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Jeschurun · 1883-04-19 · Heft 16-17 (19.4.1883) · p. 253

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 16-17 (19.4.1883)
Article
Aktenmäßige Darstellung der jüdischen Zustände in Rußland
Date
1883-04-19
Page
253 (sequence 3)
Language
German
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253 Auch Herr Modrintschew im .,Journal des Landes Sibirien" (periodische Zeitschrift 1881. Nr. 18.) sagt, daß die reichen Bauern und Händler das Mark derienigen Bauern anssaugen, die nur einen kleinen Acker haben. Nach den Worten des Herrn ״Lcwitz" (Atezcstwenic sofiski 1889. Nr. 2.), kommt der Boden der Negierung, welchen die über deren Guter gesetzte Verwaltungsbehörde jedem Meistbietenden in Pacht giebt. nicht in die Hände der Bauern unmittelbar ohne Ver- Mittelung der reichen Kapitalisten, weil die Güter immer in große Parzellen gctheilt werden, die zu pachten das Vermögen der.armen Bauern, welche nur ein tleines Stück Land-suchen, nicht hinreicht. Die vermögenden Kapitalisten übernehmen daher die Pacht von der Behörde und sie vertheilen sie dann in kleine Parzellen und erhalten dafür das Doppelte, ja das Drei- und Vierfache dessen, was sie an die Negierung zahlen. In dieser Weise gestaltet sich die Ordnung mit dem Eigenthnm und den Gütern der Negierung, -und in dieser Weise erheben sich Vermittler über die cingcborenen Bauern, ein Verein von Essern ohne zu arbeiten, um sich in leichter Weise von dem Schweiße der Arbeitenden zu bereichern. Ganz in neuester Zeit hat der die Güter der Negierung überwachende Minister seine Angen über diese bösen Vorgänge geöffnet und ein neues Zirkular an die obengcdachtc Verwaltnngsbehördc erlassen. (7rorifcfc11״g soigi.) ZiidriltlM!Md DnlWhitiii. Ein Wort zu seiner Zeit. Bon Rabbiner I)r. Elias Pleßner. Im Talmud') lvird erzählt: Es kam einst ein Heide zu Ächammai mit den Worten: ״Ich bin bereit, mich zum Indcnthnm zu bekennen, wenn Du cs vcrmagst, den Geis! des mosaischen Gesetzes mich durch einen einzigen Grundsatz kennen zu lehren". Da wies ihn Schammai, mit einem Längenmaß in der Hand, ohne Weiteres ab. -Als dieser Heide aber vor Hillel erschien, wurde ihm die Ausnahme in das Iudenthnn: srcnndlichsl gewährt, indem ihm Hillel den gewünschten Spruch an die Hand gab, der also lautet: ״Was Dir verhaßt ist, das thne auch Deinen Nebcnincnschcn nicht an" 2) das ist das ganze jüdische Gesetz, alles Andere ist nur Auslegung, gehe hin und lerne. HSiehc ״Neligionsbnch" S. Pleßner, S. 230.] So einfach und schlicht diese Begebenheit von den Talmndisten nuS mitgelheilt tvird, bei näherer Betrachtnng schimmert ein gar sinnreicher Gedanke zwischen den Zeilen hervor, und scheint die ganze Leidensgeschichte ') Sabbath, 80 kr. '-) Quelle: Tobia, 4,16. unseres Volkes dieser Erzählung z!t Grunde zu liegen. Zn allen Zeiten, lieber Leser, waren die Inden an den Fels der Leiden und der Dualen unter den Völkern der Erde geschmiedet; auf die Folterbänke wnrden sic geschraubt, ans die Scheiterhaufen geworfen, und was Gehässigkeit und Verfolgungssucht an Martern nur erfinden konnte, mit Triumphgeschrci wurde eS von den Zeloten begrüßt. Sehr!vahr und geistvoll sagt Zunz:״ ('׳Wenn cS eine Stufenleiter von Leiden giebt, so hat Israel die höchste Staffel erstiegen; wenn die Dauer der Schmerzen und die Geduld, mit welcher sic ertragen werden, adele, so nehmen cs die Juden mit den Hochgeborenen aller Länder auf; wenn eine Literatur reich genannt wird, die wenige klassische Trauerspiele besitzt, welcher Platz gebührt dann einer Tragödie, die änderthalb Jahrtausende währt, gedichtet und dargestellt von den Helden selber?" ״Der Jude ist herzlos!" ״Das Indenthnm ist licbclccr!" ״Das alte Testament verherrlicht einen Gott der Rache, der kein Erbarmen kennt!" ״Die Christenblnt-Speise am Passahfeste ist kein Märchen!" werden immer und ewig die Signale sein, mit welchen das judenfeindliche Lager nnS den Krieg erklären wird; und den ans Weisheit, Wissenschaft und historischen Erfahrnngsthatsachen beruhenden Gegenbeweisen werden Antisemiten in ihrer Verstocktheit nie und nimmer Gehör schenken. Diese betrübende Erscheinung wird wohl Kerngedankt der in Ncdc stehenden Talmudstcllc sein: Schammai war, wie Hillel, davon durchdrungen, daß ״Nächstenliebe" die Basis der jüdischen Ncligionslehre sei: allein. Schammai war andererseits nnerschntterlich fest davon überzeugt, daß eS unmöglich ist, diesem Gedanken Eingang in das Herz eines dem Indenthnm unholden Heiden zu verschaffen. Darum wurde der Heide, der ״den Geist der mosaischen Lehre durch einen einzigen Grundsatz"*) kennen lernen wollte, — in der sicheren Voraussetzung, daß cS die ״Liebe" wohl nicht sein wird/ die Schammai anführen könnte, da ja das Indenthnm ״Liebe" nicht kennt, — von letzterem mit dem individuellen Maßstabe, den er sSchammai^ an die mosaische Lehre anlegte ׳') kurzweg abgewiesen. aj .,Die synagognle Poesie des Mittelalters." H Buchstäblich: ״Wählend ich cmf einem Fuge stehe." Hamburger in seiner .,Realen;yllopädie für Bibel n. Talmud" erinnert an Hora;: vcr>11> ilwrabat. 8t:ms ג»1י0«ן in uno. Doch scheint diese kalinndische Redeweise zu Sabbath 80, b, mit der zn Trae Maeeoth 24, a, identisch zn sein״ .׳Habaknk rcdnzirtc daö ganze 8-escd ans eine Eigenschast." Bergt, die lichtvolle Auslegung des Samnl Edelö daselbst. Mil dem ..Aoltstoä" oder dem ״Längenmaß" in seiner Hand will der Talmud andcnten, daß Schammai von seinem

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