Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 16-17 (19.4.1883)
- Article
- Vom Dniepr
- Date
- 1883-04-19
- Page
- 262 (sequence 2)
- Language
- German
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262 "ת"ה in den Annalen der jüdischen Leidensgeschichte verzeichneten Katastrophen des polnisch-kosakischen Krieges, welche im Lenze des Jahres 1 <>18־ ihren Anfang nahmen — nur Trauer und Klage sind das Echo, welches ans den Hüllen der Inden dem Jubel der Natur entgcgentönt. Es ist der Widerhall des unendlichen Wehs, welches die Seele eines ganzen Volks erfüllt; cs ist der Ang׳!- schrei aus Millioilen Herzen, welcher durch die (Geschichte hallt und vor des ewigen Wellenienkers Thron die Frage flehend trägt: wie lange annoch?? Wie lange annoch sollen wir dulden, — wie lange an noch werden Tyrannei und Bosheit ihre Geißel über Deine Geschöpfe schwingen; — wie lange annoch sollen wir unser und der Bäter Fehl büßen; — wie lange annoch sollen wir des Tages harren, an welchem die Sonne des Rechts und der Liebe in dem Herzen der Menschheit anfgeht — — wie lange annoch?? — — Den Kelch des herbsten Leids haben die Inden in dem großen Reiche geleert — seit Jahrhunderten bis auf diesen Tag. Und noch ist er nicht zu Neige. Schreckliche Gerüchte dnrchschwirren die Lns! schon seit Monaten; surchlbarc Ahnungen bemächtigen sich der Inden Gemülh. Sie können cs nicht fassen, sie können es nicht glauben, was jener Gerüchte entsetzlicher Inhalt ist. Man hat ihnen schon Alles gcrailbt, was des Menschen Dasein zu einem menschenwürdigen macht: Freiheit und Ehre. Das elende Leben wird man ihnen doch gönnen! Man hat sich ja eben erst erinnert, daß auch unter dem Banernkittel ein menschliches Herz schlügt, und in der Aufhebung der Leibeigenschaft hat der Genius des Rechts einen seiner herrlichsten Triumphe gefeiert: — sollte man da den Juden als gehetztes Wild der Pöbelmeutc hiuwcrfeu können?! Also suchte das gepreßte Herz sich Trost cinzusprechen, also bemühte es sich, die düsteren Schalten der Furcht zu verscheuchen, also redete auch Abraham Iussofski zu den Seinen, als a sich am frühen Morgen auf den Weg zur Stadt begab, welche sieben Meilen von seinem Heimathdorfe entfernt lag. ״Der Hüter Israels wird über uns wachen! — Ich werde übermorgen wieder heinikehrcit. — Ihr seid zu ängstlich, Schwiegerntutter; wir halten ja Frieden mit allen Menschen und sind gefällig gegen Jedermann. — Ich kann die 'Reise nicht länger aufschiebcn,. ich habe schon zu lauge gezögert. Wir haben nichts mehr im Hause; es fehlt an Allem; — ich müßte den .Krug schließen, wenn ich mir nicht neue Borräthe besorge und dann׳ können wir verhungern/' Er neigte sein -Haupt vor dem greisen Schwiegervater, welcher ihm segnend die Hand auslegte, umarmte sein Weib, hob den zweijährigen Knaben, welcher am Boden kauerte, s auf und küßte ihn. Darauf ergriff er den Knotcnstock * und schritt die Straße entlang. AbrahamJussofskiwar ein kräftiger, hochgewachsener Mann in der Hälfte der zwanziger Jahre. Er hatte die Schenke von seinem Bater ererbt und in die bescheidene, ärmliche Hütte vor drei Jahren seine Frau und Schwiegereltern eingeführt. Ehanna war das einzige .Kind, welches Ephraim Lebedinow von fünf Söhnen und drei Töchtern geblieben war. Sie war die einzige'Stütze und Freude der früh gealterten, schwächlichen Eltern und hatte nur eingewilligt, die Hand Abrahams anzunehmen, wenn dieser mit der Uebersiedlung der Alten in sein Haus , einverstanden sein wollte. Freudig hatte der wackere Abraham zugestimint. Sein sehnlichster Wunsch war die Verbindung mit der sittsamen und tugendhaften,, schöllen Ehanna, welche er bei seiner häufigen Anwe׳enheit in der Stadt kennen gelernt hatte, und er theilte die große Verehrung, welche dem Vater seiner Geliebten allgemein entgegcngetragen wurde. Rabbi Ephraim ward wegen seiner Frömmigkeit : und Gottergcbung ebenso geachtet, wie wegen der schweren Schicksaisschläge, die ihn betroffen, bemitleidet. Zwei Töchter und zwei Söhne waren ihm früh gestorben,! zwei Söhne hatten im Kriege mit den wilden Gebirgs- . Völkern ihr Leben für den Kaiser dahingebcn müssen: : ein Sohn lebte noch, aber er lvar für seine Eltern ’ tobt. Sie hatten um ihn mehr gelitten und geiveink, j als um den Verlust der andern Kinder. — Ehanna; lvar kaum sechs Jahre alt; — aber die Erinnerung : an den Jammer, welcher dailials im Hause herrschte, l als der Vater bleich, verstörten Antlitzes in das Zim-; mcr trat und ohne ein Wort-zu sprechen, sein Gewand l zerreißend, sich auf die Erde nicderließ, lebte unausl löschlich in ihrer Seele. : Mir einein entsetzlichen Aufschrei hatte sich die . Mutter zu dem Vater gewandt. ״Unser David ist todt, Nahcl; — setze Dich zu mir ans den Bodu!; l wir haben keinen Sohn mehr!", so lautete die toillose Antwort auf der Gattin stumme Frage.! ״Todt?!" — . ׳ ״Wollte Gott, er wäre es! O, hätte seine Barm- Herzigkeit ihn sterben lassen, lvie seine Geschwister ans , dem Lager de״ Krankheit, ans dem Felde des Krieges : — ich würde ihn glücklich preisen und llns glücklich l preisen! —. Aber er lebt, unglückliches Weib, — er ' lebt herrlich in Freuden und Ehren 1nit den Großen; des Landes! Er hat der Stimme des Ehrgeizes rmd der Lust mehr gehorcht, als dem Gebote Gottes, als j der Mahnung der Eltern — er hat Gott und der , Thora die Treue gebrochen und das Band zerrissen, welches ihn an Vater und Mutter knüpft! — — —! Schau' nicht so starr darein, Rahel! — Klage, schreie,