Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1883)
- Article
- Die Verhandlung des Tisza-Eszlarer Prozeß vor dem Gerichtshof in Nyiregyhaza
- Date
- 1883-06-28
- Page
- 412 (sequence 4)
- Language
- German
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412 Morde auch nicht anwesend sein konnte. Die Beschuldigung ist also unwahr. — Nun richten Szekely und GötvöS einige Fragen au den 'Angeklagten, aus welche derselbe entschieden erklärt, das; cs wohl möglich ist, daß er mit dem ihm verfeindeten Weißstein in einer und derselben Gruppe, doch gewiß nicht in dessen Gesellschaft, den Heimweg antrat. Angeklagter Junger weist die Beschuldigung entschieden •,liri'uf und führt aus, daß er nach dem Vormiuags-Gotlcsdiensle die Synagoge sofort verlassen und keinen Moment lang in derselben zurückgeblieben sei; cd wird auch konstatirt, daß der Angeklagte fünfzehn Jahre laug in GSzlar das Amt eines Gemeinde-Kafsicrö musterhaft geführt habe. Dem Lcrhörc Jüngers folgt das Bcrhör Abraham Brauns. Derselbe ist ein junger, blonder, kräftiger Mann, etwas hinkend und ärmlich gekleidet. Braun ist :;7 Jahre alt, verhcirathet, Bater mehrerer Kinder und mittellos. Auf die Frage des Präsidcnten erzählt er, daß er die fremden Schächter nicht gekannt, sic früher nie gesehen habe, daß er einen Bettler im Tempel, wohin er um Uhr ging, nicht bemerkte und nach dem Gottesdicnstc die fremden Schächter, die er im Tempel Probe beten Hörle, alle Weggehen gesehen habe. Nachmittags war er selbst gar nicht im Tempel. Die Gsthcr habe er gekannt, sie aber in den letzten zwei Jahren kaum zweimal gesehen׳, die Anklage fei erlogen. Nach l l Uhr war er gar nicht mehr in der Gegend des Tempels. Ans Befragen des BertheidigcrS Szekely bemerkt der Angeklagte, er sei mit einem gewissen Martin Groß und dessen erwachsenem Sohne feil einiger Zeit in Streit gewesen, und da sic ihm drohen ließen, daß sie ihn ohrfeigen werden, sei er noch eine Minute vor Schluß dcS Gottesdienstes aus dem Tempel gegangen. Gs folgt sodann die Vernehmung des Angeklagten Lazar Weißstcin. Derselbe ist Pater von neun Kindern, Gr ist ein stämmiger Mann von 59 Jahren, trägt einen langen weißen Bart, bürgerliche Kleidung und ist der Ginzigc unter allen Angeklagten, der schon bestraft wurde, und zwar während seiner Untersuchungshaft zu einmonatlichem Gefängnisse. Gr erklärt, er habe leinen der kandidirenden Schächter früher gekannt. Im Tempel erhielt er erst Kunde von den?kamen der Schächter und woher sie seien. Bei Taub waren Schwarz und Braun cinguarlirt, Buxbaum bei Süßmann. Zu Hause hatte er einen kranken Sohn, bei welchem er nach dem Gottesdienste nnunterbrochen blieb, uild Nachts fuhr er nach Nagykallo. Ans die Frage des Präsidenten, ob er sich schuldig fühle, antwortet er mit weinender Stimme, er möge seine neun Kinder nie wieder, sehen, wenn er nach 11 Uhr auch nur in der Nähe des Tempels gewesen׳, cs sei ihm übrigens unbegreisiich, weshalb denn der Üntersnchtmgsrichlcr Anfangs nur von einem Morde, der in der?nicht geschehen sein soll, sprach, und daun später über einen Mord am Mittag Fragen stellte. Der Präsident verliest nun einige Aktenstücke und läßt sodann den Angeklagten Sa« muel Lustig vorführen. Derselbe ist 39 Jahre alt, Vater dreier Kinder, Flickschneider und hat etwas Vermögen. Gr deponirt, das; er die Schächter früher nicht gekannt habe; dieselben seien n׳.ch dem Gottesdienste nach Hanse gegangen. Die Gsther habe er nicht gekannt, denn er gehe schon seit Langem keinem Mädchen nach. Die Anklage sei erlogen, und er bedauere sehr, daß so gebildete Männer eine solche Dummheit glauben können. Wenn man ihn peinige oder auch nur schrecke, würde er aussagen, was man nur