Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-06-28
- Page
- 408 (sequence 3)
- Language
- German
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408 auf der Schulter, zwischen deu Banken auf und nieder schritt und mit geübtem Feldherrnblick die jugendliche Schaar im Zügel hielt. Bald neigte er sich zu den ihm nahe Sitzenden, ihr Schreiben zu kontrolliren, bald traf er mit wohlgezieltcm Hiebe ein ferner Sitzendes, das die Feder halte ruhen lassen oder mit den ׳)!achbarn einige Worte gewechselt hatte, und königlich schien sich der Jugcndbildner zu amüsiren über die Schmcrzeusschreie der Kleinen. Hier war sein Reich, hier herrschte er uneingeschränkt. ״Ehre Vater und Mutter, damit Du.lange lebest," las das Mädchen an der Tafel, langsam aber mit vernehmlicher Stimme. In einer der letzten Bänke schienen zwei kleine Mädchen zu zischeln. ״Ruhig, Ihr Hunde! Ihr Hottentotten!" schrie der Lehrer, indem er in einer Anwandlung milder Laune vorläufig nur den Tisch mit seinem Stocke bearbeitete. ״Gebt Obacht! oder — Weiter!" — herrschte er dem Mädchen an der Tafel zu. ״Ehre," diktirte diese, ״großes E, kleines h, r, e, Pater — großes P, kleines a, t, e, r, und —" Das Rohr sauste durch die Luft und traf mit wuchtigem Hiebe einen zarten, bleichen Knaben, der an der Ecke der mittleren Bank unthätig da saß. Der Kleine schrie laut auf und ThrÜncu entstürzten seinen Augen. ״Warum schreibst du nicht'?" schrie der Lehrer, indem er nahe an ihn herantrat, ״Was? du hast gar kein Heft vor dir, du verfluchter Hund! und keine Feder!" und nochmals und abermals traf der Stock deu weinenden Knaben. ״Jetzt schreibst du!" gebot der Lehrer ״oder —״ Der Knabe schüttelte entschieden das Haupt. ״Ich schreibe nicht, es ist Sabbath heute." ״Sabbath?" hohnlachte der Lehrer, ״was fi'unmert dich der Sabbath? hier ist keine Iudensehule. Schreib! — sage ich — oder —" und abermals sauste der Stock durch die Lust. Der Knabe zitterte vor Schmerz, dennoch hob er das Auge und blickte unerschrocken in daS zornglühende Angesicht seines Peinigers. ״Und wenn Sie mich todt schlagen — ich schreibe am Sabbath nicht." Sümmtliche Schüler blickten voll Staunen auf den Kühnen, der Lehrer schäumte vor Wuth. ״Du schreibst am Sabbath nicht? aber heute vor acht Tagen hast du geschrieben und vor vierzehn Tagen und vor drei Wochen auch." In den! Angesicht des Knaben zuckte es, glühende Röthc wechselte mit erdfahler Blässe. ״Sonntag -ist meine Mutter gestorben," sprach er mit verhaltenem Schluchzen ״und als sie im Sterben lag, hat sie mir'S verboten und ich habe es versprochen, nie an! Sabbath zu schreiben." In den Reihen der Kinder entstand eine Bewegung, trotz der hier herrschenden strengen Disziplin ein Zischeln und ein Flüstern. — Doch der Schulmeister achtete jetzt der anderen nicht, er hatte es attgenblicklich einzig und allein mit den! Starrköpfigen zu thun, der sich geweigert seinen Befehl zu vollziehen. ״Schreib!" schrie er mit Sentorstimme ״Deine Mutter hat hier nichts zu befehlen, hier befehle ich! — Du schreibst! —״ wiederholte er wüthcnd, indem er einem andern Kinde Heft und Feder entriß. Ersteres vor den Renitenten schob lind Letztere demselben in die Hand drückte. Aber Jakob regte sich nicht. ״Ich schreibe nicht." ntitrmcltc er entschieden. Da aber traf ein Hagel von Hieben den zarten sich windenden Knaben und sein Schmerzensgeschrei erfüllte die Luft. Unter den Kindern hatte sich jedoch rasch eine Partei für deu Mißhandelten gebildet. ״Er kann nicht schreiben, wenn seine sterbende Mutter es ihm verboten hat," riefen die Einen. ״Ehre Pater und Mutter," lasen die Anderen laut. Mehrere Mädchen aber faßten Math, sie stürzten hervor und umklamrnertcn Gnade flehend, die Arme des Wntherichs. Der kleine David saß in der letzten Bank und weinte bitterlich über die Mißhandlung, die seinem Bruder widerfahren — er selbst hatte das ״Diktando" zwar nicht mitgeschrieben, er kannte noch nicht alle Lettern, aber er matte gehorsam die Buchstaben, die der Lehrer ihm vorgezeichnet. * 4- * Die Windsbraut heulte, der Regen stoß in Strömen, hinüber und herüber neigten die hohen Baume im Schloßpark ihre Wipfel und staut raschelnd sanken ihre welken Vlätterkroueu hernieder; doch bevor sic noch den Erdboden erreichten, hatte der Wirbelwind sie erfaßt und trieb sie vor sich her in alle Winde. Im Erkerzimmer oben im Schlosse lehnte Baron Woikersdorf im hohen Fauteuil, die gichtkranken Füße mit Decken sorgsam umhüllt. Im Kamin flackerte ein Helles Feuer und gewährte dem zu dieser Jahreszeit ohne dieses etwas düstcru Raum ein traulich behagliches Ansehen. Baron Woikersdorf war ein schöner Greis, er hatte das siebzigste Jahr bereits überschritten; sein volles ziemlich gefärbtes Antlitz zeigte noch wenig Falten, das weiße Haar siel lang und dicht bis auf den Nacken, seine ganze Erscheinung war ehrwürdig, nur der oft frömmelnde Ausdruck seines sonst lebhaften Blickes beeinträchtigte in gewisser Beziehung den im Uebrigen so günstigen Eindruck. (Fortsetzung folgt.)