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Jeschurun · 1883-06-21 · Heft 25 (21.6.1883) · p. 389

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 25 (21.6.1883)
Article
Die Preßburger Talmudschule
Date
1883-06-21
Page
389 (sequence 2)
Language
German
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389 den Saal der Schiur-Stube in seiner ganzen Ausdehnung,! welcher nunmehr einer Arena voll leidenschaftlicher Kampfhähne gleicht. Blank und hell zucken Geistesblitze gegen einander und schwirren geräuschvoll durch die dunkle £uit. Die, von ledhaften Gestikulationen begleitete, die Tonhohe gewöhnlicher Konversation weit hinter sich lassende Vortragsweise der Mittheilenden, die nicht minder leidenschaftlich geführten Repliken der Zuhörer, die Interjektionen des Beifalls und der Mißbilligung, die sich oft bis zu lauten Bravo-Rufen und schallendem Gelächter steigern, das Alles tönt in einem Chor zusammen, der für nervenschwache Menschen nicht geeignet ist. Mittlerweile haben drei neugierige Sternlein den lichtvollen Schleier des Tages zur Seite geschoben und blicken scheu mit ihrem milden Strahle in das frentdartige, bunte Treiben der Schiur Stube, als wollte ihr überirdischer Schimmer Friede und Besänftigung in die kampferhitzten Gemüt her träufeln. Mit sonorer den Lärm übertönendcr Stimme ruft der Borbeter das שיר הם עלית, auf welches Signal, wie durch Zaubcrmacht die kühn erhobenen Sogen des Sturmes zurücksinken 1mt> alle mit begeisterter Andacht cinftimincn in das Lied der ״Cmporgänge". Das Maariwgebct nimmt nun seinen gewöhnlichen Gang bis man zum שמע gelangt ist. Hier erhebt sich der Sturm noch einmal zu einer alle früheren weil übertreffende Anstrengung. In einem utächligeu, hnudertstiiumigcn Chore braust das: Höre, Israel, der Cwige, unser Gort, der Cwige ist einzig! — dieses, alle Zeiten und Selten umfassende ewige Bekenntnis; Israels, in die Nacht hinaus, schwingt sich entpor in den .Kreis der ein stiutmmend winkenden -Sterne und vereinigt sich dort mit den Lobpreisungen der Cherubim vor den Stufen des allerhöchsten Thrones! — — — Sir wollen numttehr die diesen Artikeln zum Vorwurf genommene Ieschiba, die wir hier Hauptsächlich in ihrer Totalität betrachtet haben, auch noch aus einigen dctaillirtcn Gesichtspunkten in Augenschein nehmen. Die talmudischc Befähigung der Frequentanten kann im Durchschnitlsmaße eine recht befriedigende genannt werden, während sic in manchen nicht zu selten auftretenden Ausnahmcfällen eine geradezu erstaunliche Höhe erreicht Daß cs möglich ist, diese erfreuliche Thatsache ,;u konstatiren, ist neben der aufopsernden und fruchtbaren Wirksautkeit des Leiters der Ieschiba, zuu^ Theilc auch jenem Uinslandc ztt verdanken, daß Prcßburg seinen althergebrachten Nus, eine עיר שלאח הבנזים וסופרים zu sein, nicht Lügen straft, so daß den Studirendcn außerhalb des Hörsaales nahezu eben so viel Gelegenheit zum ״Lernen" geboten, als innerhalb desselben. Da sind in erster Reihe die halachischcn Vorträge, die allabendlich in den Lokalitäten der שיס הברה gehalten werden und die besonders lebhaft von! בהירים besucht zu sein pflegten, so lange der rnhmlichst bekannte Rabbi Nathan Solss*) die Stelle des Vortragenden ausfüllte. In zweiter Reihe׳ mögen die zahlreichen hagadischen und glaubensphilosophischen Vorlesnttgcn, vuli-o דרשות, erwähltt sein, die jeden Samstag von בג' תורה־111ו1ד1*)י gehalten, auch 11110 den Reihen der בהירים ein sehr beträchtliches Kontingent anzichen. Diese erfreuliche Thatsache ist auch geeignet, erklärlich zu machen, warum es keiner anderen Ieschiba, sowohl des Inals auch des Auslandes gelittgen kann, der Preßburger den Rang abzulausen. Weder die, bei Leb-;eiten des unvergeßlichen Hu st er Rabbiners Rabbi Moses Schick daselbst blühende, noch die gegenwärtig zu Mattersdorf in Flor stehende Ieschiba konnte und kann eine so repräseutablc Zahl von Schülern und von aus ihrer Milte hervorgegangeucn Rabbincn aufweisen, wie die Preßburger. Doch hat, wie wir ja gleich zu Anfang dieser Zeilen bemerkten, auch die preßburger Ieschiba einen Niedergang im Allgemeinen, somit auch in bcu zwei oben genannten Punkten, zu verzeichnen gehabt, mehr zwar im zweiten als im ersten Punkte. Nicht mehr mit derselben Frequenz denn einst folgen die Fälle auf einander, daß Preßburger בהירים zu ׳Rabbincn berufen werden. Zur näheren Beleuchtuitg und Deinonstrirniig dieses Faktums wollen wir blos erwähnen, daß im letzten Dezennium nur etwa drei Rabbiner von hier aus zu Anstellungen gelangt sind. Man glaube aber ja nicht, daß es an geeigneten Persönlichkeiten fehlte. Cs giebt auch gegenwärtig, und hat früher noch in weit größerer Zahl zum Rabbiitat befähigte Jünglinge gegeben. Sollen wir unserer bescheidenen Meinung, die man jedoch beileibe nicht für das ausschließliche Produkt der eigenen Kombination ausehen möge, Ausdruck verleihen dürfen, so möchten wir vielmehr als die Hauptnrsache dieser schwachen Erfolge der Preßburger Rabbinatssandidaten jenen Indisserentismus, um nicht zu jagen Widerwillen, bezeichnen, die der oberste Leiter der Ieschiba gegen jede progressive Berufung seiner Schüler an den Tag legt. Sas Sünder, daß Uneingeweihte in einem so stiefmütterlichen Verhalten des -Herrn Dbcrrabbiners seinen Schülern gegenüber ein Mißtrauen in die Kraft derselben erblicken und sich veranlaßt fühlen, dieses Mißtrauen ebenfalls zu hegen? — Doch wir wollen getrost auuehmcu, daß diese Meinung eine unbegrültdetc ist, daß dem IndiffercntismnS des Rabbiners nichts weniger als Mißtrauen in die Besühigung seiner Schüler zu Grunde liegt und wollen einer anderen mehr Wahrscheinlichkeit besitzenden Variante über dasselbe Tema Anhörung schenken. Andere, besser *) Ist ר א יש בית דין der Preßburger Gemeinde gewesen und starb vor zwei Jahren.

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