Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-08-16
- Page
- 539 (sequence 2)
- Language
- German
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039 Mutter wissen Lhät, das; 's arme Maderl nichts davon weiß, daß ihr die Mutter gestorben ist." ״Das weis; sie nicht?" sagte Nahet, ״da ist's freilich gut, das; Ihr uns das sagt, ״aber woher wißt Ihr es denn?" Der junge Mann erröthcte. ״I hob holt '11 Geschüft gehabt in Woitersdors und da hat der Tobtenwagen vor'in Branntweinhaus gehalten 1111b die vcut* haben gesagt, dem Nandar sein Weib war' Lodt." Warum er seine Anwesenheit in Woitersdors am! Begräbnißtage von Mirjam's Mutter als eine zufällige darzustellen sich bemühte, darüber war er sich selbst nicht klar. ״Das ist recht," tobte Nahet, ״daß Ihr cs Mirjam verschwiegen habt: mir scheint, Ihr seid eben so gcscheidt als gut." ״Müßt ni, z'was ihr's genutzt hält', wenn ich ihr's gesagt halt'; g'freut hätt' sie's nimmer." ״Freilich nicht," stimmte Kohn bei, ״und das arme Kind hat ohnedem Unglück genug. — Glück dabei ist nur, daß sie so brave Vcutc getroffen hat. — Wir sind Euch recht von Herzen dankbar," fuhr er fortindem er die Hand des Teidlers Toni ergriff und sie herzlich drückte, ,,daß Ihr so gut gegen das Kind seid, und wenn ich Euch 'mal mit etwas aushelfen könnte, kommt nur her: Timon Kolm's Thür steht jederzeit offen und sein Beutel auch." ״Ich danke," crwiedertc der junge Dauer nicht ohne Selbstbewusstsein, indem sein Blick an seinem Wamms hinnnterglitt, an dem statt der Knöpfe sogenannte Tilbcrzwanziger glänzten, ״ich hoffe, ich wcrd' Euch nimmer belästigen, wir haben Gonlob, was wir brauchen -- aber — Mensch ist Mensch — und wenn ich halt' mal was benölhigen sollt', so werd' ich zu Euch kominen." ״Tollt' mich freuen, wenn ich Euch nützen könnt! Und nun grüßt mir die Mirjam und sagt ihr, daß wir uns schon freuen, daß sic kommt, und gern wären, wenn sie ganz da bleiben möchte." ״Das geht nicht!" rief der junge Mann hastig, indem das Blut ihm in die Wangen trat, ״wenn die Marie allzeit da sein möcht', und ihr Vater kam' dazu-— da war' halt Alles umsonst ----- das thä! sie nimmer überleben." - ״Freilich geht das nicht," pflichtete ihin Rahel bei, ״aber für die Feiertage soll sic sich nicht fürchten, da werden wir schon sorgen, daß es Niemand erfährt, daß sie hier ist. Tagt ihr das." ״Schon gut, Frau Mutter," sagte der Bauer, ihr freundlich;muckend, ״werd' Alles ausrichteu. Alsdann Donnerstag in acht Tagen, auf die Nacht, wcrd' ich die Marie bringen. B'hüt' Ihne Gott initsammen!" ״Behüt' Euch Gott!" erwicdertcn Rahel und ihr Mann, ״und grüßt die Mirjam vielmals von mir." ״Word' schon Alles ausrichteu," wiederholte der Toni, grüßte in seiner bäuerlichen Weise und ging davon. * * * Die Tage bis znm Passah feste entschwanden rasch in mannigfacher Arbeit. Es war in der 'Nacht vor dem Nüsttage znm Feste, in der sogenannten Ehomezbattcinacht. Mitternacht nahte, im Kohn'schen Hanse waren sämmttiche Vorbereitungen znm Feste beendet, aus sämintlichcn Nänincn war alles Gesäuerte entfernt, und überall war gescheuert und gcputzt und gerieben, ltnb Alles blinttc und glänzte, als wäre es neu. Trotzdem dachten weder Kohn noch seine Frau, daß die gewohnte Nnhcstnndc bereits gekommen. Beide befanden sich in dem Zimmer, das Nahcl für die Freundin, die sie erwartete, bestimmt hatte. Auch hier war alles vorbereitet zum Empfange des jungen Mädchens. Der Tisch war gedeckt, und aus der Komode unter dem Spiegel dufleten die ersten Veilchen des Jahres in zierlich geschliffenen Gläsern, ivährcnd im Hintergründe des mäßig großen Nanmes ein Lager zur Nahe einzuladen schien. Dennoch hatte Rahel bald hier bald dort noch eine Aendcrung vorznnehmcn; man sah cs dem Ganzen an, das junge Mädchen ward mit Liebe erwartet. Kohn schritt, seiner Gewohnheit gemäß, die Hände ans dem Nucken übereinandergelegt, im Zimmer ans und nieder. ״Es wird spät," sagte er, indem er die dicke goldene Uhr ans der Tasche zog und sie rcpitiren ließ, ״wir können gleich Ehazoß machen." ״To spät schon!" rief Nahet, ״wenn sie nur kommt!" — Damit trat sie zum Fenster, öffnete es und lehnte hinaus. Es war rauhes, stürmisches Wetter, der Nachtwind blies erkältend in das Zimmer und machte die Flammen der auf dem Tische brennenden Kerzen hin und her flackern. ״Nahe!, mein Kind, Du wirst Dich verkühlen!" rief Kohn besorgt, 'indem er ein großes Wolltuch nahm und cs seiner Frau um die Schultern legte. Tic hüllte sich lächelnd scüer darin ein. ״Du hast immer gleich Angst —" ״Wie sollt' ich nicht Aengslen haben, wenn ich so '11 goldiges Weiberl habe. — Weißt denn Du nicht, wie cs heißt: Ein wackeres Weib, wer findet das — seltener als Perlen ist ihr Werth —" ״St!" rief Na Hel lauschend, ״was ist das?" ״Nur scheint, am Hansthor krabbclt'ö — werd' gleich nachschauen." Doch sie war rascher als er, eilte hinaus über