Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1883)
- Article
- Russische Emigration in Amerika
- Date
- 1883-07-19
- Page
- 451 (sequence 2)
- Language
- German
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451 unglücklichen auS Rußland flüchtenden Brüder unter- ' nahmen, zwei wesentliche Mängel auhaftcteu, Mängel, die für das ganze Unternehmen von vcrhängnißvollsten : Folgen sein mußten. Fern sei es von uns, die Bereit- Willigkeit in Darbringung materieller Opfer nicht ancrkennen und den Einzelnen, welche solche bethätigt, das ihnen dafür gebührende Lob vorcnthalten zu wollen. Aber eS läßt sich nicht in Abrede nehmen, daß das innige brüderliche Gefühl, welches in den Opfern eines brutalen Fanatismus in Wahrheit den leidenden Bruder erblickt, nicht ganz zum Ausdruck gekommen ist. Dem hcimathloscn Bruder offner sich nicht der Beutel allein, ihm gewährt man auch gern eine Ställe am eigeucn Herd. Nicht also haben wir für die russische Enrigration empfunden. Wir Hütten ihr sonst auch bei uns eine bleibcnde Niederlassung zn bereiten uns bemüht. Und wenn auch nicht übersehen werden darf, daß die Ermöglichung einer solchen mit gewissen Schwierigkeiten verknüpft wäre, so möchten doch diese, nicht ganz und!ticht überall unüberwindlich gewesen fein. Jedenfalls hätte der Persuch gemacht werden müssen, die Flüchtlinge in Deutschland, Oesterreich, England, Frankreich, Holland und den übrigen europäischen Staaten je in kleineren Abthciluugen anznsicdeln. Statt dessen aber glaubte man ungemein weise zu handeln, wenn man die flüchtigen russischen Brüder nach jenseits des atlantischen Ozeans verschiffte, und hat in unbegreiflicher Kurzsichtigkeit sich nicht einmal die Frage vorgclcgt, ob cS denn nicht gerathener sein dürfte, nicht nur nach den Nordamerikanischcn Freistaaten, sondern auch nach anderen Erdtheilen den Strom dieser Auswanderung zu lenken. So haben die europäischen Juden etwa 20 000 Seelen nach Amerika geschafft, ohne sich zuvor zu vergewissern, ob denn auch begründete Aussicht vorhanden, daß diesen tranSportirten Brüdern in Amerika die Hoffnung zn einer.gesicherten Existenz winkte. Die Wahrnehmung, welche wir hier in Hannover machen mußten, daß seitdem etwa 850 Personen von diesen Emigranten zurückgckchrt sind, bestärkte uns in dem Glauben von der Nichtigkeit unserer von vornherein gehegten Meinung, und wir gaben uns Mühe, genauere Einsicht in die Verhältnisse der Auswanderung zn erlangen. ES ist uns dieses leider bisher nicht gelangen. Wir sehen uns nur ans die Aussagen unserer ärmer und elender in ■ט10ן1)00^ן11ו1ו}ץ01טן5־ן€ט, düsterster Stimmung der entflohenen russischen Hcimath wieder zucilenden Brüder, sowie auf den Bericht der ״Hebrew Emigrant aid society“ in New-Iork für das Jahr 1882, und eines von Herrn Theodor Berger, welcher sieben Monate sich in den Berciuigtcu Staaten aufgchalten, au die ״Israelitische Allianz" in Wien gerichteten Memoircs vom 19. Juni d. I. angewiesen. Wir vcrfügen demnach über cm sehr dürftiges Material und würden uns sehr befriedigt fühlen, wenn diese Zeilen vielleicht Veranlassung gewähren möchten, daß über die Vage der russischen Emigration nach Amerika AutcntischereS bekannt gegeben würde. Wenn wir bedenken, daß der Rückzug derselben über Hannover, einer keineswegs an der besuchtesten Hcrstraßc zwischen Amerika und Rußland bclcgenen Stadt, bis jetzt schon die vorhin erwähnte Höhe erreicht hat und noch fortwährend andauert, jo gelangen wir zn einer höchst betrübenden Schlußfolgerung über den Umfang der aus Amerika Hcimkchrendcn. Wie Unglücklich und hülfSloS muß sich ein Theil unserer armen Brüder, die wir nach dem tranSatlautischen Kontinent befördert haben, dort wissen, wenn die trostlose Perspektive, welche in der alten Hcimath sich ihnen eröffnet, dem Aufenthalt in Amerika vorgezogen wird. ״Wir möchten gerne arbeiten, wir hassten Gelegenheit-zn finden, uns durch unsere Arbeit eine Existenz zu begründen, aber wir fanden solche in Amerika nicht, und wenn wir nnS verdingen wollten, so verlangte inan von uns die Entweihung des Sabbaths. Theilweijc wurden wir auch von den einheimischen Arbeitern bedroht, die sich unserer Konkurrenz entledigen wollten", dieses ist der Inhalt der Klagen in dem Munde der bemitleidenStvcrthcn Rückkehrenden, für welche die enormen Kosten der Hin- und Herreise gar keinen Nutzen gebracht. Arm und elend sind sie hinauSgczogcn, ärmer, elender und gebrochener kehren sie zurück. Wir haben hier in Hannover für den Transport der Rückreisenden von hier bis Berlin bis jetzt ungefähr (JOOO Mark vcrauSgabt. Der angeführte Bericht der ״Aid-Soeicth" schweigt zu unserem Bedauern über die Lage der nicht in neu angelegten eigenen Kolonien Angesiedelten und ebenso auch das Memoire des Herrn Berger. Wir vermissen ebenfalls in dem Ersteren ein dcntlichcS SichauSsprcchen über die Fürsorge, tvclchc in Amerika in Betreff der religiösen Ucberzcngnng der Flüchtlinge getroffen ist. Derselbe geht über diesen Punkt sehr leicht hinweg. Er berührt ihn, erledigt ihn aber nicht. Man hat nun mehrfach gesagt, die Schuld des Mißlingens läge vornehmlich an den russischen Juden selbst, welche arbeitSnnlustig und ungeschickt wären. Dreien Verdächtigungen wird zu unserer Freude cutschicdcu cutgegcngctreten. Der Bericht der .,Hubrew emigrant aid sodetv" faßt das Unheil über sie dahin zusammen, ״daß die russischen Flüchtlinge sich als eine gute Klasse Menschen, als ein schwer schassendes, gottcsfnrchligcS Volk betvicseu haben." Ebenso wendet sich die ״Dcborah", eine deutsche Beilage zir dem ..Tire; american Israditd* in Eineiuuati, mit Entrüstung gegen die Verungliurpfungen, welche über die russischen