von ihm verlange. Der Knabe Moriz sei, als er vom SichcrhcitS-Kommissär Nclsky, wo er diese Geschichte angeblich das erste Mal nnssagte, zurückkam, ganz gebrochen und abgehetzt angekommen. Junger steht auf und fragt, warum man den Jungen damals überhaupt nicht zum Unter snchungsrichlcr, sondern zu einem Sicherheiks-Kommissär führte und ihn, der doch nur Zeuge war, gefangen hielt. Gs folgt nunmehr das Verhör des letzten der der Theilnähme am Morde Angeklagten. GS ist dies Emanuel Taub, der abgedankte Gszlarer Schächter. Derselbe ist 28 Jahre alt, von schmächtiger Gestalt, mit braunem Haar und Bart. Gr erzählt, daß er ein Jahr in Gszlar Schächter war und dann gekündigt habe. Tie zwei Schächter Schwarz und Braun haben bei ihm gespeist, und Abends waren sie längere Zeit bei Lichtmann. Nach Vernehmung dieses Angeklagten ordnet der Präsident die Vorführung des Moriz Schars an, um die gestern unterbrochene Giuvcruehmung desselben forlznsetzen. Moriz Scharf betritt den Saal und bcgubt sich vor den Nichtcrtisch. — Verlhcidigcr Friedmann: Hoher Gerichtshof! Als gestern die Giuvcruehmung des Moriz Scharf verfügt wurde, geschah dabei ein Abwcichcn von der Regel. Gs können — ich will dies nicht lveircr untersuchen — hicfür Gründe obgewaltct haben, doch will ich konstaliren, daß die Ginvernchmung eines Zeugen gesetzlich in der Weile dnrchgefüh't werden muß, daß dieselbe nicht nnterbochen werde. Gestern mußte dies der vorgerückten Stunde wegen dennoch geschehen, und die Ginvernchmung des Moriz Scharf's hat abgebrochen werden müssen. Gs würde unbedingt einen peinlichen Gindruck machen, wenn heute die Veruehmuug dcsfelbeu im Hiublicke auf die Mittagspause nochmals, ja vielleicht ciu drittes Mal uuterbrocheu werden müßte. Gs sind an den Zeugen so viele Fragen zu stellen, durch denselben so viele Widersprüche aufzuklärcu, daß dies in kurzer Zeit nicht geschehen kann. Ich stelle daher den Antrag, die Sitzung jetzt auf kurze Zeit zu unterbrechen ilnd die Gin- Vernehmung dcö Moriz Scharf nach dieser Pause in ciucm Zuge, evcnttiell bis Nachmittags 3 bis 4 Uhr fortzusctzeu. Ferucr beantrage ich mit Rücksicht darauf, daß Angeklagte und Zeugen, die. Reihen des Publikums passircud, unter denselben Personen scheu müssen, die in der Gigensch.ist als UutersuchuugSrichtcr u. s. w. aus die Angeklagten und Zeugen Ginsluß genoutmen haben und deren Anblick diese?)keuschen auch jetzt eiuschüchteru könnte, verfügt werde, daß die Angeklagten und Zeugen aus der Linie, welche sic im Publikum zu passircu haben, keine Personen scheu, deren ׳Anblick sie verwirren oder einschüchlcrn könnte. — Der Präsident erwidert, daß er den ersten 'Antrag ohne iveiters aunchmc und die Sitzung aus eine halbe Stunde bis halb 12 Uhr snspcndirc ׳, bezüglich des zweitens 'Antrages sehe er die Nothwendiglcil der Verfügung nicht ein. Gs folgt hieraus eine halbstündige Pause. Um halb 12 Uhr wird die Sitzung wieder ausgenommen; die Angeklagten werden vorgeführt und cs beginnt die Vernehmung des Moriz Scharf. lFortsetzung folgt.) Korrcsvoudcnzckl mt& Nnchrill)tcll. Deutschland. * Hannover, 27. Juni. Aller Augen sind in erwartungsvoller Spannung auf das Komitatshaus in Nyircgyhüza, der vornehnUichsten Stadt dcsSzabolcscr Komitats in Ungarn gerichtet, in dessen Nänmen sich eine Handlung vollzieht, deren Erinnerung der Geschichteschreibetunseres Jahrhunderts mit Entsetzen und Trauer zu verzeichnen haben wird. Die Bekenner des Judenthnms aber, welchen Landes und welcher Sprache auch immer, sie vor allen Anderen erblicken in ihr das schmerzensreichste Ereigniß der Gegenwart. Nicht den armen Angeklagten, jenen seit dreizehn Monaten im Kerker schmachtenden Duldern, allein, der gesammten