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Jeschurun · 1883-03-15 · Heft 11 (15.3.1883) · p. 166

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Journal
Jeschurun
Volume
16 (1883)
Issue
Heft 11 (15.3.1883)
Article
Betrachtungen über die Judenfrage in Deutschland
Date
1883-03-15
Page
166 (sequence 2)
Language
German
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166 lichen Angelegenheiten vorzudrängen; die Andere beschuldigt die Inden einer zu großen Zurückhaltung, eine!? 2״id)־auf־)irf) selbst Zurückziehens," eines ״Sichfremd-Fühlens" im Ai reife der Mitbürger. Und et sind keineswegs mir Feinde, welche diese Vorwürfe erheben; Professor Hänel schließt sich dem erslercn und Professor Ncommsen den!;weilen an. Beide hervorragende Männer verdammen im Gefühle tief sittlicher Entrüstung die Aestrebnngen der Antisemiten. Was sollen die Inden aber beginnen, um sich des Beifalls der in Wahrheit hochverehrten Männer zu vergewissern? Treten sie in allgemeinen Vereinen unter Entfaltung regen Eifers mit warmer Hingebung auf, so trifft sie die zürnende Mahnung Hänel's — des nervösen Vordrängens, während Mommsen ihnen freundlich znlächelt: so ist cS recht, fühlt euch nicht als Fremde! — Bescheiden sie sich aber mit der Wirtsamkeit im allerengsten Kreise, so entgehen sie nicht dein Tadel Mommsens; Hänel aber neigt zustimiuend bnö Haupt: so handelt ihr vernünftig, Bescheidenheit sei eure Zier! Wir aber glanbeit, das; Beider Vorivürfc nicht gerechtfertigt sind. Die Inden im Allgenieinen drängen sich weder in ungebührlicher Weise vor, noch;iehen sie sich niisienilich zurück. Die nehmen an den össenllichen Angelegenheiten pslichtgemäs; regen Antheil und fördern im eigensten Kreise das Gute und Schöne, soweit sie solches vermögen, gleich ihren übrigen Mitbürgern. Die nchincn hierin keineswegs eine;11 mißbilligende Ausnahmestellung ein. Nur ein durch Vorurtheil befangener Blick glaubt dunkle Punt'c;u erkennen, wie nur eine unbewußte, instinktive Minderachtung überhaupt geistig bedeutende und sonst gerecht denkende und billig handelnde Männer zu dem wahrlich nicht rühmensiverthen Bestreben verleiten kann, in minutiöser Weise den Mitbürger zu bekritteln. Warum denn gerade den jüdischen Mitbürger einer solchen Behandlung unterwerfen, warum gerade an ihm Her; und Nieren prüfen, warum gerade an ihm Mängeln und Gebrechen nachspüren? Verfährt man auch gegen Andere also? Ha! man für Andere nicht den Maßstab der Bebe und Milde und bringt die allgemeine Fehlsamkeit der menschlichen Natur in Anschlag? Alle Ausstellungen, die man an den Inden macht, lassen sich füglich bei jedem Menschenstamine Vorbringen. Wir vermutheu, das; die Inden deshalb in so peinlicher Weise ansgezeichnet werden, weil man daS noch nicht ganz besiegte Vornrtheil durch irgend einen piausibeln Grund vor sich selbst rechtfertigen möchte. Wenn in den Kreisen der geistigen Elite des deutschen Volks das Urtheil über die Inden in mancher Hinsicht ein getrübtes noch immer ist, was sollen wir dann zu den vielfachen Verdächtigungen des jüdischen KaraktcrS sagen, deren sich viel tiefer Dtchendc schuldig machen, schuldig machen in der bestimmten Absicht, die staatsbürgerliche gleichberechtigte Stellung der Inden zu erschüttern? Da sollen die Juden sehr empfindlich sein, kein schwere Arbeiten verrichten, die Presse mißbrauche! u. s. w. 11. s. w. Ach, ihr gestrengen Richter, die Inden haben ei! jahrtansendlanges Martyrium getragen, haben Hohl und Spott und Verachtung geduldig hingenommen und nehmen solche noch jetzt hin, — da sollten sie allzu empfindlich sein? Wenn der Jude sich unter dem Streiche krümmt, dem er wehrlos seinen Rücken bieten muß, da beklagt man sich über dessen übertriebene Empfindlichkeit? Wir sind doch auch ״so zu sagen Menschen" und unser Her; blutet, wenn dessen warme Empfindung für des ViterlandS und der Mitbürger Wohl und Weh schnöde zurückgcwiesen wird; und wenn man übcrmüthig unser ganzes Wesen misch indelt und eS uns als eine Fratze mit grausem Hohn vor die Füße wirft: ״seht, das ist der Jude," so schreien wir auf in unendlichem Weh. Und Arbeit? Der Jude scheut sic nicht; er ist fleißig und betriebsam — daS wagt auch der erbittertste Haß nicht in Abrede zu nehmen. Der deutsche Jude rivalisirt mit seinem christlichen Mitbürger in Emsigkeit und Thätigkeit ans jeglichem Gebiete. Wenn Arbeit adelt, so hat der deutsche Jude diesen Adel verdient. Muß eS aber gerade ,,schwere" körperliche Arbeit sein? Steht der Holzfäller und Steinbrecher höher als der Schuster, Schneider, Tischler, Kaufmann, Fabrikant, Arzt und Gelehrte? Was soll dieser gedankenlose Vorwurf? Diejenigen, welche in der Presse und auf der Tribüne ihn erheben, sind doch auch keine Lastträger und Handlanger, und wer unter den christlichen Deutschen einen lohnenderen Erwerb ergreifen kann, zieht auch den Beruf als Handwerker, Künstler. Kaufmann, Gelehrter und Beamter vor. Und was die Presse betrifft, so mag dieselbe vielfach mißbraucht werden, aber sicherlich nicht von Inden allein. An den wahrhaft beklagenswerthen häßlichen AnSlvüchsen derselben, welche sich tagtäglich gegen die Inden richten, haben letztere wahrlich keinen Theil, wie auch schwerlich die niedrigsten, gemeinsten Erzeugnisse jüdischen Literaten entstammen. Es dürfte überhaupt evident sein, daß an der Publizistik nur ein sehr geringer Bruchtheil jüdischer Federn arbeiten, weit geringer, als fortwährend behauptet wird. Und was bezweckeu alle diese nichtigen Auschnldigungen, Verdächtigungen und Verunglimpfungen? Die Juden in ihren wichtigsten Rechten zu schmälern. Wenn man bedenkt, daß das deutsche Reichsstrafgcsetzbuch die Aberkennung der bürgerlichen Ehren-

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