Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1883)
- Article
- Aktenmäßige Darstellung der jüdischen Zustände in Rußland
- Date
- 1883-03-22
- Page
- 186 (sequence 2)
- Language
- German
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186 11. s. w. Der russische Schriftsteller Afanasicw sagt in I seinem Werke über das Gouvernement Kowno S. 582. f 5.^5: Die Juden wohnen gedrückt und zusammengcdrängt,; mitunter mehrere Familien in einem kleinen Zimmer.! Der Verdienst der Jiiden ist nicht groß, und cd giebt! viele arme ׳Arbeiter, deren Familien beit ganzen Tag saften und ans den Abend warten, bis der Vater heimkommt, ihnen etwas von seinem Verdienst für den Tag zu bringen. Der Kräfte׳Zustand und die körperliche Gesundheit der Juden hält gleichen Schritt mit ihrer ökonomischen Vage. Es ergiebt sich das mit Evidenz auS den in dem militärisch - medizinischen Journal (woermi ■1m^U־>־in<ki jounial) vom 2Nonat August 1875 bis 187!) enthaltenen Miltheilungen des Dr. Snegurow über die Untersuchung des Brust-Breiten-Maßes der zum Militär berufenen Leute. Das Maß für einen zum Militärdienst tauglichen Mann bestimmt sich nach der Umfaugsgröße des Brustkastens im Verhältniß zur Körpcrlänge. Hub wenn wir nun die Durchschniltsgröße des Brustumfangs und der Körpcrlänge der zum Militärdienste bernsenen Inden prüfen, so findet sich, daß sie hinsichtlich ihrer Körpcrbeschafsenheit gering und mager, kraftlos und schwächlich sind, und in dieser Beziehung weil hinter den übrigen Bewohnern Rußlands zurüekslehen. Es ergiebt sich, daß die Zahl der zum Heeresdienst tauglichen Juden gering ist im Verhältniß zu der Zahl der übrigen Bevölkerungen, daß dem gegenüber die Zahl der wegen verschiedener KrankheitSzusländen Zurückgewiesencn bei den Juden groß ist im Verhältniß zu den übrigen Bevölkerungen und nach dem Urthcil des Dr. Snegurow liegt die Ursache nicht in klimatischen Zuständen, sondern die Arinnlh und das Elend, die unter der Masse der Juden in ihrer ganzen Stärke herrschen, die allein sind es, tvelche den Gesundheitszustand und die Kraft der Juden hcrabbringen. Aus dem Bisherigen ergiebt sich zur Genüge, daß die den Juden zu ihrer Erhaltung und Ernährung gewährten Mittel verschwindend klein sind im Verhältniß zu den vielen nothwendigen Bedürfnissen, die die Masse der jüdischen Bevölkerung in Rußland für die Befriedigung der natürlichsten Lebensbedürfnisse und der nothwendigsten Erhaltung braucht, zumal, da nun diese wenigen kärglichen Mittel noch beschränkt und umgrenzt werden durch drückende Gesetze und nicht im Stande sind, die auf sie Hingewiescnen zu ernähren. Der bekannte Schriftsteiler Tusbinski sagt in seinem Buche: ״Die große unter den Juden herrschende Armuth, die uns bei jedem Schritt begegnet, ist überaus furchtbar, und nur die allgemeine Hülfe der unter den Juden so sehr verbreiteten Wohtthätigkeit, rettet viele von ihnen vor Berhungerung. Die Wahrheit zeugt für sich selber. Nur durch die moralischen Eigenschaften, welche die Juden allszeichnen, daß sie sich mit einer beschränkten ökonomischen Lebensweise begnügen, sich der Trunksucht gänzlich enthalten, keine große Gastntüler und Lustbarkeiten veranstalten, keine Karten spielen, und AehnlichcS, und daß auch die Frauen emsig fleißig, sind in Führung des HauSweseuS, tnanche auch im Geschäft und Handel, nur durch diese Ursachen gelingt cS mitunter Einzelnen, sich zu größerem Vermögen aufzuschwingen; insbesondere seitdem Rußland sein Land durch den Bau von Eisenbahnen geöffnet hat, sind viele durch ihre Tüchtigkeit und ihren Fleiß zu vielem Vermögen gekommen. Auch die ärmere Klasse, die die ganze Woche sich mit ihrer Arbeit abmüht, kennt nur daö Eine Vergnügen, sich anr Sabbath und Festtagen mit anständiger Kleidung zu schinücken, statt daß die untere Schicht der nichtjüdischeu Bevölkcrung an ihren Festtagen sich bem Rausch ergiebt. Alles dies hat den Neid unserer Feinde auch gegen die wenigen Neichen wach gerufen: ״warum wälzen sich nicht die Inden barfuß nub trunken in den Gossen wie die Nichtjuden!?" Neid hat dies erweckt, nichts weiter; denn bei allem dem wäre kein Ausstand unter den Bevölkerungen gekommen, hätten sie nicht besondere Agcnteit unter der Herrschaft Jgnaticw'S dazu anfgereizt, wie klar aus seinem Zirkular erhellt. ,׳,Fortsetzung folgt.) Korrcspo1ldc!lze1l und NMicliteil. Deut s ch l a n d. — a — Berlin, 15. März. Eine interessante Frage ist dieser Tage durch richterlichen Spruch zur Entscheidung gebracht worden. Wird Jcniand durch die Bezeichnung ״Antisemit" dem.Haß und der Verachtnng seiner Mitbürger auSgesetzt, oder ist cS eine Beleidigung, wenn Jemand mit dem Epithetvll ״Antisenii!" belegt wird? Die ״Volkszeilnug" theilt hierüber das Folgende aus Stolp in Pommern mit: Der Kaufmann Mentheim Mendelssohn von hier hatte in Bezug aus Buchhalter Kutzner behauptet, derselbe sei der größte Antisemit und bemüht, andere Leute zum Antisemitismus zu bestimmen. Diese Bchanptling hatte Mendelssohn dem Kaufmann Rosen gegenüber gemacht und letzteren zu veranlassen gewußt, dem Ehef des Buchhalters von der angeblichen Parteistellung dcS letzteren Miltheilung zu machen. Kutzner erhielt nun von seinem Ehef die Aufforderung, sich von diesen: Verdachte zu reinigen, andernfalls müsse er ihn entlassen. Die Folge war, daß Kutzner gegen Mendelssohn wegen Beleidigung klagbar wurde. DaS Schöffen-