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Jeschurun · 1883-07-05 · Heft 27 (5.7.1883) · p. 421

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 27 (5.7.1883)
Article
Die Lösung der Judenfrage in Rußland
Date
1883-07-05
Page
421 (sequence 2)
Language
German
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421 wegS vor unseren nationalen Kulaki (KulaR -- die staust, Bezeichnung für Blutsauger) schützen, die den Juden sicherlich nicht nachsiehen. Das gegen die Juden vorhandene unbestimmte Gefühl der Verachtung und des zwecklosen Hasses wird allerdings durch das von Generation zu Generation vererbte Vornrtheil erklärt. Traurig aber ist cS, daß diese Anschauungen dcö Volkes durch verständige Interpretation der historischen Fakta und Traditionell nicht paralysirt, sondern in! Gegentheil durch die bürgerliche Ungleichheit der Juden aufrechterhalten werden. Von allen Seiten Stimmen gegen den Kahal der Juden, gegen ihre exklusive Haltung, ihre sozial-religiöse Gemeinschaft u. s. w. Doch ist eine andere Lage der Juden denkbar, so lange die oben crlvähnten Beziehungen der russischen Bevölkerung fortbestehen? So lange die erniedrigende soziale Stellung der Juden fortdanert, so lauge wird ihre Gemeinschaft einem unentwirrbaren Knaul gleicher!, und der Haß gegen sie wird nicht abuchmen, sondern kann sogar mit neuer Kraft aufflammen. Eine wirkliche Vereiuiguug der verschiedenen Elemente der Bevölkerung Rußlands ist nur bei einem System breiter bürg erlicher Freiheit und Gleichheit der Rechte und Pflichten Alter möglich. Rur solche Faktoren deS öffentlichen Lebens sind gceigriet, die Unterschiede der Abstammung und der Konfession, die für den Staat ohne Bedeutung sind, auszugleichen und eine Solidarität in öffentlichen Interessen, eine politische Einheit des Landes zu schaffen. Das herrschende Element in! Prozesse der Assimilirung der Rationalitäten wird immer daS sein, welches durch Zahl und durch höhere geistige Entwickelung stärker als die übrigen sein wird. Daraus crgiebt sich, daß eine wirkliche und nicht nur scheinbare Nussisizirung unserer Grenzgebiete nur möglich ist, wenn Rußland ihnen gegenüber als wahrhafter Berkünder besserer politischer Grundlagen erscheint, als diese selbst herausgebildet haben. Da der Staat die Juden nicht als vollberechtigte Bürger anerkennt und sic. bloS wie ein unvermeidliches Nebel duldet, so ist auch von ihrer Seite Sympathie schwer zu erwarten. Frankreich kann als bestes Beispiel dafür gelten, daß Bedingungen dafür cxisnren, unter welchen auch die Inden als ebenso nützliche Staatsbürger erscheinen, wie die anderen Bürger. Gegen drei Prozent (2\1«>) der Gesammt-Bevölkernng von Paris sind Inden, und doch ist keine Jndcnfrage dort bekannt. Sodann müssen die läppischen Beschuldigungen erwähnt werden, die man gegen die Juden erhebt, angefangen mit dem erfundenen Kommentar zu ihren heiligen Schriften und geendet mit der Beschuldigung des Gebrauchs von Christenblnt. Keine von allen diesen Anklagen hält auch eine nur oberflächliche Kritik aus. Ohne daher bei diesen zu verweilen, seien einige anscheinend nicht grundlose Vorwürfe erwähnt, welche dahin lauten, der Jude sei für Physische Arbeit im Allgemeinen und den Ackerbau insbesondere untauglich, überall seien Wucher und AuSbeutnng die Hülfsguellen der Inden, daher anznnchmen stehe, daß durch ihnen zu gewährende Freizügigkeit die von ihnen bisher verschonten Gegenden großer Gefahr auSgesetzt werden. Bon alledem ist nur das Eine richtig, daß die Inden tausendjährigen historischen Bedingungen gcrnäß als Bewohner der Städte dem Handel und VerntittelungSgeschäjten vor physischer Arbeit den Vorzug geben. Doch darf nicht übersehen werden, daß ein ziemlich bedeutender Thcil der Juden sich mit verschiedenen Handwerken befaßt, selbst mit schweren, wie z. B. mit den! Schmiedehandwcrk. Ferner ist bekannt, daß in gewissen Gegenden die Inden Ackerbau treiben. So sind z. B. im Gouvernement Kiew gegen 10 500 Juden beiderlei Geschlechtes Ackerbauer, im Gouvernement Wilna zählt man 61 <>•15 Juden, wovon 2066 Ackerbau treiben. Auch im Kaukasus gicbt cS nicht wenig jüdische Ackerbauer, ebenso in anderen Theilen des Reiches. Aus den angeführten Thatsachen geht also hervor, daß der Ackerbau den! Juden nicht so fern steht, wie behauptet wird. Diese Thatsache ist um so bcmerkenSwerther, als die Juden keineswegs dazu angchalten wurden, sondern in! Gegentheil immer auf fast unüberwindliche Hindernisse stießen. So ist wohl Vielen noch das Gesetz vom Jahre 1864 bekannt,!vclches den Inden strikte untersagt, von Privaten der Gouvernements Wilna und Ko!vno Land zu kaufen, und andererseits den Russen, einschürfte, an Inden Land weder zu verkaufen noch zu verpachten oder zu verpfänden. Im Jahre l88l wurde dieses Gesetz schon auf die gesammte jüdische Bevölkerung ausgedehnt. Dessenungeachtet bilden im westlichen Gebiete. Juden das überwiegende Element unter der Klasse der Veruiitrler beim Handel mit lokalen Produkten. In jeder Gegend, welche Laudwirthschaft und Industrie treibt, bestehen bekanntlich mathematisch genaue proportionale Beziehungen zwischen der Zahl der Produzenten und den Personen, welche die Waaren verbreiten. Diese Beziehungen werden nicht bloS durch die lokalen ProduktionS-Bedingnugen, sondern auch durch die Stärke der Bevölkerung, den Zustand der Verkehrsmittel und eine ganze Reihe anderer Faktoren bestimiut, welche mit der rage deS lokalen Marktes in Verbindung stehen. In den nord- und südwestlichen Gonverue!nentS ist die Proportion zwischen Produzenten und Zwischen- Händlern vollständig zerstört, daher eine Menge unproduktiver Kräfte, deren Unterhalt als eine schwere Bürde dem prodnzirendcn Bcvütkerungstheile zufällt. Daraus entstehen hauptsächlich Exzesse, wie wir sie in letzter Zeit erlebten. Wenn den Juden vollste bürgerliche Gleichberechtigung und das Recht der Freizügig-

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