Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1883)
- Article
- Das Urtheil im Tisza-Eszlarer Prozeß
- Date
- 1883-08-09
- Page
- 514 (sequence 2)
- Language
- German
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514 ihrem Antlitz. Kurz darauf betritt der Gerichtshof den Saal: ehrfurchtsvoll erheben sich die Anwesenden von den Sitzen. Aller Augen sind auf den Präsidenten gerichtet. Eine fast unheimliche stille entsteht im Saale, als dieser sich erhebt, um im Namen 31*. Majestät des Königs zn verkünden, das; nach dem Urtheil des königlichen Gerichts- Hofes;11 Nmrcghhaza 3nlomou 3chwar; und Genossen sreigesprochen und sofort aus freien Fuß zn sehen sind, und die Kosten des Gerichtsvcrfahrens der 3taat zu tragen hat. Es folgt sodann die Verlesung der Motivirnng des Urtheils, ivclchc darin gipfelt: das; dem verdachte eines Mordes überhaupt, geschweige eines rituellen Mordes aller und jeder Boden fehlte, indem vor allem den Aussagen des Hänptbclastnngszcngen Moritz 3charf infolge dessen ojjcnknndig zu Tage tretenden Haß und Verachtung seiner Religion und seiner Eltern und infolge der mannigsachen Widersprüche, in welche er sich im Verlaufe der ganzen Ver- Handlung zu wiederholten Malen verwickelte, jede Wahrscheinlichkeit und Glaubwürdigkeit abzu-! sprechen sei. Was sodann den Lcichcnschmuggcl betrifft, so müsse man bei den obwaltenden Umständen zu dem Resultate kommen, daß die Disza-Tadaer Reiche keine andere, als die der Esther Solymossy sei.- Mil anhaltender aufmerksamer Spannung hatte das Publikum der Verkündigung und Motivirnng des Urtheils von Anfang bis zn Ende gelauscht. — Nach dem Präsidenten spricht der StaaSanwalt seine Befriedigung über den Urtheilssprnch anS, während der Vertreter der Privatklägerin, wie dies gar nicht anders zu erwarten war, die Berufung cinlegt und zn diesem Zwecke um eine Abschrift des Urtheils und dessen Motivirnng bittet. Hierauf erheben sich Eötvös und nach ihm Friedmann, mit dem Gerichtshöfe für das Urtheil ihren 1111b ihrer Klienten tiefsten Dank an Szn sprechen. ׳?tun wendet sich der Präsident an die Angeklagten, die sich von ihren Sitzen erheben, und fragt sic, ob sie das Urtheil verstanden Ein einstimmiges Ja ist die Antwort. Der Präsident führt sodann fort in seiner Ansprache an die Angeklagten, indem er hcrvorhcbt, daß sie nunmehr wieder ihren Familien und der mcltschlichcn Gesellschaft zurückgcgebcn seien. Das Elend und die beiden, die sie betroffen, mögen sic nicht verbittern. Nicht die Richter treffe die Schuld, cS sei vielmehr ein Geschick, daß zu ertragen ihnen nnfcrlcgt sei. Oft schon habe cs mit unbarmherziger Hand in das Menschenleben cingegriffen; Gerechte wie Ungerechte, Hoch wie Niedrig treffe cs in gleichem Maße. DaS sei cS, was sie von dieser Stätte mit hinausnehmen sollten ins Leben, dem sie nunmehr auf's Neue znrückgcgcben seien. Nun vermochte das Auditorium nicht mehr an sich zn halten, l'uutc Eljcnrnfe erschallen, die aber sofort wieder verstummen, um von Neuem lautloser Stille Platz zu machen, da der Vertheidiger Eötvös sich zum Schlußwucte meldet. Er kann nicht umhin, nochmals dem Gerichtshof in seinem und seiner Kollegen Namen nicht nur als Juristen, sondern auch als gute Söhne ihres ParcrlandcS für dessen Weisheit und Umsicht, welche derselbe bei der Lösung dieses Prozesses an den Tag gelegt, aus vollstem Herzen zu danken. — Damit war die Sitzung geschlossen. Mittlerweile hatte sich mit Windeseile das Urtheil durch die Stadt verbreitet. Nur eine Stimme des ungethciltcu Beifalls und der aufrichtigen Freude konnte man vernehmen. Die Gegner mußten in diesem Augenblicke verstummen vor der Macht der obsiegenden Wahrheit. — — Die Freigesprochenen kehrten zum letzten Mal in die Räume zurück, die Zeuge ihrer Seufzer und Thräncn, ihrer Angst und Onal gewesen. Auf dem Gcfüngnißhofc harrten ihrer sehnsüchtig ihre Frauen, Kinder und Freunde. Wer schildert die Gefühle, die in diesem Augenblicke ihr Herz bewegten? Fünfzehn Monate im Kerker geschmachtet zn haben, fern von HauS und Herd, von der Anklage des Mordes belastet — eines Mordes zu Ehren ihres Glaubens, zu Ehren ihres Gottes — eines Mordes, der nur in der Phantasie hirnverbrannter Fanatiker aufkommcn konnte! — Mußte aber nicht ihre düstere Kerkcrnacht der Gedanke erhellen, daß wie der lichte Morgen ihre Unschuld hervortrcten würde, daß kein einsichtsvoller Mensch, geschweige ein Gerichtshof, der im Namen des allmächtigen Gottes berufen ist, über Recht und 1111־ recht zn entscheiden, auch nur an die Möglichkeit eines solchen Verbrechens denken könne? Nimmermehr. Mußte ihnen doch die Thatsachc, daß überhaupt ein Verdacht Gehör fand, daß sic wegen eines solchen Verdachts in den Kerker gestoßen wurden, alle diese Hoffnung nehmen und sie zu dem traurigen Bewußtsein gelangen lassen, daß selbst daS Unglaublichste glaublich sein könne. Also nein und abermals nein! Der AnSgang des Prozesses war unter den obwaltenden Umständen nicht abzusehcn. DaS Faktum, daß man überhaupt daran dachte, einen Prozeß zu führen, dem — wie Eötvös in seiner Vertheidigu'.igSrcdc bemerkte — von vornherein der Gegenstand des Verbrechens und der Verbrecher fehlte, legte den Gedanken nahe, daß auf diese Ungeheuerlichfeit noch die zweite: die Lernrthcilung vollständig Unschuldiger folgen würde. — Wem tritt daher bei diesem Prozesse nicht die waltende Hand des Allinächtigen entgegen? Wie