Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1883)
- Article
- Judenthum und Bibel auf der Anklagebank im Hause der Abgeordneten
- Date
- 1883-03-29
- Page
- 195 (sequence 3)
- Language
- German
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195 Steuerrad das Schiss nach seiner Willkühr lenkt, — der Telegraphist, der durch Ocssncn und Schließen der Kette sein Wort in ungemessenc Formen zeichnet, — der Industrielle, der durch die sinnreich erdachten Maschinen die Naturkrüfte für seine Produktion arbeiten läßt, — der Astronom, der mittelst seiner Instrnmcnte sich einen Blick in die Himmelshöhen eröffnet, — sie Alle vcrstehen cs, die Naturkrüfte und deren Gesetzmäßigkeit in den Dienst ihrer Zwecke zu stellen. Das vermag der Mensch. Und doch steht er, trotz des bereits seit Jahrtausenden vorhandenen Bewußtseins von der Gesetz- Mäßigkeit in der Natur, immer noch an der Schwelle dieses unendlichen Reiches des Endlichen und fängt erst an in diese Gesetze eiuzudringcn, oder, wie der Psalmist es nennt, den Gedanken Gottes in der Natur, ahnend, forschend, von Ferne nachzuspüren, und doch uöthigcn ihn immer neue Entdeckungen, immer neue Einblicke von Jahr zu Jahr zu einer ״Berichtigung" bisheriger wissenschaftlicher ״Ucberzeugungen" und zwingen ihm die Erkcnntniß auf, daß die Hypothesen, die er für ״erwiesene Naturgesetze" gehalten hatte, zu den ״überwnndenen Anschauungen" gehören, und jeder Schritt vorwärts läßt ihn immer deutlicher der Winzigkeit des bereits Erkannten im Vergleiche zu der Unendlichkeit des ״noch" nicht Erkannten inne werden. Nun, waS also gleichwohl der Mensch, trotz der Unzulänglichkeit seines Wissens und trotz der Beschränktheit seiner straft vermag, nämlich die Gesetze und Kräfte der Natur seinen Zielen, seinen Zwecken dienstbar zu machen, das wäre dein Schöpfer dieser Kräfte und dem Urheber dieser Gesetze nicht möglich, ohne diese Gesetze aufzuheben und ohne die Gesetzmäßigkeit zu erschüttern'?? Man kann den Glauben an eine Vorsehung ver spotten, man kann den persönlichen, allmächtigen, frei über die Naturgesetze gebietenden und wann und wozu eS ihm beliebt sie lenkenden Gott leugnen: nimmer aber wird cs gelingen, einen inneren Widerspruch zwischen dein Glauben an diesen freien Gott und der Erkcnntniß der Gesetz- Mäßigkeit in der Natur nachznweisen. >s. H. ZglgWmslhc ZMl!M׳is!>ti1. Bon Samson Raphael Hirsch. V. Das Wort. (Fortsetzung.) Das in den Dienst der sittlichen Wahrheit getretene Wort zeigte sich vornehinlich als Belehrung imd Zurechtweisung in heilsamer Wirksamkeit. Die Lippen des Gerechten weiden Viele, Und Unweisc gehen aus Einsichtsmangcl zu Grunde. (K. 10, 2 l.) ״Weiden," ירעו, d. i. führen Viele in den rechten Weg und erhalten sie darin. Denn das Unrecht, das geschieht, geschieht nicht immer ans bösem Willen, häufig ist Mangel an Einsicht Schuld, somit ein großes Feld für die Wirksamkeit des sittlich belehrenden Wortes. Alis den Lippen des Einsichtsvollen ist Weisheit zu finden, Und Zucht für den Rücken des Einsichtslosen. (K. H>, 13.) נבון, wer sich nicht nur die theoretische Weisheit, ,הבכור, ungeeignet, sondern au* ihr die richtige Auffassung des Lebens und seiner Erscheinungen zu folgern versteht, die Lippen des;נבו sind ganz geeignet, die Lehren der Weisheit darzurcichcn und durch sein Wort an dem Einsichtslosen das, nämlich die Besserung, zu vollbringen, was sonst nur durch schmerzliche Züchtigung hcrbeizuführen versucht werden kann. Ansehen der Person im Gerichte gelten lassen, ist gewiß nicht gut. Aber wer auch sonst zu dem Gesetzlosen spricht: gerecht bist Du,' Den müßten Gesellschastcn brandmarken, Staaten - mit bitterstem Tadel treffen. Denen aber, die die Menschen zurechtweisen, sollte Wohlwollen werden, Und über sic Segen des Guten kommen. Kuß verdienen die Lippen Dessen, Der dem Rechten zugewandte Worte erwicdcrt. (ft. 24, 23—20.) Wer einen Menschen mir nachznsolgen znrechtwcist, verdient mehr Wohlgefallen zu finden, Als der Mann mit glatter Zunge, (.ft. 28, 23.) Vesser, offene Zurechtweisung Als schweigend bleibende Liebe. Treu meinen es die Wunden, die ein Freund uns schlägt, Abgcdrungcn aber sind die Küsse eines Feindes. (ft. 27, .'>. (J.) Die Gesellschaften und Staaten leiden schwer darunter, daß im gesellschaftlichen Verkehr das nrtheilende Wort nicht mit derselben Schärfe ans der Goldwage der sittlichen Wahrheit gewogen wird, wie dies im richterlichen Urthcil als Gewisscnspslicht anerkannt ist, und die zu weit gehende, allerdings bis zu einem gewissen Grade durch das .gesellige Zusammenleben gebotene, Anstandsrücksicht, Höflichkeit, in Schmeichelei und in Verleugnung aller Aufrichtigkeit aitsarten läßt. Wird dem Sittlichschlechten in der Gesellschaft Hochachtung entgegen getragen, darf Keiner, der cs aufrichtig mit der sittlichen Wohlfahrt der Menschen meint, zu einem geraden aufrichtigen Worte für das Wahre und Rechte den Mtlnd öffnen, ohne als Störenfried das gesellschaft-