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Jeschurun · 1883-04-19 · Heft 16-17 (19.4.1883) · p. 255

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 16-17 (19.4.1883)
Article
Judenthum und Deutschthum
Date
1883-04-19
Page
255 (sequence 3)
Language
German
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255 Erfolg zu erzielen. Aber wenn ein Theodor Mommsen ' mit dem entrollten Banner der Toleranz in die Schlachtj reihen tritt, wenn ein Theodor Mommsen sich veranlaßt sieht, nachdem er durch die Unterzeichnung der! bekannten ״Erklärung" und durch andere Kundgebungen! öffentlich Stellung genommen, noch ein Mal mit einer! für die Inden in die Schranken tretenden Schrift:! ״Auch ein Wort über nufer Judenthum", die Literatur I der schwebenden Jndcnfrage zu bereichern, dann, dann muß es für jeden gebildeten Bekenner des mosaischen Glaubend lohnend sein, von derselben, als and der Feder eines großen, zugleich über dein Parteitreiben stehenden Mannes geflossen, Notiz zu nehmen. (Fortsetzung folgt.) Aus den. Memoiren eines Millers. Mitgcthcilt von Zlaphtafi Simon. l'V". ('.Hü!־ ${cd)ic 1'0vl'0'.:altc1t.) (Fortsetzung.) Die Zeiten wurden schlechter — auch für den Bettler. Es erstanden die Armenkassen, die Armenvereine, die Vereine zur Bcseitigling des HanSbeucls. Ich weiß sehr wohl, daß ich in der Beurtheilung derartiger Veranstaltungen nicht unparteiisch bin; aber sind es denn die Wohlhabenden? Weiln der Bettler sich von der Erwägung leiten läßt, daß ihm sein Bettelbrot dadurch beschnitten wird, — weiß sich denn der Reiche von den! Beweggründe frei, auch seinen Vortheil hierbei wahrzunchmen, feilte Spenden zu beschränken, sich der ״Last" der Bettler zu entziehen?? Die Nachkommen Abrahams haben des Ahns mildes Herz und menschenfreundlichen Sinn ererbt, — das ״jüdische Rachmonnß" ist keine Fabel. Der Bitte des Armen vermag sich so leicht Niemand zu entziehen, welcher an einer indischen Mutter Brust geruht. Durch eine kleine, winzige Gabe mindestens muß er den Tribut seiner Geburt zollen. Sollte nicht der kalte, nüchterne, berechnende Perstand weit nlchr als das warm fühlende Her; bei der Errichtung jener Kassen und Vereine gewirkt haben, sollte nicht der Gedanke maßgebend gewesen sein, durch diese zu sparen? Jedenfalls steht sich, der Arme sehr schlecht dabei, wie ich aus eigener Erfahrung weiß: -- diese Mindercinnahme des Bettlers kommt doch dem Vermögenden zu gut. Wenn ich früher an einem Orte, wo etwa hundert jüdische Familien wohnen, mir in wenigen Tagen inunerhin zwei bis drei Thaler erbetteln konnte, wurde ich jetzt von der Kasse mit zwanzig Groschen, ja an manchen Orten mit zehn, fünf oder gar drei Groschen abgeferligt, und die Häuser und Herzen meiner Glaubensgenossen blieben mir verschlossen. Jetzt wurden wir in der That als eine lästige Plage angesehen, deren man sich nicht rasch genug entledigen konnte. Von den Arrnenvorstehern vielfach als Verbrecher behandelt, ward unser Selbstgefühl noch mehr ertödtct, und Viele unter uns wurden schließlich das, wofür man uns Alle hielt. Denn es trug auch , außerdem die geringe Gade^wesentlich dazu bei, die; List heranszusordcrn, um batet) kleine Künste und Tauschungen ein Mchrcres zu erlangen. Ich müßte mich übrigens sehr irren, wenn ich in der Aufhebung der Privatwohlthätigkcit durch direkte Spenden an die Armnth, nicht überhaupt das Ende der bisher mit Recht gerühmten jüdischen Wohlthätig-! feit Heraufziehen sehen würde. . Der Einzelne sieht jetzt j keine Armen mehr, er vernimmt nicht mehr das Flehen l der Bedürftigen. Das kommende Geschlecht weiß nicht! mehr, wie man ehedem in jüdischen Häusern fortwährend gespendet hat: es erfährt jetzt nur, daß man des Armen Bitte mit dem. Hinweis auf die Armenkassen unerhört verhallen läßt; cs wird in dein Beiträge zur Armenlasse eine drückende Abgabe bald zu erblicken glauben, und wenn die weisen Väter der Gcgemvart sich des ״lästigen" Bettlers zu erwehren wußten, so werden die noch weiseren Söhne der ״lästigen" Armensteuer durch einfache Abschaffung derselben eine höchst verrtünftige sinanzwirthschajtliche Reform zu treffen wähnen und damit die ״Armensrage" überhaupt glücklich beseitigen. ״Denn wo nichts mehr zu holen ist, da kommen auch keine Armen hin" — zu dieser Weisheit wird sich das! fortgeschrittene Zeitalter erheben und auf die beschränkten Altvordern, welche jedem Armen gegeben und ״dadurch den Bettel großgczogcn" haben, vornehm hinabblicken! — Wahrlich, eine schöne Weisheit, — ein herrlicher Fortschritt! — Ich freute mich, daß ich jetzt nicht inehr so viel wie früher zu erschwingen brauchte; die Mcinigcn verdienten säst so viel wie sie bedürften, — Gott war ihnen gnädig und segnete ihren Fleiß. — — Wann werde ich Euch wiederschauen, ihr Theuereu'? Fast zwanzig Jahre währt die.Trennung, — dennoch hoffe ich, und meine Hoffnung ist zuversichtlicher denn je! Hanna, treues Weib — meine Liebe zu Dir wuchs mit jeden! Augenblicke unserer "Trennung, meine Dankbarkeit für Deine Treue, meine )Verehrung für Dein Dulden, meine Hochachtung für Deine Weisheit und Geistesstärke! Kein Leid und Kummer, keine Sorge und Noth vcrntochten Dich zu beugen, Du tapfere Gattin und Akutter, — Deine Kinder reiften heran in bitterer Armuth zur Gottesfurcht und Tugend, —

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