Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1883)
- Article
- Aktenmäßige Darstellung der jüdischen Zustände in Rußland
- Date
- 1883-03-22
- Page
- 185 (sequence 1)
- Language
- German
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M 12. Jeschnrirn. 185 Aktciliiiiißige parlkllun!} kr siidischcil Miiiik in 11111)1111111. -,FonscviuigO I. Ockouomischer Zustand der Indcu in dem Gebiete jhrcs Wohnsitzes. Der ökonomische Zustand der Juden in unserem Lande ist im Allgemeinen äußerst schlecht in Folge der Gesetze, welche die Inden in allen Zweigen des Lebensnnterhallscrwerbs beschränken. Verschiedene ökonomische Verhältnisse, welche in den westlichen Gegenden vorwalteten noch bevor dieselben dem russischen Reiche einvcrlcibt wurden, haben viel dazu beigelragen, die Armuth unter den Juden auszubreiten und zu vermehren. Ursprünglich waren die Juden dorthin durch günstige Versprechungen gezogen worden, welche ihnen die polnischen Herrschaften und Adeligen, die Eigenthümer der Städte und Dörfer gegeben hatten, um durch sie Handel und Industrie zu beleben. Allein zuletzt wurden die Inden genöthigt, sich unter diese harten Herren zu beugen und eine schwere Zinslast ihnen gegenüber zu übernehmen, und auch ihre Gewerbe wurden mit schweren unerträglichen Stcuerabgaben von den Adeligen allein belegt. Der russische Schriftsteller Snrowski in seiner slatifrischen Schrift (Statis<:11rsko<‘ 0]jis;1niekic\vskaja *rubenna) weist nach, daß in der Stadt Verditscheiv die Zahl dieser Abgaben sich ans 26, in der kleinen Stadt Zernobel ans noch mehr belaufen, wie eine Abgabe vom Gelränkevcrkanj, von den Häusern, den Geschäftslokalen und Magazinen, von der Viehschlacht, von jedem mit Waaren beladenen Perd, das in die Stadt hereinkommt, eine Abgabe von den Werkstätten, von den Mahl- und anderen Arbeitshäusern, von jedem zum Verkauf gebrachten Drück Vieh u. s. w. n. s. w. Die jährlichen Einkünfte der Boden-Herrschaft von Berdiischew beträgt!0 00«) Rubel. Außer allen diesen Abgaben tragen die Inden noch zwei besondere Vasten: 1. eine Abgabe vom koscher-Fleisch, wovon die Bedarfnissc der Gemeinde für Rabbiner, Vorsänger, Hospitäler u. s. w., sowie auch eine Ausgabe für die Unbemittelten bestritten werden, die die Abgaben an die Regierung nicht bezahlen können. 2. eine Abgabe, wovon die in unser»! Lande gewesenen Rabbiner - Seminare, so wie Schnlen für. die Jugend in einigen Gemeinden unterhalten werden. Und wenn nun in einem einzigen Bezirk des südwestlichen Rußlands an 447 Städte und Dörfer zum Besitz herrschaftlicher Grnndeigenthümer gehören, so kann man leicht ermessen, wie hoch sich die Last der Abgaben beläuft, welche die Inden in Westrußland in den Schatz der herrschaftlichen Grundeigcnthüiner der Städte und Dörfer dort zu entrichten haben. Außer allen diesen haben ja auch noch die Inden alle '.ic vielen Steuern und Abgaben anfzubringen, welche jeder russische Einwohner und Unterthan an die Regierung zu entrichten hat, so daß die Juden jetzt als eine besondere Bevölkernngsklasse dastehen, die eine doppelte Unterthäuigkeitslast zu tragen hat: Einmal an die Regierung und dann an die Herrschast der Städte und Dörfer, die mit ihnen ganz nach ihrem Belieben schalten können, so daß den Inden, die in ihren Städten wohnen, kein Berechtigungsschein über den Schank-Verkauf ohne ihre (Genehmigung ertheilt wird und nicht bevor sic ihnen dafür gehöriges Geld gezahlt haben. Auch die Regierung hat die große Armnth der Juden anerkannt, und hat in vielen Rundschreiben den Juden einigen Nochlaß bewilligt, weil sie ein gesehen und sich überzeugt hatte, daß die Inden nicht im Stande sind, allen Anforderungen zu genügen. Als im Jahre 1805 die Lage der jüdischen Handwerker und Arbeiter zur entschiedenen Kenntnis; gekommen war, heißt es in der allgemeinen Gesetzsammlung, 40. Thl. £ 42, 204: Auf den Jndengemeindcn ruht eine sehr schwere Abgabcnlast. Denn die Kopfsteuer von jedem Einheimischen ist bereits im Jahre!606 aufgehoben, wenn aber auch von den Erträgnissen der besonderen jüdischen Fleisch-Steuer jährlich eine beträchtliche Summe gewonnen wird, um die an die Regierung schuldigen Abgaben zu entrichten, so hat doch die :Regierung die drückende Bürde der Abgaben eingesehen, die selbst nach der Entrichtung von der Fleisch-Steuer bleiben. Der bekannte russische Schriftsteller Snroivski schildert in seinem Buche die Unglückliche Lage der Inden, die Größe ihres Elends und ihrer Arinnth mit folgenden Worten: ..In der Stadl Berdiischew befinden sich an .'»«)00 Familien mit ungefähr 25000 Seelen, deren Angen täglich sorgersnllt ausschauen, um für den Tag ihre ärmliche Nahrung zu finden, ohne daß sie am vorhergehenden Tag wissen, woher ihnen Hülse kommen und woher sie morgen die Mittel nehmen werden, die in Hunger verkommenden Seelen ihrer Familien zu speisen. In einein einzigen, dem Einsturz drohenden Zimmer wohnen zusammengedrängt mehrere Familien, ohne Rann! zur nächtlicheu Lagerstatt für ihre Kinder n. s. w. u. s. w." Der Schriftsteller Banbrowski, der die Zustände des Kreises Grodno zu beschreiben hat, spricht sich in seinem Buche Thl. I S. 6.30 sf. dahin ans, daß der größte Theil der Inden arm und dürftig sind, den ganzen Tag für das tägliche Brod arbeiten, in einer so großen Bedrängniß leben und wohnen, daß cS alle menschliche Vorstellung übersteigt, und ihr Leben in Armuth und gänzlichem Mangel verbringen. Eine ganze Familie muß sich oft mit einem Pfund Brod, einem gesalzenen Fisch und einigen Zwiebeln begnügen