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Jeschurun · 1883-08-02 · Heft 31 (2.8.1883) · p. 490

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 31 (2.8.1883)
Article
Unsere Aufgabe in der Gegenwart
Date
1883-08-02
Page
490 (sequence 2)
Language
German
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490 unser Her; sich ergreifen lassen von dem Propheten׳ ' wort, unser Auge forschen in den Büchern unserer! Weisen, — so könnte die Mahnung, weiche die Er- - fahrung der Gegenwart an uns richten will, nicht ' uürkungslos an uns abgleiten. Die schmerzensreiche Periode eines in erneuter Heftigkeit wiedercrslaudeueu Hasses würde unseren Blick klären; wir würden de-; greifen, daß wir uns vielfach auf falscher Fährte befinden ־ und nur in der ganzen Rückkehr zu Gott unb seinem; Gebote das einzige Ziel und das einzige Heil zu finden , hätten. | Und weil die Bätcr nicht ״lernen", weil ihnen der große Inhalt des Iudenthums und dessen erhabene Bedeutung nur unvollständig und unklar;um Bewußtsein gelangt ist, darum wird es auch verabsäumt, die Jugend zu dein Born der ewigen Wahrheit zu geleiten, sie zu dein Weg des Gebens zu führen, zu der Kenntnis; des Gesetzes, dessen Erfüllung ja die einzige Aufgabe ihres Gebens bildet. Freilich lassen wir unsere Kinder in ״Religion" unterrichten; aber ob dieser Religiousunterricht auch nur annähernd denjenigen Ansprüchen genügt, welche jeder gewissenhafte Pater erheben müßte, um sein Kind für den schweren, seiner harrenden Beruf vorzubereiten, als Jude sich zu bewähren in allen Lagen seines Daseins, sich dem Gebote Gottes zu weihen mit seinem ganzen Wesen, ״mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Bermögen", d. h. mit freudiger Dahingabe aller Wünsche, aller Kräfte, aller irdischen Güter ja selbst des Lebens, für die Treue gegen Gott und den Gehorsant gegen sein Gesetz, daran wird kaum gedacht. Wir sorgen dafür, daß unsere Kinder in allen Kenntnissen und Fertigkeiten, welche für die Stellung in der Gesellschaft imb den Erwerb von Gütern von Nutzen sein tonnen, die möglichst ausgiebigste Anleitung empfangen und scheuen kein Opfer, ihnen hierin die beste Ausbildung zu Theil werden zu lassen, aber für die Unterweisung in der höchsten und wichtigsten aller .Kenntnisse und Wissenschaften, für die Vorbereitung zu dem höchsten und wichtigsten Berufe lassen wir uns eil! Genüge sein an den! Unzulänglichsten, au wenigen Brosamen, die nicht einmal für einige kurze Schritte auf ihrer Lebensbahn ausreichen, geschweige denn zur Kräftigung und Stärkung auf der langen Wanderung mit ihren Gefahren und Hindernissen von der Wiege bis zur Pforte des ewigen Lebens. Was ist cs beim, womit wir unsere Kinder ausrüsten für ihr׳.׳ hienicdige Pilgerschast, daß sie des rechten Weges nicht fehlen, daß sie überall der nimmer versiegenden Bronnen begleite, auS welchem sie Kraft und Frische zu schöpfen vermögen, daß sie stets das Licht der Thora vor sich schauen, daS ihren Pfad erhellt? WaS erfahren denn unsere Kinder von dem Iudenthum in den ״Rcligiousstunden"ץ Worin erschöpft sich meistentheils das ganze Pensum des ״Religionsunterrichts"? Ucbersetzung eines Theils der Gebete, und zwar der alltäglichen und Sabbath-Liturgie, von den Festgcbctcn nur die תפלת שבע; Ucbersetzung eines Theils des הונזש, biblische und nachbiblischc jüdische Geschichte, etwas Weniges aus den Propheten und Hagiographen, ein Geringes aus ״der Glaubens- und Pflichtenlehre", — das ist Alles. Aber mit diesem Allen ist höchstens der erste Schritt gcthan, um in die Halle der jüdischen Wissenschüft cintrcten;1t können, ist die Grundlage geschaffen, auf ivelcher sich die Erkenntniß des Iudenthums aufbauen kann. Denn selbst bei einer tüchtigen Gewandtheit in der Uebertragung der Gebete und des Pentaiend), in der Kcnntniß der Daten der Geschichte und einiger Abschnitte ans dem systematischen Lehrbüchlein der israelitischen Religion, werden unsere Kinder noch lauge nicht befähigt sein, das Iudenthum zu begreifen und ohne Schwanken und Zweifel die Pflichten zu er kennen, welche jeder Augenblick au sie stellt. Sie würden über den Inhalt ihrer Aufgabe stets im Dunkeln bleiben und, bei aller sonstigen Bildung und Gelehrsamkeit, auf dem Gebiete ihrer jüdischen Pflicht nnnnterrichtet und unwissend sein. Wenn diese Unwissenheit zu jeder Zeit ein beklagcnswerther Mangel ist, so vor Allem in der Gegenwart, wo die Begriffe durch die ganze, dreiviertel oder halbe ״Reform" verwirrt sind, wo an die Spitze der Gemeinden Männer als Vertreter und Lehrer des Iudcnthums gestellt sind, welche, theils selbst schwankend in der Erkenntniß, theils leugnend die Unantastbarkeit des von der Vergangenheit uns überkommenen Judenthnms, durch Beispiel und Rede zum Abfall verlocken. Unsere Kinder müssen deshalb selbst urtheilen und verstehen können, was dem jüdischen Gesetze gemäß und was ihm zuwider ist, und aus den Duellen desselben, der schriftlichen und mündlichen Lehre, ת׳לך תלמוד und שלחן ערוך, die Erkenntniß schöpfen. Derjenige Vater, welcher sein Kind nicht von der unvergänglichen ewigen Berpstichtung des unabrogirbaren ganzen Iudeuthums, wie es uns unsere Väter vererbt haben, erfüllt weiß und cs nicht in den Stand gesetzt hat, selbst zu forschen in dem schriftlichen und mündlichen Gesetze, der hat seine heiligste Vaterpflicht verabsäumt, der hat sich — insofern nicht wirklich unüberwindliche Hindernisse die Ursache der Vcrnachlässignng waren — an seinem Kinde schwer versündigt. (Fortsetzulig folgt.)

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