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Jeschurun · 1883-06-21 · Heft 25 (21.6.1883) · p. 392

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 25 (21.6.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-06-21
Page
392 (sequence 3)
Language
German
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392 Schenke drängte, 1111b fragte im Borüberfahren nach der Ursache ihrer Eile. Einer der ihm Zunächstslehenden lhcilte ihm den Todesfall mit. — Am dritten Tage nach dem Ableben der frommen Dina fand die Beerdigung statt. ES war ein sonnig heiterer Tag im Spätsommer, die Lust rein und nütde, der Himmel wolkenlos und azurblau, und dort im Hellen Sonnenschein vor dem Sterbehanse hielt der Leichenwagen. Gassenbuben umstanden ihn, nur ivenige anständige Erwachsene befanden sich unter ihnen, vor dem Hause des getauften ArendatorS fehlte die Menge, die sonst den ärmsten Juden zu Grabe geleitet. Die Berstorbenc war hier nur von den Wenigsten gekannt und selbst von diesen nur flüchtig. Daß sie nicht getauft war, wußte man; doch daß der Schmerz über den Abfall des Gatten, über den Zwang, der ihren unschuldigen Kindern widerfahren war, ihr das Her; gebrochen, ihr vorzeitiges Ende beschleunigt hatte, das ahnte nur Leah. Die Mitglieder der BeerdignngS - Brüderschaft thaten ihre Pflicht; selbst im Ham'e des Abtrünnigen erwiesen sie der Entseelten die üblichen Licbespftichlen, — sie trugen auch den Sarg hinunter, hoben ihn auf den Wagen und geleiteten ihn zum israelitischen Friedhof. Der trostlose Gatte, nur mit äußerster Anstrengung ein lautes Schluchzen unterdrückend, folgte, seinen ältesten Knaben an der Hand; dann kam die gleichfalls trostlose Leah mit dem kleinen David, und ihnen folgten die übrigen Dienstboten aus dem Brannlweiuhause, um der verstorbenen Herrin, die sie zwar kaum gekannt hatten, die letzte Ehre zu erweisen. Langsam beivegte sich der ziemlich unansehnliche Trauerzug durch die Straßen; hie und da schloß einer der Borübcrgeheudcn sich an — als sie au dem Psarrhof vorüber kamen, trat auch der Kaplan heraus und ging mit. Der Sarg war hinunter in das Grab gelassen, kollernd sielen die schweren Schollen der trockenen Erde darauf. — Die Kinder 1111b Leah schluchzten laut, Ehrmann aber stieß einen wilden Schrei aus und brach ohnmächtig zusammen. Einige der Anwesenden bemühten sich um ihn, — cs mußte doch noch nicht allen bekannt sein, daß er und seine Söhne als Mitglieder der herrschenden Kirche betrachtet wurden. ״Wollt Ihr nicht Kadisch sagen, Kinder'?" fragte einer der Umstehenden die schluchzenden Knaben. ״Was fällt Ihnen ein," rief ein Anderer dazwischen, ״sic sind ja alle getauft." Aber der ältere der beiden Knaben richtete sich hastig aus und indem er demjenigen, der zuletzt gesprachen, einen herausfordernden Blick zuwarf, rief er laut: ״Es ist nicht unsere Schuld, daß man uns mit dem Wasser besprengt hat, darum sind wir doch Juden!" Gleichzeitig schlug er das hebräische Gebetbuch ans, in das die!reue Leah schon zu Hanse ein Zeichen gelegt hatte, und sprach das am Grabe der Eltern übliche Kadischgebet, durch heftiges Schluchzen zwar öfters unterbrochen, dennoch mit lauter, vernehmlicher Stimme. Tief ergriffen stimmten die Anwesenden ein. Doch als das Gebet zu Ende, da war das unglückliche Kind nicht mehr im Staude, seinem Schmerz Einhalt zu gebieten; laut weinend warf er sich zur Erde und küßte den Staub, der das Grab der Mutter deckte. ״Mutter!" schluchzte er, ״Mutter! ich halte, was ich dir versprochen — ganz gewiß, ich werde es halten!" Leah versuchte ihn zu beruhigen und ihn vom Boden anfzurichten, mehrere der Anwesenden bemühten sich gleichfalls um ihn und sprachen freundlich theilnehmende Worte zu dem trostlosen Knaben — jetzt erst war es ihnen zum Bewußtsein gekommen, daß sie eine schuldlose Unglückliche zur letzten Ruhestatt, geleitet. Als das Grab ungefähr zur Hülste zugeworfen war, drängte sich plötzlich ein junger Bauer durch die Umstehenden, er schien erhitzt und athmetc hastig, als habe er sehr geeilt, um nicht zu spät zu kommen. Er hielt einen prächtigen Jmmortellenkranz in den Händen, neigte sich über das Grab und ließ den Kranz hinunter gleiten. Ein Gemurmel des Unwillens ward laut ob dieses unjüdischen Brauches am jüdischen Grabe. Einige hielten den abtrünnigen Gatten für den Spender, andere vermntheten, der junge Bauer sei ein Bekannter der Berstorbenen aus ihrem früheren Wohnorte. — Leah hatte einen Moment aufgcblickt und den Boten erkannt^ der vor wenigen Tagen ihr Mirjam's Schreiben übergeben; doch als sic unmittelbar darauf sich nochmals nach ihm umgewaudt, da war er vcrschwanden. Inzwischen hatte auch Ehrmann die Augen wieder anfgeschlagen; seine Leute hatten ihn gelabt, und der Kaplan stand'mit freundlich tröstendem Zuspruch ihm zur Seite. Db der Unglückliche ihn hörte? — vollständig fassungslos starrte er vor sich hin. Der Friedhof hatte sich bereits geleert, auch Leah hatte sich mit den Kindern ans den Heimweg gemacht. Ehrmann schien sich von dem Grabe nicht trennen zu können. tzFortschung folgt.)

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