Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1883)
- Article
- Judenthum und Bibel auf der Anklagebank im Hause der Abgeordneten
- Date
- 1883-04-05
- Page
- 210 (sequence 2)
- Language
- German
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210 Widerlegung zu würdigen brauche. Aber gegenüber j den heiligen 3d)vijtcn der göttlichen Ossenbarung ist j erlaubt, was anderwärts verboten, hier glaubt man sich! nubcbcnUid) aller!)Rücksichten rutsch lagen zu dürfen, die ' sonst dem Manne der Forschung die wissenschastliche! Vorsicht und dem Braune des literarischen Worten das l Schicklichkeitsgefühl auch den! abfällig bcnrtheilten Werte j eines sehlsamen sterblichen Menschen gegenüber anslegen. j (Sv5 ist hier nicht der Ort, ans die tiefer liegenden Ursachen der Erbitterung gegen die Bibel cinzngehcn, der jene unwürdige, geringschätzige Behandlung enrstammt. Wir beschränken und hier ans die kurze Bemerkung, das; die Schuld nicht ausschließlich mcd nicht in erster Vinie die Naturforscher, sondern in erster Linie 1111 b zum großen Theile die Theologen tragen, und zwar nicht blos die orthodoxe Theologie, sondern und zwar ganz besonders die rationalistisch-kritische ״Bibelforschung," wenn anders eine Behandlung, die an den Gegenstand der Forschung mit bestinnmen vorgefaßten und mit unerschütterlicher Zähigkeit fcstgchaltenen Meinungen Hinantritt, sich dadurch jedes Eindringen in den Geist und das eigentliche Wesen des zu erforschenden Objektes von vornherein verschließt und in Methode und Hypothesen den Vorwurf der Oberflächlichkeit linb Gedankenlosigkeit nur schwer vcni sich abwälzen könnte, auf die Bezeichnung einer in Wahrheit wissenschaftlichen Forschung mit Recht Anspruch machen kann. Ein eklatantes Beispiel bietet in dieser Beziehung gerade das Tendenzmärchen von den zwei ״Verfassern" der Schöpfungsgeschichte. Dasselbe ist natürlich für den Herrn Geheimrath eine über jeden Zweifel erhabene, wissenschaftlich erhärtete Thatsache. ״Wir wissen heutzutage, daß die Schöpfungsgeschichte gar keine Ursprunglich jüdische Erfindung war. Es ist'.authentisch, urkundlich festgestellt, daß diese Lehre schon in den alten assyrischen Bibliothekett enthalten war. Sie ist also (sic! wir kommen auf dieses köstliche ״also" noch zurück) eine übertragene Lehre. Die Lehre tritt uns aber in den Büchern Mosis iticht in einer bestimmten Form entgegen, sondern in zwei Varianten; in den verschiedenen Kapiteln ziehen sich zwei Traditionen erkennbar durcheinander, so daß man sie philologisch noch auseinander bringen kann." So Virchow A. a. O. S. 922. Für diejenigen geneigten Leser, die nicht so ״gelehrt" und nicht so ״theologisch gebildet" sind, um von dieser Schandermähr etwas zu wissen, wird cs vielleicht lticht nnwillkontmen sein, wenn wir mit zwei Worten diese bisher nicht schmerzlich gefühlte Lücke ihres Wissens attsfüllen. Schwer ist cs .eben nicht. Viel Kopf gehört nicht dazu, diese Wahrheit zu verstehen, nicht viel mehr als dazu gehörte, sic zu erzeugen. 'Also folgen Sic mir gcfaUiflft in den Tempel dieser Bibel-״Forschnng" und Sic werden sich mit winzigen zwei Schritten aus der höchsten ״Höhe der Wissenschaft" befinden. Die Sache ist nämlich die. In! ersten Kapitel der Genesis wird Gott als "Elokim" bezeichnet, während er im zweiten Kapitel ״Haschem- (für den von uns nicht ausznsprechenden vierbnchstabigen Goltesnamen) Elokim" genannt wird. Wunderbar, höchst wunderbar, wie Sie mir;«geben werden. Diese höchst wunderbare Erscheinung nun war es hauptsächlich, die dent belgischen Arzte Astrue viel Kopfzerbrechen verursachte. Offenbar war die Genesis krank, allein alle Versuche der Diagnose waren vergeblich. Nun war er nicht umsonst ein gelehrter Arzt. Da ist cs denn kein Wunder, daß ihm der Wahlsprnch des Vaters der Medizin cinsiel: ״Wo keme inneren Mittel helfen, da hilft das Messer." Heureka! zu Deutsch: ich hab's! jubelte er und die große Entdeckung war gemacht. Was dem Kopfe nicht gelungen, das Messer wird's vollbringen. Patient, nämlich die arme Genesis, ward flugs in die chirurgische Klinik geschasst und die chirurgische Behandlung that, was die Ehassepots bei Mentana, nämlich Wunder. Ein kühner Schnitt — und Dr. Astrue hatte seinen götllicheu Kollegen Hephästos um eine Kopflänge geschlagen. Wenn dieser durch seine berühmte Kur ans Zeus' Haupte nur Eine Minerva au's Tageslicht befördert hatte, so ließ .Kollege Astrue durch seinen operativen Eingriff zwei ehrwürdige bemooste Häupter zugleich aus der Schnittfläche der beiden nunmehr glücklich von einander getrennten Kapitel der Genesis an das ihnen so lange schnöde vorenthaltene Licht der Welt hinanstreten: einen ״Elohisten" und einen ״Haschemisten," der Erstere Vater des ersten Kapitels, . während der Letztere sich rühmt Erzeuger des zweiten 311 sein. Ein späterer Bearbeiter, ob cs nun ein Moses war, oder ob er ein fünfhundert oder tausend Jährchen später lebte, hatte die beiden Kapitel dann zusammengeschweißt und ihre Autoren in den Oublietten der welthistorischen Rumpelkammer verschwinden lassen, ans denen sie wie gesagt erst Dr. Astrue in dem ewig denkwürdigen Jahre 1753 befreite. Seltsam, meinen Sie, Höchst seltsam? Wer, der philologisch-theologische Ehirurg Astrue? Den haben Sie eben nicht gemeint? Ah, ich verstehe, Sic meinen ben ״Moses" oder den unbekannten Bearbeiter. Sic meinen, wenn Der die beiben Urkunden für Eine und zlvar für sein Werk ausgeben wollte, warum hat er denn nicht, )vorauf doch jedes Kind kommen würde, konsequent sich für Einen Goltesnamen entschieden? Er hatte ja jedenfalls ein hundert Jährchen Zeit, sich's zu überlegen. Zur Leipziger Oslermesse brauchte er ja mit seinem Opus nicht fertig zu tvcrdcn, und für den Buchhändler- Katalog kam es noch immer zu früh. Da meinen Sie denn, cs heiße doch einem angeblichen Fälscher, denn