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Jeschurun · 1883-04-19 · Heft 16-17 (19.4.1883) · p. 247

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 16-17 (19.4.1883)
Article
Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
Date
1883-04-19
Page
247 (sequence 2)
Language
German
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247 führte. Am Freitag jedoch, sobald der 3abbatl) nahte, hatte sie die Arbeit fortgelegt und dis zum Montag ruhen lassen, denn im Bauernhöfe fürchtete sic, durch Arbeit am Sonntag Anstoß zu geben. Der junge Bauer sann unaufhörlichwie er Speisen herbeischassen tönin’, die sie genießen werde; er hatte vielleicht nicht Unrecht, wenn er die Verzögerung ihrer Heilung ihrer ungenügenden Kost znschricb, uautentlich da sie, ohne jede körperliche Bewegung, von dein schweren, ihr ungewohnten Banernbrode nur wenig genießen konnte. Milch und Eier standen ihr zwar im Uebcrfluß zu Gebote, ebenso Honig, und außerdem versorgte sie der Toni mit den! schönsten Obst, das er auflreiben konnte. Doch als sie am Sabbath nicht einmal die Milch genoß, die er am Sabbath in ihrer Gegenwart gemolken, und auch daS Obst unberührt ließ, das er frisch für sie gepflückt, da ward er ernstlich unwillig, und sein Kopfschütteln und sein Murncelu wollten kein Ende nehmen. Am zweiten Sabbath jedoch hatte er schon vorgesorgt, daß Milch und Obst vom Freitag her vorhanden. Auch die Blinde hatte das sauste, geduldige Mädchen, das nie eine Klage, oder auch nur einen Ausdruck von Ungeduld laut werden ließ, von Herzen lieb gewonnen; sie sehnte ihre Genesung aufrichtig herbei, doch sie mochte nicht daran denken, daß sie dann den Hof wohl bald, verlassen werde. Und auch Mirjain fühlte sich troß der Entbehrungen, die in nichtjüdischer Umgebung unvermeidlich waren, und trotz ihres körperlichen Gebrecheits recht heimisch in ihren! neuen Kreise. Für die Blinde empfand sie aufrichtige Liebe und ward nie utüde, den Erzählungen und Belehrungen der braven alten Frau zu lauschen, und auch u!it dem Toni unterhielt sie sich gern. Da sie nun einmal fern von den Ihren weilen mußte, so wäre sie recht gern für die Dauer hier geblieben, wenn nur Glaubensgenossen im Dorfe gewesen wären. Doch ganz allein unter Nichtjuden fürchtete sie beständig, irgend ein Verbot zu übertreten oder irgend ein Gebot zu übersehen. — Sie wußte, daß sic wenige Tage vor dem Fasttage um die Zerstörung Jerusalems das Elternhaus verlassen. Daß sic diesen Fasttag nicht gehalten, darüber machte sie sich keine Skrupel, denn damals war sie noch recht schwach und leidend gewesen und auch daheim hätte die Mutter ihr nicht gestattet, unter ähnlichen Verhältnissen zu fasten. Von den Sabbath- und Speisegesctzen hatte sie ebenfalls noch keines übertreten. Aber der Herbst nahte und mit ihm die Feiertage und sie wußte nicht, ob sie sich aus ihre Berechnung, an welchen Tagen dieselben fallen würden, verlassen könne. Eine unaussprechlichc ׳Augst übersiel sie, wenn sic der Möglichkeit gedachte, die herannahenden Feiertage ans dem Dorfe verbringen zu müssen, und mit jedem Tage steigerte sich diese Möglichkeit zur Wahrscheinlichkeit. Es war an einem Sonntag Nachmittag, die Lust war heiß uud schwül, im Hause war es nahezu uncrträglich, doch an der Ostscite des Gartens, wo der Mühlbach vorübcrfloß und mehrere Reihen dicht belaubter Obstbänme den herrlichsten Schatten gewährten, dort war es selbst bei dieser drückenden Atmosphäre lauschig und kühl. Obgleich von dem Wohnhause ziemlich entform, hatte der Toni doch nach dein Mittagessen das junge Mädchen hierher getragen, und seine Mutter, von der Kali geführt, war ihnen gefolgt. Der junge Bauer hatte sich dann za seiner Braut begeben, während Mirjam an der Seite der Greisin auf schwellendem Nasen ruhte. Sie war etwas bleicher und schmaler als au jenen! Sabbathuachmittage, au den! wir sie zuerst in Lewin'S Garten getroffen, aber ihre Züge waren nicht erregt wie damals, im Gegcntheil, ein Ausdruck sanften Friedens, einer fast heitern Resignation lagerte auf ihrem Augesicht. Sie hatte gcthan, lvas zu thuu sie als Pflicht betrachtet, und so unklar die Zukunft vor ihr lag, sie sorgte nicht, sie hatte die feste Zuversicht, Er. um dcssentwillcn sie Alles aufgegebeu, werde sie den rechten Weg schon finden lassen. Heiter plauderte sic mit der Greisin, schilderte ihr die Schönheit des Gartens, den diese vor nahezu vierzig Jahren selbst mit angelegt. Die Alte kannte jeden einzelnen Baun! des Gartens, jedes Beet und ließ sich von Allem erzählen. Wie reichbeladen mit rothwangigen Früchten der Baum, unter dem sic weilten, und wie golden die Birnen an dem gegenüberstchenden erglänzten, und wie hoch die Sonnenblumen dort am anderen Ende des Gartens, und wie schon die Astern und Georginen. Uub wie lauschig der Mühlbach da vorüberrieselt, wie das Wasser glitzert im Hellen Sonnenschein, llud dort, dort kommt ja der Toni mit seiner Braut. Er führt sie an der Hand, und jetzt gehen sie über den Steg, der über den Mühlbach führt. Die Bozena geht voran und der Toni hinter ihr drein. Er grüßt herüber zur Mutter hin, und die Greisin und das junge Mädchen erwidern freundlich seinen Gruß. Wohin sie sich wenden? — Ah, sie kehren ja ein in den Seidlerhof und jetzt sind sie auch schon im Garten! ״Grüß Gott, Mutter uud Marie!" ruft der Toni schon von Weitem, und auch Bozena begrüßt die Scidlerin, — für die Lahme hat sic kein Auge. ״Draußen ist's zu arg;" erklärte der Toni, indem er mit feinem Tuche die Hellen Tropfen, die an seiner- Stirn perlten, trocknete. ״Im Seidlerhof ist's doch halt am schönsten. Gelt Bozena?" ״Hm," eutgcgnete die Dorfschönc, indem sie die etwas zu vollen Lippen spöttisch kräuselte, ״wüßt' halt nicht, daß es hier schöner war' als bei uns daheim." ״Geh, Du Mißgünstige," neckte der junge Bauer,

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