Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1883)
- Article
- Der zweite Internationale Kongreß der Alliance Universelle Antijuive zu Chemnitz
- Date
- 1883-05-03
- Page
- 283 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- Guben 1× ep/1044673
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den Schleier der Vergessenheit über die Nachtseiten unserer gesellschaftlichen Verhältnisse ansbreiten, als durch eine Besprechung in den Spalten unseres Organs dazu beitragen dem Gedächtnisse der trüben Erscheinungen der Gegenwart Dauer zu verleihen. Wir überschätzen auch keineswegs den Einfluß einer jüdischen Zeilschrist; wir sind uns vollkommen unserer Ohnmacht bewußt, an der Klärung der Begriffe, an der Bckämpjung des wüsten Bornrtheils und des ingrimmigen Hasses mitwirken zu können. Diejenigen, welche von der Berjndnng des Staats, von der Gesährdung der Gesellschaft durch das Iudenthnm faseln, lassen sich durch uns sicherlich nicht von ihren antisemitischen Bestrebungen, ״von dem stampfe gegen das Iudenthnm" abhalten. Wenn wir dennoch es als zu unserem Berns gehörend erachten, über die judenfeindlichc Bewegung in deren verschiedenen Phasen zu berichten, so leitet nns hierzu die Erwägung, daß cs nothwendig ist die Bedeutung derselben 311 erkennen, um aus dieser Erkennlniß der Ausgabe, welche Mts als Guben obliegt, gerecht zu werden. Diese ist ja zu allen Zeiten die gleiche, ewige: durch das Beispiel eines unverbrüchlichen Gehorsams gegen das von Gott gegebene Gesetz die lehren der Wahrheit, der Gerechtigkeit, der Menschenliebe, der Sittlichkeit und der (Gottesfurcht zur allgemeinsten An - erkennnng 311 bringen. Wir dürfen nns keiner Täuschung hingeben über die Gefährdung unserer bürgerlichen und politischen Stellung in Mitten des Staates, dem!vir angehoren, und nur haben ans der schmerzlichen Ersahrnng des Tages die Mahnung zn verstehen, welche an uns für unser Thun und Vassen in Bezug ans unsere crhabeitc Aufgabe ergeht. Nur unter diesen! Gesichtspunkte haben wir die nns feindlichen Knud gedungen zu rcgistrireu. Es mehren sich die Anzeichen von Tag zu Tag, als ob der Antisemitismus, wie man die Strömung nennt, welche sich gegen nns wendet, weit entfernt in seiner Entfaltung abzunehmen, in intensiver und extensiver Stärke sich immer mehr ansbreitet, so zwar, daß man allerdings die einzelnen Erscheinungen nicht als lokale und chronische zn betrachten hat, sondern vielmehr in ihnen Symptome einer weit verzweigten, den Organismns der Gesellschaft tief durchdringenden Krankheitsforin zn erkennen gcinüssigt ist. In Deutschland, Rußland und Oesterreich, ja selbst in Amerika treten solche Symtome auf. Wir haben leider nicht nöthig für diese Behauptung in Bezug auf die erwähnten europäischen Reiche Belege vorzubringen; in Betreff Amerika's aber führen wir an, daß z. B. die New- Yorker Zeitung ״The Sun" und die Ehieagoer ״Tribüne" in der Berliner ״Nenen-Preußischen- (Kreuz) Zeitung" ein nachahmenstvcrthes Vorbild erblicken und nicht ganz ungelehrige Schuir fein sollen. So ist denn auch der Ehcmnitzcr Kongreß deS 27. und 28. April d. I. keineswegs einem lokalen Bedürsniß entsprungen, weder einen! chemnitzer, noch einem sächsischen. In Stadt und B!nd!vohnen viel zn wenig Inden, als daß n!an für das Sachscnlhnin oder den Bestand der cheinititzer Traditionen zu fürchten Hütte. Das sächsische Manchcfter mit seinen! mächtigen Kontingcnte von reichen Fabrik- und Handelsherren hat von der überaus winzigen jüdischen Gemeinde daselbst absolut kein ״Ueberwuchern des semitischen Elements" zn erwarten. Wohl aber hat ein die Zeit begreifender unternehmender Bnchdrnckereibesitzer und Verlagsbnch- Händler die Rentabilität von jndcnfcindlichcn Schriften eingesehen und n. A. eine ״Zeitschrift für allgemeine und nationale Kultur und deren Literatur" unter den! Titel ״Schmeitzncr's Internationale Monatsschrift" begründet, deren Redaktion Herrn Pank Widemann übertragen ist. Diese unter so aristokratisch-wissenschastlichen! Gewände anftretende Revue ist aber nichts anderes, als eine ganz gewöhnliche, theilweise auf die vollendetste Unwissenschastlichkeit des Vesers berechnete Sammlung von jndenfeindlichen Aussätzen, die mit den! Stärksten, welches ans diesen! Gebiete geleistet!vird, wirksan! rivalisirt. Dieser Herr Schmeitzner soll die Seele des Ehemnitzer Reformvereins sein und siel! dort allerdings nicht in der Gesellschaft des angeseheneren THeils der Bürgerschaft besindeu, weil dieser für die Belhälignng solcher reformatorischer Bestrebungen, wie im Resorinverein zu Eheinnitz betrieben werden, nocl) nicht patriotisch genug fühlt. Durch die bedeutende buchhändlerische Thätigkeit des chemnitzer Bnchdrnckereibcsitzers erfreut sich die gute Stadt Ehemnitz bei den Führern der Antisemiten einer besonderen Vorliebe und Hochachtung, und dieselben haben sie für würdig erachtet, vorläufig als Vorvrt der großen ״allgemeinen Vereinigung zur Belämpsnng des Indenlhnms," welche, um den! internationalen Karakter zu entsprechen, auch den Titel .,Alliance universelle :mlijuive" führt, zn dienen. War ja auch Eheinnitz die begnadigte Stadt, welche in ihren Mauern die ewig denkwürdige Begegnung des Nordens und Südens sah, deren edelste Söhne die Herren V jedermann von Sonnenbcrg und Iwan von Simonyi am l>. Februar d. I. in rührendster Bewegung sich an ihre antisemitischen Herzen drückten. Die geweihten Räume des Ehemnitzer Resornivercins waren Zeuge dieser heiligen Allianz Preußens und Oesterreichs. Herr von Sonnenbcrg ans der deutschen Neichshauptstadt und Herr von Simonyi ans der ehrwürdigen Krönnngsstadt des heiligen Stephan, Preßbnrg, rangen damals um die Palme des modernen internationalen Patriotisnn!s, freilich um ziemlich zweifelhaften! Glück. Wenn!vir recht berichtet sind, so waren leider, wie das ja eine nicht allzuseltenc