Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1883)
- Article
- Die soziale Frage
- Date
- 1883-05-17
- Page
- 307 (sequence 3)
- Language
- German
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307 zu seiner Familie." Am Jom-Hakippurim, an welchem die Wiedergeburt zur Reinheit als Gnadengeschenk des allgütigcn Vaters der Menschheit jedem seiner Kinder zu Theil ward, verhieß der Schofarton die Rückkehr eines jeden in Abhängigkeit von seinem Nebenmcnschen Gcrathenen zur Freiheit und zum Besitz und bewirkte seine soziale Wiedergeburt. So sollte die soziale Frage im jüdischen Staate § gelöst werden; so sollte in ihm das Elend, welches die Ungleichheit des Besitzes im mcnschcngesellschaftlichcn Verkehr erzeugt, gründlich beseitigt sein; so sollte das Kapital an Grundbesitz und beweglichem Vermögen nicht zur übermächtigen Herrschaft gelangen und der Acrmcre und Besitzlose nicht zur Noty und Abhängigkeit sich verurtheilt sehen. Der „Kamps nm's Dasein" sollte nicht zum Unfrieden und zur Unterdrückung führen; die Gegensätze sollten ausgesöhnt und die Menschengcscllschaft ein Verein von Brüdern werden, die sich gegenseitig lieben und Helsen um Gottes, ihres Vaters, willen. Gott Eigner allen Besitzes — Armer und Reicher Brüder, das ist die befreiende Formel von dem Banne der sozialen Frage. Wie lange wird es noch währen, bis die Menschheit diese Lehre ganz begreift und sie in Wahrheit zur Grundlage ihrer gesellschaftlichen Gestaltungen macht? — IildtilÜM Md Dt»tslljt!>ii!ii. Ein Wort zn seiner Zeit. Bon Nabbincr l)r. Elias Plcßncr. (Schlich.) „Der Eintritt in eine große Ration" sagt Mommsen, „kostet seinen Preis. Die Hannoveraner und wir Schleswig-Holsteiner sind daran, ihn zu bezahlen, und wir fühlen cs wohl, daß wir damit von uuserm Eigensten ein Stück hingcben. Aber wir geben cs dem gemeinsamen Vaterlande." Nachdem ich, wie ich hoffe, mit Evidenz nachgewiesen, daß man „ohne Gefahr und Schwierigkeit außerhalb der Schranken der Ehristcnheit bleiben, und innerhalb der Nation stehen kann" so ist für mich diese Beweisführung von Hannover und Holstein hinfällig, indem sie Politik und Religion ineinander wirft. Aber rrcl vocmrn Hannover bin ich in der Lage diesen Beweis auf eigenem Boden zu bekämpfen: Ich habe in Hannover gelebt und gefunden, daß cs dort auch Inden gicbt, die alljährlich die Wiederkehr des 27. Juni, des. Tages,' an welchem auf dem Gesilde von Langensalza die letzte Welscnsahne wehte, mit Schmerz empfinden; cs sind dies zwar nur einige wenige Juden, während die große Gesammthcit der Juden längst über die historischen Denkmäler des großen Braunschweigcr hinweg, sich dem großen Ganzen, dem gemeinsamen Vatcrlandc, angcschlosscn. Beide Theilc, der große deutsch-nationale, und der kleine wclfisch partikularistischc, liefern doch aber den allerklarsten Beweis, daß durch spezifisches Judenthum das allgemeine Volksbewußtsciu nicht untergeht. Zum großen Glücke aber spricht die Schrift Mommseu's von vorn herein nur von den „deutschen" Ehrislcn, die sich so unbehaglich fühlen in semitischer Umgebung, indem sie ausführt: „Aber wovor nicht wir sie schützen können, das ist das Gefühl der Fremdheit und Ungleichheit, mit welchem auch noch der .christliche Deutsche' dem jüdischen gegenüber steht" u. s. w. und auch am Schluß fordert die Schrift die deutschen Juden auf, sie möchten doch „alle Schranken zwischen sich und den übrigen ,deutschen Mitbürgern' mit entschlossener Hand nicdcrwerfen." Ja, lieber Leser, das ist schon leider sehr richtig, sehr wahr, daß es in Deutschland viel Intoleranz, viel Unduldsamkeit giebt. Ein Gefühl der Fremdheit, der Ungleichheit, zwischen deutschen Juden und deutschen Ehristen! Hört! Hört! Wird de!' französische, der englische, der italienische, der holländische Gelehrte, christlichen Glaubensbekenntnisses, sich der mosaischen Religion wegen, nicht „eins" fühlen wollen mit jüdischen Mitbürgern? In den genannten Staaten erblickt man in den UntertHanen nur die Franzosen, die Engländer, die Italiener und Holländer, und was die religiöse Geistesrichtung betrifft, so überläßt man diese, in Gewährung der Glaubens- und Gewissensfreiheit, den verschiedenartigen Vekenncrn. Denn wahre Toleranz hat noch überall mehr Pflanzstätte gefunden als in Deutschland! — Im russischen Reiche existiren neben den Ehrislcn auch noch Juden, Mohammedaner. Buddhaisten u. s. w. und diese sind als russische Juden, russische Mohammedaner, russische Buddhaisten, anzuschcn. Der Jude in Deutschland ist ein „deutscher Jude und cmpsindct sich mit Millionen deutscher Ehristen, als Deutscher, als auf völkerrechtlichem Boden zusammenstehend." Daß die „deutschen Ehristen" nochRm neunzehnten Jahrhundert so ungerecht sind, die deutschen Juden auszuschließen, ist eben ein Akt inhumanen Denkens Seitens unsreundlichcr Ehristen, die zu unzähligen Massen in Deutschland vorhanden sind, und ein sprechendes Zeichen für die unfreundliche Gesinnung,