; den Inden jeden Grnnderwcrb zu untersagen, desgleichen den Branntwcinhandel überhaupt und den Gewerbebetrieb an christlichen Feiertagen. (Fortsetzung folgt.) Der Priester Kriegsbogen, Pflock und Eckstein. Betrachtung v. Ludwig A. Rosciithltl, Prediger zu (5öthen. (Schluß.) Schauen wir nun wiederum in unsere Zeit und fragen uns, wo finden wir diejenigen Priester, welche bcm anspruchslosen Grundsteine, wo dagegen diejenigen Volkslenkcr, die sich als glänzende Spitzen des GottesbancS ausgcbcn? Wenn man das Verhältnis; des Priesters zu der Glaubensgemeinschaft betrachtet, so fühlt man sich sehr leicht dazu veranlaßt, das Volk für den Tempel zu halten, dessen höchste Zierde und Krone die Gottgeweihten bilden müssen. Ganz anders ist cs in Israel. Da soll der Priester nützen, nicht glänzen; er steht in, nicht über der Gemeinschaft; er soll durch seine Wirkfamfcit Grundstein, nicht prahlende Spitze des Heiligthums sein. Die Gegenwart hat auch hierin Vieles geändert. Nencruugssüchtige Geister haben die Verhältnisse umgckehrt und sich bemüht, einen Unterschied von Laien und Priestern zu schaffen, der im Judenthuntc nie zulässig war. Jenes häusliche Judeuthnm, das aus jedem Israeliten einen Priester, aus jeder Hütte einen Gottcstempel macht, jener Gottesdienst, der das Gepräge der gesammtcn Vergangenheit Israels trügt und eine Mitwirkung aller Gemeindemitglicder erheischt, jene Versammlungshünscr, die durch jede Einzclheit an ihre Bestimmung erinnern. Orte der Einigung Israels und der Belebung seines Zitsammenhangs mit dem Gotlcsgesctze zu sein — jene ehrwürdigen Einrichtungen, durch welche jeder Ungleichheit in unserer Mitte vorgebeugt wird, nnißten so manchen sich Priester nennenden Männern unheimlich werden. Bisher konnte nur die wahre Größe in Kenntniß und Erfüllung des Gesetzes Jemanden in der Mitte Israels hcrvorragcn lassen, nur sreiwillig ordnete sich Alles dem wahrhaften Gottesmanne unter, ihm weihte matt keine niedrige, sklavische Verehrung, sondern wahre, anS Ucbcrzcngnng seines Wcrthes kommende Anerkennung. Aber nur als Fleisch von ihrem eigenen Fleische, als Bein von ihrem eigenen Beine verehrte die Gernciudc diese Großen, nicht als über dem Ganzen schwebende Gestalten; sie galten als Grundsteine und Stützen des Bestehenden, das Allen heilig war. Aber man bannte diesen strengen Geist des Gesetzcs ans der Gemeinschaft, indem man einen falschen, blendenden Glanz an Stelle des Bisherigen setzte; mit hochtönenden Worten und betäubendem Liedcrschalle, citclem Priesterschmuck und nichtiger Salbung vereinigen sich diese erhabenen Güter nicht. Treten wir nun hinein in die Prachttempel, welche man der wellbcglückcnden Neuerung errichtet hat. Sehen wir dort auf der.Höhe nicht den Priester, den über seiner Gemeinde Stehenden? Ist die Gemeinde nicht von der Mitwirkung an diesem Gottesdienst anSgeschlossen und erstarrt unter diesem Formelzwang nicht der lebendige Pulsschlag israelitischen Lebens? Wahrlich, diese Priester haben aufgehört, bescheidene, im Verborgenen wirkende Grundsteine des Ganzen zu sein, sie haben sich zur Krone des Gebäudes, zur zierenden Spitze des Tempels gemacht, und diesem Zwecke haben alle solche Neuerungen dienen müssen. Wundern wir uns nicht, daß die Gemeinde ihrem erhabenen Scelenhirten das Feld gcrümnt hat, daß sie aus dem Hause gewichen, in welchem sie sich fremd fühlt; wundern wir uns nicht über die Oedc, von welcher die Priester dieser Art schließlich umgeben werden, sic haben cs ja selbst erstrebt. Kann cs heute wohl eine andere Verjüngung des Pricsterthums geben, als wenn dasselbe wieder inmitten Israels zn stehen beginnt, die lebendigen Beziehungen der Gemeinde zn den hohen Gütern unseres Gesetzes!)erstellt und eine angcmaßte Hoheit anfgicbt, die in unserer Gemeinschaft tödtlich wirkt? Matt glänze nicht mehr, man wirte; man drechsle keilte Reden, Ulan belebe; der Priester mache sich wieder zum Grundstein alles jüdischen Lebens, er hebe die Gemeinde zu sich empor, er steige von seiner eitcln Höhe zn ihr hernieder, und ein nctlbelcbtcs Israel wird den Beweis von der Wahrheit des Prophctenwortes bieten, welches wir, dem Midrasch folgend, an die Spitze nltscrer Betrachtnng gesetzt haben. So können wir wieder dazu gelangen, um ein Stistszelt, in einer Richtung uns zn lagern, oder selbst einen einzigen Tempel zu bilden, der in feiner Einheit seine höchste Zierde sicht. Es ist keine eilgherzige Priestcrschast, die das Alte wieder Herstellen will; beim mit jedem Schritte, den der wahre Thoragcist wieder au Boden gctviltnt, sinkt jenes falsche Priestcrthnm an Werth und Schätzttug; je mehr die Genteinde ihrer Würde als Priestervolk sich bcwttßt wird, je mehr man ans die einfachen Thatsachen der israelitischen Pflichl-