Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-06-21
- Page
- 391 (sequence 2)
- Language
- German
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391 Obgleich sie längst gewußt, baß ihr Mann dieAbsicht hatte die Knaben taufen zu lassen, so hatte sie doch keine Ahnung, daß es bereits geschehen. — Sie winkte den Kindern, und der Aeltere neigte sich tief zu ihr hinunter um auch ihre leisest geflüsterten Worte zu vernehmen. ״Entsetzlich! —" stammelte sie, ״doch euch trifft keine Schuld — aber Juden bleibt Ihr doch — immer — dürft doch am Sabbath nie arbeiten. —" ״Wir wcrden's auch nicht," versicherte der Knabe, indem er die Hand der Mutter an seine Brust drückte. ״Vergeßt das Sch'ma nicht — und den Sabbath nicht! — " murmelte die Kranke, ״und — und —" Jakob hielt das Ohr nahe zu ihren Lippen. ״Sag' mir Kadisch nach! —" Noch ein Seufzer und ein leises Röcheln. — ״Grüß' Mirjam. —" Ihre Lippen bewegten sich noch, doch vergebens hielt der Knabe das Ohr an ihre Lippen, er vernahm keinen Laut mehr. Lautlos, ohne sich zu regen, verharrten die Kinder am Bette, sie wollten die Schlummernde nicht stören. Jakob hielt noch immer ihre Hand, die schwer in der seinen ruhte. Daß sie allmählich erkaltete, hatte das Kind nicht wahrgenommen. Dämmerung nahte, in dem Zimmer ward es dunkeler und dunkeler, bis endlich Leah mit einer brennenden Kerze in der Hand cintrat. ״Schläft die Mutter'?" fragte sie leise, indem sie schützend ihre Hand vor die Flamme hielt, damit die plötzliche Helle die Schlummernde nicht erwecke. Die Kinder bejahten durch Zeichen, zu reden wagten sie nicht. ״Nun, so kommt hinunter, ich will Euch Nachtmahl geben, — die Mutter möcht' sich ärgern, wenn Ihr so spät esset, kommt!" fügte sie hinzu, als die Kinder ihrer Aufforderung nicht sofort entsprachen. Vorsichtig ließ Jakob die Hand der Mutter auf das Deckbett niedergleitcn und leise, ans den Fußspitzen schleichend, verließen die Kinder das Zimmer. Unten an der Stiege kam ihnen der Pater entgegen. ״Schläft die Mutter wieder?" fragte er. Die Kinder bejahten. ״Die Frau ist wieder eingeschlafen," bestätigte Leah, ״aber ich bitt' Sie, Herr Ehrinann, geh'n Sic hinauf, ich muß den Kindern Nachtmahl geben und sie zu Bette bringen." ״Schon gut, schon gut, — ich wollte ohnedies hinaufgehen." Und er begab sich in der That hinauf und saß am Bette der Schlummernden und freute sich ihres sanften, ruhigen Schlafes. ״Nichts thut besser als Schlaf," flüsterte er in sich hinein, ״wenn sic auswacht, wird sie sich noch kräftiger fühlen als vorhin. — Und wie ruhig sie da liegt, — gar keine Spur von Aechzen und Stöhnen wie heute Früh'. —״ Gern hätte er ihre Hand genommen, die noch ansgestrcckt ans dem Bette lag. aber er fürchtete sie zu stören, und er liebte sie doch in 'Wirklichkeit. Inzwischen hatten die Kinder unten ihr einfaches Abendbrod eingenommen und die treue Dienerin war ihnen beim Anstlcidcn bchülflich. Sie fragte, was die Mutter mit ihnen gesprochen, und der kleine David berichtete es getreulich. ״Ja, ja," nickte die Alte, ״Eure Mutter ist brav, — 0, und wie brav! — thut nur immer, was, sie sagt." Als aber Jakob auch jene Worte erwähnte, die seine Mutter ״gerade bevor sic eingeschlasen ist," wie er sich ausdrückte, an ihn gerichtet, da erwachte eine entsetzliche Ahnung in Leah's treuem Herzen. Sie preßte die Lippen fest aufeinander, und mit zitternden Händen beendete sie schleunigst die Nachttoilctte der Kinder. Dann eilte sic hinauf in das Krankenzimmer. ״Sie schläft noch immer?" rief sie, in der geöffneten Thür stehen bleibend ״Scht! scht!" winkte Ehrutann. Aber Leah achtete seines Winkes nicht, sie stürzte zum Bette, ergriff die Hand der Schlummernden und ein Schrei des Entsetzens entrang sich ihren Lippen — die Hand war eisig kalt. Empört über die Rücksichtslose, die den Schlaf der Kranken nicht schonte, wollte Ehrmann mit halblaut ausgcstoßeuem Fluche die Alte zurückdrängen; doch sic hatte bereits die brennende Kerze in der Hand, die seitwärts auf dem.Tische gestanden, und ließ das grelle Kerzenlicht gegen das Kopfende, des Bettes hin fallen — es beleuchtete das Antlitz einer Leiche. Ehrmann'S Verzweiflung zu schildern wäre unmöglich. Er raste, er tobte. — Bald warf er sich über das Bett und preßte sein todtes Weib in wilder glühender Umarmung an seine Brust und bat in den zärtlichsten Schmcichelworlcn sie möge erwachen, bald erflehte er in herzzerreißenden Worten ihre Verzeihung, und dann erging er sich wieder in den entsetzlichsten Selbstanklagen, nannte sich ihren Mörder und schwur, sich selbst das Leben zn nehmen. — Angstvoll umstanden ihn seine Leute und bemühten sich umsonst, ihn anS bem Sterbezimmer zn entfernen; er war nicht zu bewegen, cs zu verlassen. Aber das Schankzimmer hatte sich rasch geleert; selbst dem Rohesten widerstrebte cs, im Hause des Todes zu zechen. — Eben rollte ein Leiterwagen an dem Branntwcinhausc vorüber; der junge Bauer, der die Pferde lenkte, sah die Menge, die sich aus-der