Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 16-17 (19.4.1883)
- Article
- Über die Lage der Juden nach den im Königreich Württemberg in Geltung bestehenden Gesetzen
- Date
- 1883-04-19
- Page
- 249 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2932754-2932996-2933013-2952580--12404-2952649- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
M 16 11.17. 249 Jefchttriui. lieber die Lage der Inden nach de» im Königreich Wnrttcnibcrg in Geltung bestehenden Gesehen. 1. Der Druck, welcher aus die Juden iu Bezug aus ihre politischen und bürgerlichen Verhältnisse ausgcübt wurde, ist nicht die schwerwiegendste Vast, welche ihnen im Vaufe der Jahrhunderte ansgebürdel worden, die Versagung politischer und bürgerlicher Rechte ist keineswcgs die härteste Prüfung, die sie zu bestehen hatten und noch gegenwärtig zu bestehen haben. Ein nach dieser Richtung hin ansgeübler Druck, eine derartige Versagung trafen in Wirklichkeit nidit das eigentliche Wesen der Inden; sie erschwerten freilich ihre sichere Existenz, verkümmerten ihr Dasein, beraubten sie des heiteren Lebensgenusses, schändeten ihre Ehre iu den Augen der Mitbürger, setzten sie dem Hohn und 2pott der Umgebung ans, — kurz — gestalteten des Juden Geschick ztl eilten! elenden, janimervollen, thränenreichen sonder Beispiel bis in die Gegenwart hinein — der Lebensnerv des jüdischen Stammes blieb aber davon fast unberührt. Er konnte sich trotzdem die >tvaft und Frische des Geistes bewahren, tim fähig zu sein, seiner einzigen, erhabenen' Bcstintntung voll und ganz zu genngen. Die nach Jahrhunderten zählende Zeit tiefster Schmach und nnsäglichcn Leids, welche fanatischer Wahn über Israel verhängte, zeigt diesen Stamm in der Fülle unversiegbarer Gesundheit, zeigt ihn im Hellen Glanze einer Rarakterreinhcit nitd Geisleshoheil, vor welchem der Stern seiner Bedrücker erbleicht. Aus dem Düster des Mittelalters strahlten das Glück des jüdischen Hauses, der Friede des jüdischen Gemeinwesens, die Erzeugnisse der jüdischen Wissenschaft, die Frömmigkeit der jüdischen Männer, die Tugend der jüdischen Frauen, die Sit!- lichkeit der jüdischen Jugend wie ein leuchtender Meteor am nächtlichen Himmel cntpor. Wenn lttan es dent Juden nicht gestattete, an . allen Orten seinen Wohnsitz anfzuschlagcn und ihm meistens die Betreibung ordentlicher und geachteter Gewerbe untersagte, — wenn er' von jeglicher offent־ licher Ehre ausgeschlossen nitd mit Abgaben mancherlei Art bis' ,zum Uebcrmaß belastet wurde, — wenn man ihn mit Hohn und Spott überschüttete und gleich einem Wilde hetzte, — so hatte man damit zwar seine äußere Erscheinung zu einem Zerrbilde gestaltet und ihn elend, arm und rechtlos gemacht, der Born seiner Lebenskraft blieb aber meist nnangctaslel, und ans ihm schöpfte er jene bewunderungswürdige, oft angestannte und beneidete Widerstandsfähigkeit und Schwungkraft, um nicht nur einer ganzen feindlichen Welt gegenüber Stand zu Hallen, sondern auch sein eigenthümliches Wesen zur Geltung und Entfaltung zu bringen. Der Jude, aus welchen die lvürltembergische Landes-Ordnung vom 2t». August!•צד! Anwendung fand, die ihn im Lande nicht duldete, ans Betreten gefänglich einzog und mit strenger Strafe belegte; der Jude, von dem das kaiserliche Privilegium vom I ü. Oktober 1 5 :in handelt, indem es das in Württemberg bestehende ״löbliche Herkommen und Gebrauch, daß kein Jud darinnen enthalten, noch onc sonder desselben Fürslenthnmbs regierenden Herren bewilligen und begleiten, darin zu wandern gcdnlt, sonder so lind wan sie darinnen begriffen, darum hertiglich .gestraft worden sehn," bestätigt; der Jude des württembcrgijchen Reskripts vom l 8. April l lllll, welches ans Ersuchen der Landschaft ״seßhafte Juden ansschafft"; — alle diese Inden waren und blieben trotz der landesherrlichen Härte und Lieblosigkeit in ihrem innersten Kern gesund tind stark. Das von Außen ans sie eindringende widrige Geschick berührte nur ihr Aenßercs, den! Sturm gleich, welcher durch den Wald dahin braust unb ihn seines Schmuckes, der Blättcrkrone, beraubt, aber die int Innern von der Wurzel bis zum Aste mächtig wirkende Rrajt nicht zu erlödten vermag. Der Sturm verrauscht, der Watd aber besteht in jugendlicher Stärke und schmückt sich wiederum mit neuem Grün. Wehe aber, wenn still itnd heimlich das unscheinbare winzige Insekt die schützende Rinde langsam anbohrt. Der majestätisch in die Lüfte emporragende Banmriese ahnt nicht, das; an seinem Stamm das Verderben nagt; er wähnt sich stark und mächtig wie zuvor 1111b merkt nicht, daß immer weiter das Unheil schreitet, daß in seinen! Innern der Wurmfraß schrecklich wüthet. Der Feind nähr! sich von seinem Mark; auf seinen verheerenden Zügen in des Baumes Herzen legt er überall seine Brut nieder, ivelche demnächst an dem Zerstörungöwerte weiter arbeitet, bis endlich alle Säfte ansgczehrt, alles Marl geschwunden uub der ehedem so!'rüstige, für die Jahrhunderte geschaffene Stamm langsam dahin׳- siechend abstirbt und verwittert. Ein solches Verderben nagt an dem Mart des jüdischen Gemeinlvesens Württembergs und bedroht dessen Leben seit langen Jahren. Wenn nicht der Stamm eine so bedeutende Fülle von Säften besäße, wenn er seine Wurzeln nicht in so weiter Ausdehnung lind Tiefe streckte, - - er wäre schon gänzlich verdorrt und morsch geworden und läge gefällt am Boden. Aber krank ist er und schwach;' wenn er noch vom sicheren Tode gerettet werden soll, so darf nicht gezögert 'werden, so gilt cs die Brutstätte der Verheerung zu zerstören und den am Mark zehrenden Feind zu entfernen. Dieser gefährliche, mit Untergang drohende, den inneren Organismus des württembergischcn Judenthnms zernagende Feind ist die in Betreff der Israeliten