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Jeschurun · 1883-05-31 · Heft 22 (31.5.1883) · p. 338

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 22 (31.5.1883)
Article
Der "zählende" Semite
Date
1883-05-31
Page
338 (sequence 2)
Language
German
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338 DaS jüdische Kind, daS an der Thätigkcit dcS! Vaters das Beispiel emsigen Schaffens nnd fleißigen! Strebens im Erwerben vor Angen hat, cS empfängt! von demselben Barer mit dieser Zählung die Lehre,! daß Geld und Gut, Besitz und Gewinnst, Erwerb und! Verdienst nicht um ihrer selbst, sondern nur zur Er-! süllung seiner Höchsten sittlichen Lebensaufgabe erstrebt! werden, daß der Besitz nicht Zweck, sondern Mittel, daß das Materielle nur für den Dienst dcS Ideellen jüdisch gewonnen werde. Der ״zählende Semite" prägt also seinen Kindern die Wahrheit ein, daß mit der Erreichung materieller Güter der Jude nicht am Ziele gegönnt. Ich kann mich nicht darüber auSsprcchcn, was diese Stunde mir gebracht hat. Ich fange an, so Vieles in ganz anderem Lichte zu betrachten. Ich bin gewöhnt worden, uns als die Freien und Aufgeklärten und Sie, Sic verzeihen mir dieses Wort, als die Beschränkten zu betrachten, unseren Gesichtskreis für den weiten und den Ihrigen für einen ungemein engen zu halten. — Und jetzt — darf ich Ihnen sagen, was mir durch den Sinn zieht? Ich habe eS immer für einen seltsamen Gedanken gehalten, den Lessing seine Nccha aussprcchen läßt; jetzt aber seiner Wünsche, sondern erst am Anfänge seines Strebens und Ringens nach jenen höheren idealen Gütern sich befinde, die nur in ernster Arbeit geistiger nnd sittlicher Selbstvollendnug zu erringen sind. Wir haben freilich keinen Nationalboden mehr i!n Besitze. Allein diese Bedeutting unserer Zählung kann nicht in Vergessenheit gerathen, denn cS wird bei jeder Zählung ausdrücklich ausgesprochen, daß von der ersten ״Garbe," dem ersten ״Omer" gezählt werde. Und nun wiederhole ich meine Frage. Sind das Wahrheiten die sich bereits überlebt haben? Sind das Erkenntnisse und Gesinnungen, die bereits allgcineine Bethätigung auch nur bei den ״Gebildeten" unter den Völkern gefunden haben? Sind daS Anschauungen dumpfer, dunkler, ״mittelalterlicher," uiedrigdcukendcr Zeiten, für die der gesetzeStreue, seine Kinder in diesem Sinne zählen lehrende Jude seine Kinder gewinnt, oder sind nicht vielmehr die herrschenden Gesinnungen der Gegenwart noch solche, daß er sie vielmehr damit als Bürger künftiger, besserer Jahrhunderte erzieht? Giebt eS einen schärferen Protest gegen die Vergötterung des Geldes, eine schneidigere Berurtheilung der Anbetung des goldenen Kalbes, eint' eindringlichere Warnung vor den Umgarnungcn jenes niedrigen, kaltherzigen, berechnenden Egoismus, der leider noch immer der maßgebende ist in den Herzen, selbst wo er mit den Lippen verleugnet wird, als eben diese Zählung dcS ״zählenden Semiten?" — Und bedenken Sie wohl, mein Fräulein, daS Kind des gesetzcStreuen Juden empfängt dieselbe Lehre noch durch eine ganze große Reihe von Gesetzen und religiösen Uebungcn, und vor Allein, eS sieht sie von seinem Vater durch Verziehtleistung auf Erwerb und Gewinnst an Sabbath und Feiertagen, durch den Armen, der grundsätzlich vor seiner Thür nicht weggewiesen wird und durch jenen großen Kreis von Pflichterfüllungen, die in dem Opfer materiellen Besitzes für ideelle Güter bestehen, in unausgesetzter freudiger Pslichtthat verwirklich!! —" Sie unterbrach mich in sichtlicher Bewegung. ״Empfangen Sic tausend Dank. Wir sind gleich am Ziele, und mir sind nur noch wenige Augenblicke hier glaube ich zu verstehen, daß ein ungeahnt tiefer Sinn in den Worten liegt: daß eS bei Weitem nicht so mühsam sei, auf den Berg Sinai hinanfznsteigeu, als herab." — Da fuhren wir in den Bahnhof ein. ״Nochmals herzlichen Dank!" und mit einem halb fragenden, halb bittenden ״Auf Wiedersehen!" war sie verschwunden. Auf Wiedersehen? Herrliches Kind jüdischer Ahnen! Dein rascher, Heller Blick, dein tiefes Berstäudniß, dein warmes für Hohes so empfängliches Herz, dein sinniges, treffendes Wort — sie sind daS tausendjährige Erbthcil früherer Geschlechter, das auch durch die stumpf gewordenen Eltern ohne merkliche Trübung auf dich gekommen ist! Welch' eine Enkelin Sara'S nnd Nebekka's wäre in anderer Umgebung anS dir geworden! Welche furchtbare Verantwortung ruht auf jenen Männern, die in unseliger Verblendung mit dem sichern Instinkte fanatischen Hasses gegen das Gottesgesetz an der Verführung ganzer Geschlechter planmäßig und systematisch gearbeitet haben und arbeiten uub den Abfall ungezählter Tausende hosfunugsvoller Söhne und Töchter des jüdischen Stammes auf dem Gewissen haben! Ich habe sie wohl verstanden, die Frage, die dir durch den erregten Sinn zog: Was denn nun daS Neformjudenthum, in dem du aufgewachsen, eigentlich an der Stelle dieser herrlichen Lehre den Seinen;1! bieten habe, bei welcher Gelegenheit und in welchem Augenblicke wohl der reformjüdijchc Vater uub die reformjüdische Mutter ihrem Kinde als Priester und Priesterin ewiger Wahrheit, als Pfleger und Pflegerin der heiligen Flamme der Gottesfurcht nnd des Strebens nach dem Ideale dastche? Und ba gähnte dir eine Leere entgegen, nur unterbrochen durch frivolen Spott über alles ״Fromme", und du schrecktest zurück vor dieser Oede und einen Augenblick empfandest du etwas wie Neid auf jene Kinder, in deren Brust ewig daS Bild ihres Vaters und ihrer Mutter fortleben kann als freundlich milder Lehrer der Wahrheit und der Pflicht, auf jene Kinder, die weit über die Zeit dcS Beisammenseins in räumlicher Nähe oder in irdischer Zeitlichkeit hinaus, soweit sie auch ihren Blick zurück-

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