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Jeschurun · 1883-04-12 · Heft 15 (12.4.1883) · p. 229

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 15 (12.4.1883)
Article
Betrachtungen über die Judenfrage in Deutschland
Date
1883-04-12
Page
229 (sequence 2)
Language
German
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229 gefahrvoll" war, ״außerhalb der Schranken," innerhalb deren sich die damalige ״Zivilisation" bewegte, zu stehen, und seinen christlichen Glauben zu bekennen. Während eines Zeitraums von 200 Jahren, von Nero bis Diokletian, fanden zehn große Verfolgungen der Ehristen im römischen Reiche statt. Die Christen waren als ״Sonderlinge" verschrien, wegen ihrer ״engen, innern Verbindung" gehaßt, und sie standen in der That in! Gegensatz zu der damals allgemein Herrschcnden griechischen und römischen Anschammg. Und dabei entfernten sich sogar Kaiser wie Hadrian und Mark Aurel von dem ehemaligen orthodoxen ReligionS- und StaatSbcgriffc, und die antiken Formen bedeuteten schon nicht mehr das, was sic einst bedeutet hatten! Und eS gab auch eine Zeit, wo eS ״schwer und gefahrvoll" war, ״außerhalb der Schranken" der Herrsehenden christlichen Kirche mit seinen Wissenschaftliehen und religiösen Ansichten sich zu befinden. Galilei weiß davon zu erzählen und Huß und die VartholomänSnacht und die christlichen Opfer der Inquisition! Sollte in der That die Menschheit seitdem nichts gelernt haben'? Sollte aus den lodernden Flammen der Scheiterhaufen, ans den Graulen eines sich selbst zerfleischenden dreißigjährigen Krieges dem deutschen Volke nicht die Mahnung entgcgcntönen, ernst und eindringlich entgegentöncn: leget ab den Fanatismus und den Haß, verfolgt nicht um abweichender religiöser Ansichten wegen euren Mitbürger, verachtet ihn nicht, stoßt ihn nicht zurück, lasset eS keiner Minderheit ״gefahrvoll" sein, einer anderen Meinung zu huldigen, als die Mehrheit angenommen hat, — seid duldsam und liebet einander? Giebt eö keinen Fortschritt auf dem geistigen Gebiete? Erschöpft sich die Perfektibilität des Menschengeschlechts im neunzehnten Jahrhundert lediglich in der Entwicklung und Ausbildung der Wissenschaft von den Kräften der Bewegung und des Gleichgewichts? Nein, und abermals nein'. Wohl schreitet die Menschheit nur langsam vorwärts in der Uebcrwindüng des Wahns, in der Erkenntnis der Wahrheit — aber sie schreitet voran. Eine Idee gebraucht Jahr- Hunderte bis sie zur Herrschaft gelangt, aber sie erreicht ihr Ziel bestimmt. Das ist die unwiderstehliche Kraft des Guten und Wahren, daß auf die Dauer ihrem Einflüsse die Menschen sich nicht zu entziehen vermögen. Diese Zuversicht beherrscht so sehr das Gcdankenlebcn der Inden, daß sie niemals verzagten, daß sie in Mitten der glanbenswüthigscen Jahrhunderte, äugesichtS ihrer von fanatischen Horden ciugeäscherlen Wohnstatten, angesichts der zuckenden Leichname ihrer gemordeten Eltern, Kinder und Frauen sich den Glauben nicht rauben ließen, daß dennoch das GottcSreich auf Erden erstehen werde, daß dennoch die Zeit kommen werde, in welcher das Bewußtsein von Gottes allmächtiger Herrschaft in dem Kreise der Menschenfamilicn so lebendig sein werde, daß sic Alle sich vor Gott und seinem ׳Gebote des Rechts und der Liebe beugen und ein einheitliches Band alle Menschen vereinigen werde. Sic schauten in Mitten des TrübsalS der Gegenwart die herrliche Zeit, in welcher die Gewalt verstummt und jeder Frevel geschwunden, und das Reich der Wahrheit seine dauernde Herrschaft aus Erden beginnen wird, in welchem keine Stelle für. Lüge und Wahn, für Haß und Borurtheil vorhanden. Die Zeit der Leiden erschien ihnen als die Zeit der Wehen, unter welchen die Völker sich zu einem neuen bessern Dasein emporringen, und in der Bedrückung und der Schmach, dem Jammer und Elend, unter welchen sie duldeten, erkannten sie die Spuren deS heranfziehenden großen Tages der Meuschheitserlösung. Und also denken und empfinden wir auch heute. Das Morgenroth jenes großen TageS glänzt doch aus dcut in Nachtgewölk gehüllten Himmel uns freundlich entgegen; cs ist doch minder .,gefahrvoll", heute Jude zu sein, als in früheren Jahrhunderten. Die Rechtsidee waltet doch mächtiger als ehedem in dem Geiste der Völker, und die Menschen sind doch menschlicher, mitder, gerechter und besser geworden. Wir sehen nicht so trübe wie Mommsen. Er selbst ist ein sprechender Zeuge für den Fortschritt des Wahren und Edlen. Vor fünfzig Jahren stand ein anderer großer Deutscher, ihm ebenbürtig an Geist und hohem Sinn. Geschichtsforscher gleich ihm, mit an der Spitze des politischen Ringens. Diesem großen. Manne verdankt das deutsche Volk sehr viel; er war der Anwalt des unterdrückten Volks, er trat muthig ein für die Rechte des Volks, er kämpfte gegen den Mißbrauch der Gewalt und trug die Idee der Freiheit und der Gerechtigkeit in weite Kreise. Und dieser bedeutende Mann, Karl von Rottcck, sprach sich gegen die Gleichberechtigung der Inden ans, während Theodor Mommsen, sein würdiger Nachfolger, mit edler Entrüslung den Gedanken an eine Schmälerung der Rechte der Juden als eine Schmach für das deutsche Volk zurückwcist. Rottcck und Mommsen — der Gegensatz verbürgt uns den Fortschritt der Entwicklung der Rechtsidee im deutschen Volke innerhalb eines Zeitraunts von einem halben Jahrhundert. Darum werden wir in der unerschütterlichen Ueberzcugung, dem werthvollsten Erbe, welches unsere Vorfahren uns übergaben, nur bestärkt, daßnicht immer eS ״gefahrvoll" bleiben wird, Jude zu sein. Uns schreckt die Gegenwart nicht; wir gewahren auch in ihr den i Odem des allmächtigen Weltenlenkers über dem wo-! gendcn Getriebe der Menschenwelt und harren in heiterm

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