Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-07-19
- Page
- 456 (sequence 3)
- Language
- German
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456 Wirklichkeit eine Andere geworden? Hatte die?Freude über ihre endliche Genesung, die ihr die in jüngster Zeit etwas bleichen Wangen gefärbt, auch ihrer ganzen Haltung einen andern Anstrich, Elastizität und Frische verliehen? ״Wo ist die Bozena?" fragte die alte Bäuerin, ״hast sie heim begleitet?" ״Nein," versetzte er kurz, ,,mit der {frei aus." Die Alte ließ das Strickzeug sinken. ״Aus?" fragte sie verwundert, ״was willst denn damit sagen?" ״Na, daß's halt ans ist. Mit'm Aufgebot wird's ni und mit'm Heirathen natürli a m. —" ״Geh', Toni, was redst für Dnmmheuen, — denkst, ich thät's glauben?" ״Glaubt's nur, Mutter," erwiderte er lachend indem er die Ofeuthür anfriß und mit dem Schürer darin hernmfuhr, daß die Funken stoben, ״müßt's halt glauben, denn wahr ist's, 's ist ans, ganz ans mit tt'.'.s zweien." ״Aber das ist doch gar nimmer inöglich," entgegnete die Alte kopfschüttelnd," wie lange ist's, seid's tnitsammen da gewesen. —" ״Na ja, tmd alsdann sein wir mitsantmen gegangen bis .zum Henkelbanern sein Wiesen, und von da ab ist die Bozena allein fort geraimt und i Hab mi mng'wandt und bin halt allein heint 'gangen. —״ ״Und morgen in der Früh' oder am Ende noch heute Abend gehst wieder zu ihr und sie geht wieder mit Dir." ״Kommt mir nicht in'n Sinn. —״ ״Aber Du mein Herr und Gott! was hat's beim gegeben zwischen Euch zweien?" ״Was's gegeben hat? — fragt, was hat's nicht gegeben. Die Bozena ist'n keckes, Weibsbild — hat schon anfangen gewollt zu schaffen hier aufm Hof. —" ״Na," versetzte die Alte begütigend, ״das wär' nicht so Arges — vier Wochen früher, vier Wochen später. —" ״Nichts da, der Seidler Toni läßt sich von Keiner nichts anschasfen — und nun gar erst von so Einer. —" ״Hörst Hilf." fiel die Alte verweisend ein, ״daß Du nichts weiter gegen ihr red'st — bis morgen köunt's Dich reuen." ״Ah was!" lachte er, ״das wird mich nimmer reuen — grad's Gegeutheil, mir ist's recht, daß's so kommen ist." Die alte Bäuerin kam aus dem Staunen nicht heraus. ״Geh, wie kannst so reden — hast sie doch gern." ״Ich die gern haben? — fallt mir nicht ein — gern bin ich, daß ich'S los bin." ״Aber gehabt hast sie doch gern — na, und wie gern." Der Toni warf die Pelzkappe auf die Bank und rieb sich hinter dem Ohr. ״Na, ja, was wahr ist, ist wahr — g'habt Hab' ich's gern — weis; der Deixel, was mir au dem Weibsbild hat g'falleu." ״Na," erwiderte die Alte lachend, ״um das zu wissen, brauchst den Deixel nimmer, das könnt ich Dir justament noch sagen. Gefallen hat Dir an ihr der Zopf und —" ״Der Zopf? — hm, ua ja, könnt augehen — aber mir scheint, die Marie hat zwei solche Zöpfe, wie die Bozena einen hat." Mirjam erröthete über und über, sie neigte sich tiefer über ihre Arbeit und nähte eifrig weiter — eine Ahnung stieg in ihr auf, daß sie vielleicht, ohne, es zu wissen, Veranlassung zum Bruche der ehedem Verlobten sei. ״Die Marie hat prächtiges Haar," stimmte die Bäuerin bei, indem sie die schweren Zöpfe des neben ihr sitzenden jungen Mädchens in ihren Händen wog, ״aber anstatt dem Deixel könnt ich Dir noch mehr sagen, was Du an der Bozena alleweil gerühmt hast." ״Ah was," lachte der junge Bauer, indem er sich neben seine Mutter in einen Sessel warf, ״mit der Bozena ist's ans. Oft genug hat's mir Galt' gemacht, wenn sie so unwirsch zu euch geredet hat, und oft genug Hab ich bei mir denkt, wie wird das gehen, wenn die erst Seidlerin ist? — Na, Gott sei Lob und Dank! das wird sie nimmer. Heut ist ein prächtiger Tag, mit der Bozena ist's aus und die Marie kann wieder gehen. Gelt, Marie, jetzt wird Alles gut werden." - ״Na," fiel die Alte ein, ״der Marie wär's sicher lieber, wenn's jetzt bald Hochzeit gab', sie hält' ja können Krauzeljungfer sein." ״Krauzeljungfer? — die Marie der Bozena ihre Krauzeljungfer?" Es war ein eigenthümlicher Ton, in dem der junge Mann diese Worte sprach. ״Nein," sprach sie, ohne den Blick von der Arbeit zu heben, ״es hätte mich zwar gefreut, wenn Ihr jetzt Hochzeit gemacht hättet, denn ich wünsche Euch alles Glück, aber Krauzeljungfer wäre ich doch nicht gewesen. Jetzt bin ich Gottlob wieder gesund, jetzt ist's Zeit, daß ich weiter gehe." ״Marie!" riefen Mutter und Sohn wie aus einem Munde. Der Toni schien hastig weiter sprechen zu!vollen, aber mit Gewalt hielt er sich zurück, er preßte die Lippen fest auf einander, als fürchte er, sie könnten ein Geheimniß verrathen. (Fortsetzung folgt.)