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Jeschurun · 1883-07-19 · Heft 29 (19.7.1883) · p. 455

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 29 (19.7.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-07-19
Page
455 (sequence 2)
Language
German
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455 Wie frisch und blühend die Knaben, und mit welcher Vicbc und Trene die Alte sür sie zu formen schien. — Das; er dem Begräbnisse ihrer Mutter beigewohnt, dar; ahnte sie nicht, hielt sie doch ihre Mutter snr srijcher und wohlcr als ehedem. Während die Bänerin unfern des Ofens sag und die Stricknadeln munter klappern lieg und eben im Begriffe war, dem iljvcu Worten stets aufmerksam lanseheitden jungen Mädchen eine muntere Episode ans ihrer Jugend zu erzählen, hatte Mirjam ihre Arbeit still bei Seite gelegt und zum erstell Mal seit nahezu vier Monaten den Versuch gemacht, aufzustehen, und cs war ihr geglückt; ohne Schmerzen stand sie aufrecht da. ״Ich stehe! ich stehe!" rief sie jauchzend, ״ach wie Schade, daß Ihr mich nicht sehen könnt." Gott sei Lob mit» Dank, daß wir so lveit sind," sagte die Alte, indem sic die lichtlosen Angen lächelnd zu ihr hob. ״Aber folg' mir, Marie, mnth' dem Fuß nicht mit einem Mal zu viel zu, wart' noch etliche Tage mit dem Gehen." ״Ja, ja, ich werd' Euch folgen," erwiderte Mirjam, ״nur ein einziges Mal laßt mich durch's Zimmer gehen, und dann setze ich mich wieder und stehe vor Abend nicht auf." Die Alte wollte tioch Einwendungen erheben, aber Mirjam suhlte sich so glücklich, daß sic bereits mitten im Zimmer sich befand. Da ging die Thür ans, der Toni und seine Braut traten in's Zimmer. ״Die Marie geht schon herum!" ries die Bozcna, voll Statuten die Hände znsammcnschlagend, ״warum hast mir denn davon nichts gesagt?" wandte sie sich an ihren Bräittigam. ״Hab' ich's denn selber g'lvnßt?" eittgegnete dieser, indem seine Blicke mit nnverholener Bewruidernitg an deitt jungen Mädchen hasteten, das er zum ersten Mal aufrecht steheltd vor sich sah. Er halte sie bisher stets als Kind betrachtet und voll Statuten erblickte er nun ' eine Jungfrau vor sich. Mirjam fühlte die Glnth feiner Blicke, obgleich sie ihnen nicht begcgitete, und selbst über nitd über erglühend, hatte sie ihren Platz an der Seite der alten Bänerin wieder eingenommen. Aber auch die jttitge Bänerin hatte die Blicke wahrgenoituncn, mit denen ihr Verlobter die Andere betrachtete; längst hatte sie zwar ״das Kind", dein der junge Bauer so manche Aufmerksamkeit widmete, mit scheelen Blicken angesehen, doch jetzt war ihre Eifersucht Hel! entbrannt. Nach tvenigen übellatinigen Worten, die sic mit ihrer prüsumptlvcn Schwiegermutter gewechselt, brach sic wieder auf und zog auch den Toni mit sich fort. Schweigend folgte er. ״Wohin soll'ö denn schon wieder?" fragte er endlich mürrisch, nachdem sic bereits mehrere Minuten schweigend neben einander einhergeschriticn waren. ״Wohin? —׳ na heim zu mir — in'm Seidlerhof kann Ein's so kein Wort tticht reden, wenn die große Mad alleweil drinnen hernmsteigt." j ״Was kümmert's Dich?" brummte der Bauer. | ,,Was's mich kümmert?" ries die Bozena, indem! sic stehen blieb und die Arme herausfordernd in die Seiten stemmte. ״Anf'in Sonntag willst's Aufgebot bestellen und fragst, was's mich kümntert, daß Du so'ne Hergelaufene niifm Hof hälft." ״Halt's Maul!" braufte der Toni - auf, ״weißt's gut, das; die Marie keine Hergelaufene ist, daß ich selber sie verwund't Hab' und von deßwegcn verhalten bin, sic zu verpflegen, bis daß sie wieder g'snnd ist." ״Aber jetzt ist sie gesund, sie steigt ja hcrnnt wie eine - jetzt kann sie sehen, wie sie weiter kommt, aufm Hof hat sie nichts mehr zu schassen." ,,Hast Du drüber zu befehlen?" ״Freilich!" rief sie. sich mehr unb mehr ereifernd, ״und das sag' ich Dir, Toni, daß Dit's weißt, schaffst die Hergelaufene nicht vo'm Hof, so darsst's Aufgebot nimmer bestellen — da ist's aus." ״So? — trntzen willst? — denkst' der Seidl er Toni thät sich ängsten?" ״Das ist mir Alles Eines — aber wo so Eine ist —" . ״So Eine? — hundertmal mehr ist sic werth als wie Dtl — das sag ich Dir!" ״Und ich sag' Dir, daß Dn'n elender Lump bist. — Nimm Du Dir nur Dciite Lumpin, 'ne Rechte kriegst nimmer." Damit wandte sie ihm den Rücken und eilte davon. Er blieb stehen und athmetc wie erleichtert ans. ״Alsdann ist's ans mit uns," rief er ihr noch nach. Sie wandte sich nicht um und eilte weiter. Abermals athmete er tief ans. zog sein Tuch ans der Tasche und fuhr sich damit über sein erhitztes Gesicht; trocknete er sich in dieser Kälte den Schweiß von der Stirn? ״'s ist besser so," murmelte er uor jid) 1)111, ״das hält' nimmer gut gethan — so Eine, die schon vorweg anschafsen will — was nur die Alte sagen wird — ah was, mir scheint, ihr wird's recht sein, von der Bozeita hat sic gar nie viel g'halten. —" Er hatte sich bei diesen Worten wieder nmgewandt und schritt langsam zum Hose zurück. Marie saß wieder an ihrem gewöhnlichen Platze neben der Bliitdcn und nähte eifrig — sie blickte nicht auf, als der junge Bauer in's Zimmer trat. Scltsaiu, sic saß am nämlichen Ort, in der näntlichen Haltung, in der er sic so oft schon gesehen unb dennoch erschien sic ihn; so ganz anders als bisher, demtvch konnte er nicht begreifen, wie ihm dieses blühende junge Mädchen bisher als Kind erscheinen konnte. Oder war sie in

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