Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-08-16
- Page
- 540 (sequence 3)
- Language
- German
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540 den Korridor der HauSthüre zu, er folgte mit der brennenden Kerze, doch die Freundinnen hatten sich ein-; ander auch im Finstern erkannt, sie hielten sich schon , umschlungen. ״Willkommen! willkommen!" ries der brave : freundlich grüßend, ״aber Nahcl, mein Kind, führ' doch unscrn lieben Gast in'S Zimmer und Ihr, lieber Freund, kommt auch herein." Während Nahcl daS junge Mädchen in'S Zimmer zog, folgte Kohn mit dem jungen Manne, der sic herbegleitet. ״Nun lass' Dich vor Allem 'mal bei Licht anschauen," sagte Nahcl, nachdem sie der Angekommcneu Shawl und Kaputze abgenommen, ״prächtig siehst Du aus, Mirjam, und gewachsen bist Du — ich hätte Dich kaum wieder erkannt." Mirjam drückte ihr unter Thrünen lächelnd die Hand, sie war mächtig erregt, zu viel lag zwischen jenem Sabbathnachmittage, an dem sie Nahcl zuletzt, begegnet, und ihrem heutigen Wiedersehen. ״Ich bin gern, Frau Mutter, daß Sie's finden, daß die Marie gut auSschaut," sagte der Bauer vergnügt. ״Wie sollte ich denn nicht gut aussehcu," fiel Mirjam ein, aber ihre Stimme vibrirte noch merklich, ״ich bin ja bei so lieben braven Leuten — der Seidler Toni und seine Mutter sind so gut zu mir — o so gut ״Aber hier bei Deinen Freunden wird's Dir doch halt besser gesellen, als draußen aufm Hof," cntgegnete der junge Mann traurig. ״Aber denk' nur, Marie, daß Du 'S Wort gegeben hast, daß Du zurück kommst — die Mutter möcht' sterben, wenn Du nicht kommen thät'st." ״Sorgt nicht; was ich versprochen habe, halte ich. Und meint Ihr, ich. hätte die Mutter nicht auch gern?" ״Ja, das ist wahr. — Na, übermorgen in acht Togen auf die Nacht komm' ich um Dir. B'hüt Dich Gott. Marie!" ״Behüte Euch Gott, Toni!" erwiederte sie, im dem sic ihre Hand in seine ihr dargebotcnc Rechte legte. Nahcl trat eben mit einer dampfenden Schüssel in das Zimmer und forderte Toni auf, sich zu Tische zu setzen. Doch dazu war er nicht zu bewegen; er müsse hinaus zu seinen Pferden, mit denen er im Wirthshause ein kehren wolle, um mit Tagesanbruch die Heimreise altzutreten. ״Nahet, mein Kind," flüsterte Kohn halblaut seiner Frau in'S Ohr, ״hast Du nicht Wein oben und Makkaroneu? Geh, ich bitt' Dich, wart' bcm Braven auf. Wer einem so einen lieben Gast in'S Haus bringt, der darf nüchtern nicht fort." Und so sehr Seidler sich auch sträuben mochte, Kohn ließ nicht nach, er mußte einen großen Becher feurigen Ungarweins leeren. ״Das ist ein echter, der macht frisch." sagte er, mit der Zunge schnalzend, indem er den leeren Becher mit den: Rand nach unten auf den Tisch stülpte. Kohn wollte ihm noch einen zweiten aufnöthigcn, doch dazu ließ er sich nicht bewegen. ״Aber für Eure Mutter müßt Ihr ein paar Flaschen mitnehmcn," sagte Nahcl, und ohne der Gegenrede des jungen Mannes zu achten, eilte sic hinaus und war nach welligen Minuten mit einem Korbe mit mehreren Flaschen wieder zurück. ״Das wird Eurer Mutter gut thun, sagt nur, Mirjam schickt es." (Fortsetzung folgt.) All!»kill Ichrhuildert! Von Jl. E. 1נ. Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an, Denn tief gekränkt ist des Jahrhunderts Ehre. Empört erhebt sich jeder Ehrenmann, Er fühlt der Lüg', der Bosheit ganze Schwere! Der Judenhaß, des Mittelalters Schand', Treibt jetzt, ein Unkraut, wieder neue Blüthe, Es hat der Arpadsohn im Ungarland Bon neuem aufgefrischt die alte Mythe Vom Christenblut, gebraucht zuln Passahfest — DaS hat die Richter nicht einmal gewundert: Der Judelihaß greift um sich wie die Pest! O schäme dich, du neunzehntes Jahrhundert!! Du rühmst so sehr dich bciucr Wissenschaft, Den Stempel sollt' dir deine Bildung geben! — Verblendung, Thor heit sprießt in frischem Saft, Der Aberglaube zeitigt neue Neben! Verruchte Bosheit flößt der Dlunmheit ein Den Trank des Hasses gegen Menschcubrüdcr, Es gilt Geuleinhcit, Niedertracht allein, Des Rechtes Diener beugt das Recht selbst nieder. Als Zeugen lädt man Mörder vor Gericht, Unschuldig Angeklagte hinzumorden; Dem Recht schlägt lnan so offen iu's Gesicht! Jahrhundert, sprich, was ist aus dir geworden?! Du bist des Nuhnls, auf den du stolz, nicht wcrth, Du hielt'st nicht Wort, du neunzehntes Jahrhundert! Vielleicht, daß man in hundert Jahren ehrt, Was du versprochen, neunzehntes Jahrhundert!