Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1883)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1883)
- Article
- Aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts
- Date
- 1883-03-08
- Page
- 152 (sequence 2)
- Language
- German
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״DaS mag so richtig sein und Du bist 'n Herz-! Haftes Mädcrl, daß Dich nicht sürcht'st. Aber jetzt! kannst doch m weiter. 'S Beste wird sein, i trag' Di; l)cim zu meiner Mutter und lauf' um 'n Bader, daß er Dein Bein kurirt und Du bleibst bei uns, bis; Alles wieder gut ist." Mirjam wollte Einwendungen machen, sie werde schon gehen können, doch er gab es nicht zu. Lachend, aber '.doch mit größter Vorsicht für das verwundete Bein, hob er sie vom Boden. ״'s Beste wird sein, i frag Di ni. Hab' i Di doch a ni g'fragt, ob i Di anschießcn sollt'. Aber furcht' Di nix, Kind, so'n luftiges Mädcrl kann i schon tragen. Die Bozcna, das ist nieine Braut, die ist dreimal so schwer als wie Du, und i Hab' sie a schon getragen. Mußl's nur sagen, wenn i's Bein drück! Schmcrzt's arg?" 3ic bet heuerte, daß der Schmerz unbedeutend, und bat wiederholt, sic das Gehen versuchen zu lassen; er aber gab nicht nach. ״Gern bin i, daß Di'S ni schnterzt, aber mir ist'S noch arg, darum muß ich Dich tragen!" und rüstig schritt er mit seiner allerdings nicht übermäßig schweren Last aus der Kaiserstraße dahin. Die stacht war inzwischen vollständig hereingebrochen, der Mond aber noch nicht ausgcgangen. DaS schüchterne junge Mädchen befand sich in unsagbarer Verlegenheit; im Finstern ans der Heerstraße, auf dem Arm des ihr wildfremden Mannes, der sic verwundet hatte — und zudem schmerzte sic das Bein weit mehr, als sie cingestchen wollte. Ihr gutmüthiger Begleiter aber bemühte sich redlich, durch freundlich tröstende Worte ihr Vertrauen sich zu erringen und sie ihre Lage weniger peinlich empfinden zu lassen. ״Keine zehn Minuten wird's sein und wir sind daheiin." Er hatte ihr bereits mitgctheilt, daß der erste Bauernhof im Dorfe sein eigen, daß sein Vater im vorigen Jahr gestorben und ihm denselben himerlassen habe, und daß seine Mutter bei ihm wohne. Zu ihr wolle er sie bringen und bei ihr müsse sie bleiben, bis ihr Bein vollständig geheilt. ״Jetzt weißt', wer i bin", fügte er hinzu, nachdem er ihr seinen ׳)kamen, Anton Seidler, genannt hatte, ״jetzt mußt aber sagen, wie Du g'rufcn wirst." Mirjam nannte schüchtern ihren Vornamen. Betroffen blieb der Bauer stehen. ״Mirjam?" wiederholte er, ״da bist am Ende Jüdin?" ״Freilich, bin ich Jüdin", entgegnete Mirjam, indem sie unwillkürlich den Kopf ein wenig zurückwarf, ״aber bitte, ich möchte hinunter, ich werde schon gehen können." ״Narrcle!" lachte der Seidler, ״meinst, mir liegt was dran, daß Du'n Judenmäderl bist? Unser Heiland selber war ja'n Jude gewesen. Aber weißt, i Hab nur gestaunt, daß Du'n Jüdin bist, weil geschienen hat, daß Deine laugen Zöpfe blond sind, und die Jüdinnen haben doch zumeist schwarze." ״Meine Zöpfe sind wohl blond, aber ich bin darmn doch ein Judenmüdchen." ״I glaub's schon und mir scheint sogar, Du bildest Dir was drauf ein, daß Du 'ne Jüdin bist? Na, wegen meiner, i bild mi a was drauf ein, daß i Evangelischer bin. Denn weißt, die Andern im Dorf sind alle mitsammt Katholische — aber mein Vater war a Evangelischer und meine Mutter, und von deßtwcgen bin i'S a. Aber weißt —", fuhr er nach lurzer Ueberlegung fort, indem er vielleicht unwillkürlich seine Schritte einigermaßen mäßigte, ״mir ist'S ja Alles eins, was Du bist — so einer bin i nicht — und meiner Mutter liegt eh nix dran, daß Du 'ne Jüdin bist — für das kenn ich sie. Aber die Knechte und die Mägde. — In nuserm Dorf giebts keinen Juden — manigcSmal kommt wohl V. Dorfgeher hin — na, wie's halt ist, Einer ist ehrlich, der Andere ist'S ni — na, schon gut, bei uns Christen giebt's a gnng Lumpe. — Aber weißt, 'S ist halt so — die Buben und die Mägde machen sich'n Jux aus 'm Jud. — Na, so lang Du aus'm Hof bist, wirst immer bei der Mutter sein, und wenn i daheim bin, wird keines schief auf Dir schauen. — Aber alleweil giebt's draußen;'schaffen, am Werkcltag muß i meistens in die Felder. Und da war mir's halt Leid, wegen meiner kannst ni weiter, etliche Tage mußt-aus'm Hof bleiben — wenn Dich da eines beleidigen thät' — 's Beste möcht' sein, Du sagest Keinem, daß Du Jüdin bist." Mirjam ward glühend roth. ״Damit man mich nicht schief ansieht, darum sage ich keine Lüge." ״Du gefällst mir," lachte der Bauer, ״aber was rcdst denn von Lügen. Brauchst Keinem zu verzählen, daß Du Mirjam gerufen wirst, so kotnmt's Keinem in den Sinn, daß Du 'n Judenniädel bist." Mirjam sah ein, daß der Mann recht hatte und daß sie, allein unter rohen Bauern, mancherlei Beleidignngcn ansgesetzt sein könnte. ״Der Vater hat mich intmer Marie genannt," sprach sie leise. ״Ah Mari, das ist g'scheidt. Do werd i di eh Mari rufen und keine Seel' wird's errathcn, daß Du kein Ehristenmüdel wärst. Aber schau, da sind wir ja beim Hof, und die Mutter sitzt noch draußen auf der Bank." (Fortsetzung folgt.)