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Jeschurun · 1883-06-07 · Heft 23 (7.6.1883) · p. 358

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 23 (7.6.1883)
Article
Sefirah-Jozeroth im 19. Jahrhundert
Date
1883-06-07
Page
358 (sequence 2)
Language
German
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358 ״Wozu diese vergilbten Sefira-Jozeroth!" Das war die Sprache Vieler noch vor wenigen Jahren. ״Wozu der Leidensschickssale ans dem Jainmerlhal des Mittelalters heute noch Erwägung thnn, wo wir doch so glücklich unter bcu Völkern leben!" ״Als Gegenstände des Archiv allenfalls, als Schätze und Fundgruben hebräischer Sprachpoesie, als Altcrthnmsknnde für Archäologen, für Forscher längst überlebter Synagogalliteratur, für Wurzelgräbcr semitischer Sprachstämme, mögen sie wohl unschätzbaren ,theoretischen' Werth haben." ״Unser Herz aber im Gebete vor Gott ausschütten an der vand dieser Elegien, sie unserer GcmüthScmpfindnng nahebringen, heiße Zähren wahrer Inbrunst Gebete weihen, .Klageliedern, wie שכולה אכולה und קוש בעניו\ wie שביה עניה und אל דמי לך, welche Israels längst verschollene Vergangenheit schildern, das, das muß man höchst abgeschmackt und lächerlich finden." ״Die Dankbarkeit gegen unsere christlichen Mitbrüder, die uns allerorten mit dem Gefühle der Bruderliebe, die keine Schranken kennt und längst bestehende Scheidewände niederwirst, entgegenkommcn, sie muß stärker sein, als unser Pietätsgefühl für Märtyrer, die in längstvergcsscnen trüben Zeiten ihr Blut auf dem Altäre des jüdischen Neligionsgedankcns verspritzt." "."ואלו' הם הלוקים, בה׳ הדבקים ״Fort darum mit Gebeten, die uns zurückversetzen in die Zeit der Erniedrigung unseres Volkes, in die Zeit der schändenden Abzeichen, der Ghelto's, des LcibzollS und der Ausschließung von der Gesammtheit." Die geschwungene Sichel der Nejormbestrebnng auf synagogalem Gebiete hat diese ״Jozeroth" denn auch schonungslos abgemäht und sie dahin geworfen, wo alle aus dein Gotteshansc davougcjagten Pintini so sanft ruhen. Und wie kömtte man heulzutagc darüber denken? Heute, am Rande dcS für gcistcshell so hochgepricscncn Jahrhunderts stehend, sicht man es klar und deutlich ein, daß wir ebenso wie in finstern Zeiten Ursache haben zu wehklagen: ״אל הביטה דל כבודנו בנוים!״ Schau herab, o Allmächtiger, wie ticfgcsnnken unsere Stellung unter den Völkern ist!" Heute, im Hinblick auf die herrschenden Zustände, mögen Reformer auferstchen lassen das: ,זה יניהנו וזה יקהנו aus der sanftumfriedcteu Asche. Wir Israeliten der Gegenwart haben uns nun überzeugt, daß unser Volk das ewig-unlösbare Räthsel der Weltgeschichte bleiben wird, bis uns das Frühroth der verheißenen Zukunft lächeln soll. Denn all' die Zeitcpochcn, die aus das Völkcrlcben ihren verschiedenartigen Einfluß auSgeübt, die Stellung dcS JudenthnmS haben sie in kein besseres Stadium gebracht. Haben die stürmischen Wogen jener zügellosen Schaaren an .er Newa nicht den gewonnenen Kulturfortschritt unserer Zeit übcrfluthet? Verwehet nicht der Zivilisationsgcdanke vor dem wnthschäuulenden Zornbranse ob des Ehristenblut- Märchens an der blauen Donau? Hüllt sich nicht der Genius der Gleichberechtigungsidce an dem grünen Strande der Spree in Trauerschleier? Blickt er nicht beschämt zu Boden? Doch daS preußisch-deutsche Juda hat vor dem Angriff der Leiber nicht zu fürchten. Denn: הצי נבוד שנונים. Ausgeschüttct hat der rnhmgekrönte Held, der lorbcerbekränztc Sieger von Sadowa, der gefeierte Triumphator von Wörth und Weißenburg, die Pfeile seines Köchers auf das Haupt der Iudenhetzcr; und er, der erlauchte Kronprinz und die hochherzige Gemahlin, die כבודה בה טלך, sie dankten dem deutschen Volke für die Thcilnahme an der Feier ihres fünfnndzwanzigjährigen Ehcbünduisscs ״o hne U n Lerschicd des Stammes oder Bekenntnisses". מלך יושב על בסא דין, מזרה בעיניו כל רע sagt ein weiser König: ״Waltet Gerechtigkeit im Königshause, verscheucht wird die Frevelthat unter dem Volke;" ״die Menge hat immer Sinn genug," sagt Goethe in ״Wilhelm Meisters Wandcrjahre", ״wenn die Oberen damit begabt sind." Aber, wenn uns, den Inden Deutschlands, der 1 persönliche Schutz auch gesichert ist, drängt cS nnS! nicht, einen mitleidsvollen Blick weit hinaus über die! Grenzmarken unseres Vaterlandes zu werfen, dem j Rufe: לך נא ראה את שלום אחיך folgend? I Und wäre nicht der hocherhabcnc Ritter des Edel-! sinncs, der liebe- und gnadenvolle Kaiser Franz Joseph, j ein mächtiger Damm, an dem sich die Wellen des! Fanatismus brechen müssen, was wäre aus den Juden Hungaria's geworden? Ihr Augstgeschrei muß in dem Herzen der deutschen Juden in wahrer Bruderliebe wiederhallen. - Denn nnS Juden, die wir nach allen Richtungen j der Windrose hin auf dem weiten Erdcnrnnde zerstreut sind, trennen nicht Berge und Thäler, nicht Länder! und Meere von einander: ומי כעמך ישראל נוי אהד das Volk Israel fühlt sich ״eins" in seiner Zusammengchörigkcit: ״ ,בארץauf der ganzen Erde" hält Israel, wenn auch מפוזר ומפורד פין העמים der gemeinsame Glaube und die gleiche Empfindung, zusammen. Und nur in unseren altehrwürdigen Gebeten schlägt das Her; der Jndenheit für die׳ Judenheit, nur dort pulsirt wahrer jüdischer Geist; und tiefes Weh kann nur Der für dic int Kerker schmachtenden Juden Ungarns empfinden, der zweimal wöchentlich betet:

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