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Jeschurun · 1883-08-23 · Heft 34 (23.8.1883) · p. 558

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 34 (23.8.1883)
Article
Zur russischen Judenfrage
Date
1883-08-23
Page
558 (sequence 2)
Language
German
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668 Muselmänner und Juden in mannigfaltigsten Nassen- und Konfcssions-Schattirungcn vereint das russische Volk bilden, unter diesem Volke ein eigentlicher Nassen- und Konfcssionshaß nicht vorherrschend ist, und das; darum die Ursache für die Möglichkeit derartiger Vcrsolgungcn anderswo zu finden sein müsse, als in der Stammes- und NcligiouSverschiedcuheit. Und sie finden dieselbe in dem gesetzlichen Ausnahmezustände, unter welchem die Hebräer zu leiden haben, in dem Ausnahmezustaude, der ihnen das Freizügigkeitsrecht vorenthält und ihre Erwerbsthütigkeit mit unsäglichen Schwierigkeilen nmgicbt und in unerträglicher, widersinniger Weise beschränkt. Dadurch werden sie von Staatswegcn aus dem Staatcngcfüge gleichsam hinauSgcdrängt und 511. einer in sich geschlossenen und gegen die anderen Staatsgenossen abgeschlossenen Körperschaft gemacht, in widernatürlichem Maße auf gewisse Staatsgebiete eingepfercht und in volkswirthschaftlichwidrigem Umfange auf ge-; wisse Nahrungszwcigc ausschließlich geradezu gewaltsam; hingewiesen. Hieraus entstehen mit unabweisbarer Noth- ' Wendigkeit Kollisionen, an welchen im Grunde weder \ die Hebräer noch die anderen Volksstämme Schuld I tragen, die aber, von jenen geheimen Aufwieglern ge- 5 schickt benutzt, zu den erwähnten für beide Theitc gleich ) verderblichen Thätlichkeiten ansartcu könnten. Als einl ziges Mittel der Rettung des dadurch im bedrohlichen j Grade gefährdeten Friedens und einer gedeihlichen Ent- \ Wickelung der sozialen Verhältnisse erscheint ihnen des- > halb die nnverweilt zu erlassene Aushebung aller die Z Juden zu einem gleichsam besonderen Staate im Staate \ stempelnden Ausnahmegesetze und deren vollständige s Gleichstellung mit allen übrigen Russen. 5 Dieses ist die Ansicht und das Begehr aller wahr- 1 haften Patrioten, und in diesem Sinne sprechen sich l auch Srgane der Presse ans, wie die ״Nowosli", \ ״Petersburger Zcitttug" u. A. E Angesichts dieser Sachlage wird die Konnnission, ä welche für die Regelung der Judenjrage eingesetzt ist, l demnächst ihre Arbeiten beginnen.׳ Mögen dieselben j zum Heile Rußlands, zum Heile der Inden, zum Heile ■ der Menschheit führen. In der Jndcnfragc wird auch J über des russischen Staats Gedeihen die Entscheidung i getroffen, und wenn in diesem ungeheuren Reiche Recht ן und Billigkeit und vornrtheilsfreie Weisheit zur Geltung ü gelangen, so muß ein solches erhebendes Beispiel für t die fortschreitende Entwickelung der gesannnten Mensch- | heit von den segensreichsten Folgen sein. Wenn das 5 Aitdenken des höchslseligen Kaisers Alexander ll., der! durch die Aufhebung der Leibeigenschaft dem ritssischeu 0 Reiche die ihm gebührende Stellung unter den zivilisirten ך Staaten viudizirte, zu allen Zeiten als dasjenige eines i der größten Wohlthüter der Menschheit in dankbarer ü Verehrung genannt werden wird, so kann sich sein erhabcner und seiner würdiger Sohn Kaiser Alexander III. keinen dem Rnhtnc seines Vaters ebenbürtigeren Namen stiften, als durch die Befreiung seiner jüdischen Unterthanen, als durch die Emanzipation der Juden. In diesem bedeutsamen Moinente erlangen wir Einsicht in eine Denkschrift, welche, von ktindiger Hand vor etwa anderthalb Jahren geschrieben, des BeachtcnSwerthen und Beherzignngswürdigen so vieles enthält, daß wir der heiligen Sache keinen besseren Dienst zu erzeigen glauben, als wenn wir im Folgenden auf die Verhältnisse der Gegenwart Passendes daraus den Spalten dieser Zeitschrift cinverlciben. Wir empfinden mit dem Verfasser, welcher seine Denkschrift mit den Worten emlcitct: ״cs gicbt Momente, in welchen eine innere Stimme uns sagt: gieb dem Gedanken der Wahrheit Worte, — Gott verleiht dem Worte der Wahrheit Flügel, läßt cs die rechten Geister und die rechten Herzen finden und in ihnen als eine Saat des Heils und der Rettung für ungezählte Tausende aufgehen" die auch ihn beseelende Hoffnung, daß das Wort der Wahrheit Eingang finden möge in diejenigen Stätten, in welchen über das Wohl und Wehe von Millionen die Entscheidung fällt, Eingang in die Herzen der Männer, welche berufen fiitb, einen edlen Fürsten, den mächtigen Beherrscher des russischen Reiches, nach bestem Wissen und Gewissen in einer Frage zu bcrathen, von deren Lösung im Geiste der.Wahrheit, der Menschlichkeit, des Rechts und der Weisheit die Zukunft von nahezu vier Millionen treuer und gehorsamer Untcrthanen bedingt ist. Wenn man sich der im Jahre 1881 von Seiten der unheimlichen Partei erlassenen Proklamation in kleinrussischer Sprache erinnert, in welcher die Aufwiegelung der Ukraine gegen die Inden betrieben wurde, und sich ferner vor die Seele führt, daß gerade diese Partei es gewesen, welche gleichzeitig noch ferner sieben aufrührerische Kundgebungen unter das Volk schleuderte., zum Umsturz aller bestehenden Verhältnisse aufreizend und Mord und Todschlag predigend, daß diese Partei cs gewesen, welche Attentate und Verschwörungen anzetteltc, eine geheime furchtbare Schreckensherrschaft organisirte und selbst vor dem Morde des geweihten Trägers der Zarenkrone nicht znrnckbebte — dann begreift man in der That noch weniger, wie unter dein Negimcnte Jgnaticw's den Bestrebungen dieser Verschworenen fast gar nicht oder doch nur sehr lau entgcgengctrctcn wurde, und wie durch diese unverständliche Haltung der Regierung und die unter Jgnaticw's Einflüsse berathendc Kommission mit ihren bekannten sechs Vorschlägen der nihilistischen Propaganda geradezu in die Hände gearbeitet werden konnte. Die vorhin erwähnte Denkschrift richtet sich zunächst gegen diese Vorschläge der vorjährigen Konnnission, welche nichts Furchtbareres zum Inhalte hatten, als

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