Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-03-08
- Page
- 153 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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M ltt 153 Jeschurun. Aus de» ®kntoire» eines Bettlers. Mitgetheilt von ZcapyLasi Simon. kl. ("Uc :)icititc i'oi'l'chrtltca.J (yortfc^unfl.) Aber ich will nicht leugnen, daß unter den vielen Gefährten meines Leids sich manche befinden, welche noch weiter als ich sich vom Pfade der Wahrheit, von den Wegen der Tugend entfernt haben. — Haltet inne, ihr Glücklichen, mit dem BerdanimnngSnrlheile, ,velchcS euch so rasch und leicht wird, wenn cs einem herumstreifenden Bettler gilt! Seid ihr denn so streng gegen euch und euresgleichen? Legt ihr denn in euren geschüftlichen und gesellschaftlichen Beziehungen jedes eurer Worte auf die Waage der Wahrheit, deren Zünglein so empfindlich ist, daß cS jede kleinste Abweichung sofort markirt? Seid ihr denn auch sonst so peinlich gewissenhaft und tugendhaft, daß ihr euch mit Abscheu von jedem Unreinen und Unsittlichen abwendet, oder verzeiht ihr nicht vielmehr so leicht den kleinen Schwachen der menschlichen Leidenschaften, wo sie bei euch und euresgleichen zum Lorschein gelangen? Warum messet ihr mit zweierlei Maaß? Ist denn nicht auch der Bettler ein Mensch gleich euch, fehlsam und schwach und der Versuchung anSgesctzt? Ja noch mehr! — Versetzt euch doch einmal in die Lage eines heimathlosen Bettlers, dessen Leben eine fortgesetzte Kette von lauter Verlockungen zur Sünde ist — und lernt dann eine milde Benrtheilnng seiner Fehler. Wahrlich, der Mann, welcher ans dieser tiefsten Stufe des Elends sich den sittlichen Adel der Seele ungetrübt zu erhalten gewußt hat, der steht so unvergleichlich hoch, daß an seine Größe Niemand hinanzurcichen vermag! Der Hunger demoralisirt; die Verachtung der Menschen crtödtet daö Selbstgefühl, jene ׳Schutzwehr gegen die Sünde; das Bewußtsein der Heimathlosigkeit drückt den Menschen ans den Standpunkt des Waldlhiers hernieder; — gehetzt, gehöhnt, verachtet, bettelnd, hungernd, frierend, in Lumpen gehüllt wandeln wir durch die Länder. Wir haben keine Ehre vor den Menschen zu schützen, weil man uns ohnehin keine zuerkennt. Wenn bei uns die List des Fuchses, die Habgier des Wolfes zum Ausbruche gelangen, wenn wir — nur dem Augenblicke lebend, weil uns die Bedingungen fürdie Existenz dcS anderen Tages fehlen, — den Lockungen deS Moments nicht immer Widerstand zn leisten vermögen, wenn wir in vcrzweiflungSvoller Stimmung den Jammer unseres Daseins zu betäuben uns bemühen, — verdienen wir dann nicht ein milderes Urtheil?? Fern sei eS von mir, in dem Elende einen Freibries für das Verbrechen zn erblicken; aber ich niöchte an die (Gefahren der Arinnth für die Sittenrcinheit der Menschen erinnern und um Nachsicht und Milde bitten.- -— Fünf Jahre sind bereits verflossen, seitdein ich hernmirrc, um ein Plätzchen zu finden, wo ich mit den Meinen vereint ein ärmliches kluterkontmen nehmen könnte. Bant doch der Vogel sein Nest, webt doch die Spinne sich die.schützende Behausung — mir aber will cs nicht gelingen, ans der weiten, schönen GolieSerde eine feste Hütte zu gründen! Durch den Oheim meiner Frau habe ich den Mcinigcn.Kunde von mir zugehen lassen und empfange auch Nachricht von ihnen. Was ich geahnt habe, hat sich erfüllt — mein Hab und Gut ist cingezogen, Weib und Kinder sind arm und elend gleich mir. Sie haben unser» Wohnort verlassen und sind zum Oheim gezogen. Er aber, welcher durch die Einkünfte seines geringfügigen Amtes als Synagogcndiener nur kärglich sich, mit seiner Familie ernähren kann, hat durch mein Unglück auch gelitten. Wir hatten die ihm von meinem Schwiegervater gewährte Unterstützung regelmäßig fortgesetzt und in den letzten Jahren, in welchen wir zu eine!» geringen Wohl׳ stände gelangten, dieselbe erhöht. Er muß diese nun auch missen. Die Gemeindcmitglicder sind arm; sie können nur wenig für meine Frau und Kinder leisten; diese sind ans die Bettelpfennige des in der Ferne weilenden Gatten und Vaters angewiesen. Ich lege Pfennig zu Pfennig und sende sie den thenern Menschen — der Vorsehung dankbar, die cS mir vergönnt, für sic zn sorgen. So komme ich nicht dazu, einige Ersparnisse zu machen, um einen kleinen Handel beginnen zu können. Die Noth des Augenblicks erheischt jeden Groschen, den ich erlange. Seit fünf Jahren juche ich Arbeit, — mich will Niemand; inan fürchtet, der fremde Vagabond könne der Gemeinde, der Stadt zur Last fallen; denn Nolh und Sorge liub Gram haben meine Kraft gebrachen, meinen Leib vorzeitig altern lassen.-- Wenn cs Dir nicht gelingen will, einen ehrenhaften Erwerbszweig zu ergreifen, vielleicht kannst Du cS ermöglichen, daß Deine Frau ein bescheidenes Geschäftchen in der Heimalh begründet, — so habe ich gedacht und den Plan gefaßt, durch verdoppelte Anstrengung und durch noch größere Beschränkung und Entziehung des Leibes Nolhdnrft das anscheinend Unerreichbare zu verwirklichen. Hundert Thaler wollte ich zurücklegen, hundert Thaler, eine unermeßliche Summe für Denjenigen, der keinen Pfennig hat und Frau uub fünf Kinder ernähren muß! Ein kühner Gedanke — so kühn, daß nur der Aermste ihn begreifen und würdigen kann!