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Jeschurun · 1883-06-28 · Heft 26 (28.6.1883) · p. 407

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 26 (28.6.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-06-28
Page
407 (sequence 2)
Language
German
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407 Herzen, waS er an ihr gesündigt. — Nur von diesen: Standpunkt aus erschien ihm sein Thun verwerflich — aber verwerflich in einem Grade, der ihn Höllenquälen erdulden ließ. — Hätte er eine derartige Wendung vorausgesehen, willig hätte er Schuldhaft und Armut!) ertragen, aber die Diene kam zu spät. Auf und nieder, ans und nieder, unablässig wandelte er auf und nieder und hörte nicht das Lärmen der unten im Schankzimmer Zechenden und gewahrte nicht, daß die Nacht längst hcrcingcbrochcu, daß einer seiner Leute eine brennende Kerze auf dein Tisch gestellt und daß von Zeit zu Zeit ein Kopf in der halbgeöffneten Thür sichtbar ward u:n, der Weisung des Priesters geniäß, den Verzweifelnden zu beobachten. Alle seine Leute empfanden aufrichtiges Mitleidcn mit ihm; er war ihnen kein hartherziger Gebieter, und überdicß hatte sein tiefer Schmerz um die Bcrstorbene die Sympathien Aller für ihn verdoppelt -- nur Leah äußerte kein Wort der Theilnahme für ihren unglücklichen Herrn, obgleich sie seil länger als einem Jahrzehnt mit seltener Treue in seinem Hause schattete. All ihr Trachten, all ihr Sinnen war auf die Kinder gerichtet, wie sie diese trösten, was sic für diese thnn könne. Denn sie verhehlte sich nicht, in: Hause des getauften Arendators konnte ihres Bleibens nicht lange sein; nach den: Ableben seiner frommen Gattin konnte cs schwerlich in seinen Intentionen liegen, seinen -Haushalt den jüdischen Rcligionsgcfetzen entsprechend fortführen zu lassen. Doch auch in anderer Beziehung gab sie sich keinen Illusionen hin. ׳ Sie liebte Ehrmann's Kinder, die sic seil den ersten Stunden ihres Daseins gepflegt, als wären sie ihre eigenen; daß Mirjam einflohen, hatte sie mit Bestimmtheit zwar erst am Sterbetage ihrer -Herrin erfahren, aber sie hatte cs längst geahnt — doch daß die im zartesten Kindesalter stehenden Knaben trotz ihrer Taufe noch dem Judenthnn: erhalten bleiben könnten, daran glaubte sie nicht. David, oder Dagobert wie der Kaplan ihn nannte, hatte sein sechstes Jahr kaum znrückgclegt, er war ein gutes, heiteres Kind mit echtem Kindergemüth. Dankbar für jede Frcnndlichkeit, gehorsam gegen Jeden, den er berechtigt hielt, ihm zu befehlen, und daher überaus lenksam. Er hatte seine Mutter aufrichtig geliebt, bei der Kunde von ihrem Ableben bitterlich geweint und auch bei ihrem Begräbnisse Thränen vergossen. Doch als der Kaplan freundlich tröstend die thränenüberfluthelcn Wangen ihm gestreichelt und süßes Konfekt ihm in den Mund geschoben und eine Tute voll ihm in die Hand gedrückt, da hatte er doch schon mit dankenden: Lächeln zu ihm aufgeblickt — und sein älterer Bruder zählte kaum um drei Jahre mehr. — Zwar hatte dieser seiner sterbenden Mutter gelobt, nie den Sabbath zu entweihen, nie jene Gebote, die er kannte, zu übertreten, — und mit überraschender Selbstständigkeit hatte er an ihrem Grabe cs öffentlich ausgesprochen, daß er trotz der an ihm vollzogenen Taufe sich stets als Jude betrachten werde. — Aber dort an: Grabe der Mutter war der Vater ohnmächtig gewesen, hatte seinem Auftreten nicht wehren können. — Doch sobald Ehrmann nur den ersten heftigsten Schmerz überwunden, würde er sicher auch Mittel finden, den Knaben seinein Willen gehorsam zu machen. Dennoch thai Leah ihr Möglichstes, den Knaben in seinem ausgesprochenen Vorsatze zu bestärken. Als sie jedoch am folgenden Tage, als Ehrmann nach schmerzlichslcr Selbstüberwindung sich entschlossen hatte, seine geschäftliche Thätigkcit wieder anfznnehmen, zu diesem mit der Frage trat, wann sie sein -Hans verlassen solle, da hatte er sie befremdet angcblickt, wie sie jetzt daran denken könne, sein -Haus und seine Kinder zu verlassen. Und als sic ihm erwidert, daß er doch wisse, daß sic einen Haushalt nur nach streng religiöser Vorschrift führen werde, da hatte er nach klirzem trüben Sinnen ihr erklärt, er könne sic jetzt nicht entlassen, und wenn cs nicht anders ginge, möge sie sein Haus fortführen wie bisher. Es wäre in der That keine geringe Verlegenheit für ihn gewesen, hätte Leah darauf bestanden, ihn zu verlassen. Er hatte sich nie^ um die Wirthschast' gekümmert, und in den letzten Jahren, während seine verstorbene Frau gekrünkelt, war Leah Alles überlassen, und mit strengster Gewissenhaftigkeit nach jeder Richtung hin hatte sic sein Hauswesen geleitet,- cs war daher nicht leicht, so rasch Ersatz für sie zu finden. Leah mußte demnach bleiben, und so seltsam es erscheinen mag, in das Hans des Renegaten, in denn außer der alten Magd keine ungetanste Seele sich befand, war noch kein Loth Fleisch gekommen, das nicht nach jüdischein Ritus geschlachtet, ward im Haushalt noch Alles auf's Genaueste nach jüdischer Vorschrift gehalten. Der Sabbath war hcrangekommcn. Leah hatte es dochnicht gewagt, das Familienzimmer sabbathlich herzurichten, aber in ihrem Kämmerlein hatte sie den wurmstichigen Tisch mit weißem Linnen gedeckt und zwei.Oellämpchen angczündet; dann hatte sic die Kinder herein gerufen und das Kidnschgcbet in ihren: Beisein gesprochen. Es war an: folgenden Tage; in der Schnlstube von Woikcrsdorf befanden sich nahezu vierzig Kinder, Knaben und Mädchen, die Knaben an der einen Seite, die Mädchen an der anderen, und alle schrieben eifrig nach, was eines der größer:: Mädchen ans einen: Buche diklirte und gleichzeitig an die große schwarze Wandtafcl schrieb, während der Lehrer, mit dem Abzeichen eines echten Dvrfschulmeisters, einem langen Rohre

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